Knochensplitter

Spurenfossilien In Sauriers Fußstapfen

Von

Frank Patalong

Zeugnisse vergangenen Lebens gibt es nicht nur in Form versteinerter Überreste. Sogenannte Spurenfossilien sind zwar meist erklärungsbedürftig und wirken zunächst wenig aufregend. Ausnahmen bestätigen aber die Regel.

Etwas prinzipiell zu wissen und etwas tatsächlich zu begreifen, sind manchmal zwei Paar Schuhe. Fossilien, wie wir sie aufwendig restauriert aus Museen kennen, haben wir als Zeugnisse der Evolutionsgeschichte akzeptieren gelernt. Jedes Kind weiß heute, dass vor unendlich langer Zeit bizarre, oft riesige Wesen die Erde bevölkerten.

Trotzdem hat das für die meisten Menschen etwas abstraktes, Science-Fiction-haftes: Es begegnet uns in unserem Alltag nicht. T-Rex-Knochen findet man nicht zufällig beim Umgraben des Gartens. In keiner Felswand haben wir je die Konturen eines Sauriers entdeckt. Für viele ist es deshalb schwer, die Verbindung zwischen unserer aktuellen und dieser anderen, vergangenen Welt zu ziehen. Sie erscheint unwirklich, eine Geschichte, nicht mehr.

Der Witz daran ist natürlich, dass es dieselbe Welt ist - das prähistorische Leben und wir haben uns nur um ein paar Millionen Jahre verpasst. Manchmal sind es die unspektakulärsten Zeugnisse, die uns das am eindrücklichsten klar machen.

Die Zeugnisse sind da, wenn man nur hinschaut

Ich habe gerade meinen Urlaub hinter mir, zwei Wochen Kroatien. Der Elektrik-Pionier Nicola Tesla hat einmal über sein Herkunftsland gesagt, dem Herrgott sei der Sack mit den Steinen gerissen, als er darüber hinweg flog. Wer Kroatiens Küsten kennt, weiß, was er meint: Wer sich dort wohlfühlen will, sollte Felsen lieben. Meist reden wir da über Kalk- oder Sandsteine, also Sedimente. Gebildet haben die sich in Jura und Kreide, also genau zur "richtigen" Zeit: Entsprechend häufig entdeckt man Fossilien, wenn man die Augen aufhält.

Der Kalkstein Dalmatiens etwa ist an vielen Stellen regelrecht durchsetzt mit teils beeindruckend großen Ammoniten und anderen marinen Fossilien. An manchen Orten der Kvarner Bucht etwa, auf der Insel Rab, gibt es Sandstein-Areale, wo von der Erosion ausgewaschene, versteinerte marine Fossilien als vermeintliche "Kiesel" dicht an dicht auf dem Boden liegen - man braucht sie nur aufheben. Die spektakulärsten, offen sichtbaren Fossilien Kroatiens sind aber Spurenfossilien, die man vor allem auf und rund um die Halbinsel Istrien findet.

Kurz hinter dem Zugang zum Landschaftsschutzgebiet Kap Kamenjak gibt es dort zum Beispiel einen kleinen Dino-Lehrpfad. Der entpuppt sich zunächst als genau das, was man befürchtet: Da hat sich ein Fiberglas-Künstler an teils deutlich überlebensgroßen Skulpturen ausgetobt, die als Wander-Anreiz in Busch und Pampa platziert wurden (siehe Fotogalerie).

Das ist für Kinder nett und für Paläo-Fans zumindest lustig, wenn auch wenig lehrreich: Metergroße Ammoniten im Gebüsch, zwei Meter hohe, anatomisch schräge Raptoren und der unvermeidliche Groß-Theropode konkurrieren da mit Haien, zwei-Meter-Ameisen und anderem Getier, dass da nicht hingehört. So ist das eben mit den Studienobjekten der Paläontologie: Meist sind sie nicht mehr als ein kleines Spektakel für den Nachwuchs.

Spuren beweisen mehr als Knochen: Das Tier war hier

Auf den Felsen am Meer aber wird es authentisch. Seit 1934 sind an mehreren Orten in und um Istrien und zuletzt am Kap Kamenjak zahlreiche Spuren von Dinosauriern gefunden worden (die schönsten sieht man auf dem Inselchen Veli Brijun).

Man sieht sie offen im Fels, mitunter als mehrere Zentimeter tiefe Eindrücke. Zehn Saurier-Arten hat man identifizieren können, als 1992 ein Taucher im Meer vor Bale fossile Knochen entdeckte - bis heute einer der bedeutendsten paläontologischen Funde im Mittelmeerraum. Was sind da im Vergleich schon Fußabdrücke im Stein?

Eine Menge. "Boah", sagt ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen gelangweilt, das mit seiner Mutter auftaucht, als ich mir einige der Spuren ansehe, "die sind ja voll klein." Ich zögere kurz, dann spreche ich sie an: "Bist Du Dir da sicher?"

Die Sauropoden-Spuren direkt vor mir haben einen Durchmesser von circa 22 Zentimetern und sind fast kreisrund. Das entspricht etwa der Fußgröße eines ausgewachsenen Flusspferdes - immerhin das zweitgrößte heute lebende Landtier. Sie sieht ein, dass das nicht wirklich klein ist. Und die Theropodenspuren?

"Stell Dir mal einen wütenden Dobermann vor", sage ich. "Und dann stell Dir vor, hier wäre Matsch, und der träte da rein. Direkt neben dieser Spur."

Wissen und Begreifen sind nicht dasselbe

Sie starrt auf die filigrane, aber gut und gern 26 Zentimeter durchmessene Theropodenspur. Glasklar zeichnen sich jeweils drei Zehen ab, die sehr, sehr spitz enden. Man sieht, wie sie im Geist das Bild ergänzt. Ich stehe auf und deute mit der Hand die Höhe des Beckens an, in vielleicht 1,30 Höhe, deute dann die Ausdehnung des Körpers an. Ihre Augen weiten sich. "Willst Du dem begegnen? Einem Zweihundert-Kilo-Dobermann?"

"Ne!", sagt sie und lacht nervös.

Und dann schaut sie kurz über ihre Schulter, dahin, wo vor rund 90 Millionen Jahren der Raubsaurier verschwand. Seine Spur ist ja noch ganz frisch.

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