Stalins Erbe Uranschlamm aus Kirgisien bedroht Zentralasien

475 Millionen Tonnen Urangestein und Uranschlamm lagern im Gebirgsland Kirgisien - ausgerechnet in Flusstälern und dem Einzugsgebiet des großen Stroms Syr Darja. Diese Hinterlassenschaft der Atommacht Sowjetunion gefährdet Millionen Menschen.

Von Joachim Hoelzgen


Das ferne Kirgisien ist ein dramatisch schönes Land – eine Art Scharnier von Zentralasien zwischen Kasachstan, Usbekistan, China und Tadschikistan. Tannenwälder schmücken seine Täler, die in raue Hochsteppen und schließlich in das Tienschan-Gebirge übergehen, vor dem Nomaden wie eine kleine Armee der Verlorenen dahinziehen.

Schroff erheben sich hier Sieben- und Sechstausender wie etwa der Khan Tengri, der Herrscher des Himmels, über den ein kühner Marmorgrat zum Gipfel führt.

Doch in Kirgisien türmen sich zurzeit auch Probleme auf, die den Lebensmut seiner Bewohner auf das Äußerste bedrängen. Viele Kirgisen sind arm und verdienen am Tag kaum mehr als 80 Som, das sind nicht einmal zwei Euro.

Dann hat ein Erdbeben, das 72 Opfer forderte, im Oktober Kirgisien erschüttert – und ironischerweise auch das Finanzbeben im Rest der Welt. Jedenfalls befürchtet in der Hauptstadt Bischkek die Regierung den Zusammenbruch der Staatskasse, weil es plötzlich an Devisen fehlt. Und nun nehmen auch noch die Überweisungen aus Kasachstan und Russland ab, weil viele der Kirgisen arbeitslos geworden sind, die dort als Gastarbeiter auf dem Bau und in den Öl- und Gasfeldern geschuftet hatten.

Von all den Problemen ist in der ehemaligen Sowjetrepublik aber ein Erbe aus der Zeit des Kalten Krieges am bedrohlichsten. Ausgerechnet in zahlreichen Flusstälern des Berglands gibt es 92 Deponien, die Abraum von Uranerz und Uranschlämme enthalten. Es handelt sich dabei um radioaktive und hochgiftige Altlasten, die in Uranmühlen angefallen waren: Beim Zerkleinern des Erzes und bei der Herstellung von sogenanntem Yellowcake, dem gelblichen Pulver, das als Grundlage für die Weiterverarbeitung von Uran dient - bis hin zum Spaltmaterial in Atombomben.

Makaberer Cocktail mit Arsen

Josef Stalin hatte in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Abbau von kirgisischem Uran beginnen lassen. Dabei kam ihm die Möglichkeit gelegen, Wolga-Deutsche und Krim-Tataren zur Arbeit in den Bergwerken zu deportieren. Und schließlich rüstete sich die Sowjetunion mit dem Bombengrundstoff aus Kirgisien zur atomaren Weltmacht hoch –und dafür muss Kirgisien heute unverdient und schwer bezahlen.

Die Ausmaße des Schadens sind enorm. 6500 Hektar – eine Fläche von mehr als 9000 Fußballfeldern – sind in dem Land radioaktiv kontaminiert. In den Deponien lagern 254 Millionen Kubikmeter Uranschlämme und Urangestein, das entspricht 475 Millionen Tonnen, meldet der Uno-Informationsdienst Irin.

Und deren Entsorgung geschah auf die Schnelle: Die Rückstände wurden in Senken und Kuhlen gekippt und dann einfach mit Erde zugedeckt. Das Abfallgestein aber enthält erhöhte Konzentrationen von Radioisotopen und die Schlämme langlebige Zerfallsprodukte wie zum Beispiel Thorium und Radium – und aus den Deponien steigt Radongas auf, das der Wind weiterträgt. Schwermetalle und große Mengen von Arsen runden den makaberen Cocktail ab.

Mit ihm zu tun haben vor allem die Menschen von Mailuu-Suu, einer ehemaligen Uranstadt in Westkirgisien. Man ist hier von Bergflanken umgeben und von 23 Abraumhalden sowie 13 Lagerplätzen mit Uranschlämmen. Eine Studie des New Yorker Blacksmith-Instituts zählt Mailuu-Suu zu den meistverseuchten Gegenden der Welt. Radioökologen haben herausgefunden, dass die Menschen von Mailuu-Suu und den Tälern der Umgebung doppelt so oft an Krebsleiden erkranken wie ihre Landsleute im Rest Kirgisiens.

Warnung an Ochsenfuhrwerke und Autofahrer

Und natürlich untergraben Erdrutsche, Erosion und die Hochwasser des gleichnamigen Flusses Mailuu-Suu die Hinterlassenschaften des sowjetischen Rüstungswahns. Schilder mit der kyrillischen Aufschrift "Verbotene Zone" warnen deshalb am Ufersträßchen Ochsenfuhrwerke und Autofahrer, doch kaum jemand hält das zurück. "Jetzt gibt es sogar ein paar Häuser hier, obwohl die Gegend radioaktiv ist, wie man uns versichert hat", sagt etwa der Lenker eines Wassertanklastwagens gelassen.

Vor allem aber rächt sich nun, dass die Uran-Deponien fast durchweg im Einzugsgebiet des großen Stroms Syr Darja liegen. Seine Quellflüsse kommen aus Kirgisien und speisen den 2212 Kilometer langen Strom, der Tadschikistan, Usbekistan und auf dem Weg zum Aralsee auch Kasachstan passiert. "All das besitzt das Potential für eine internationale Katastrophe," meint Amanbei Sarnogojew, der Uno-Beauftragte für die Behandlung radioaktiver Abfälle vor Ort in Kirgisien. Über drei Millionen Menschen wären betroffen, wenn eine große Deponie leckschlage und radioaktives Wasser zum Syr Darja gelange.

Kirgisiens Premierminister Igor Chudinow sieht das auch so. Die Rückstände der Urangewinnung stellten eine "Gefahr der Verseuchung" für ganz Zentralasien dar, zitierte ihn am 5. November die kirgisische Nachrichtenagentur AKIpress.

Zum Glück hilft die Weltbank mit Geldern dabei, die tickenden Zeitbomben in den Ausläufern des Tienschan-Gebirges zu entschärfen. Sie sollen isoliert werden; Sensoren und seismische Stationen sollen vor Erdrutschen und Erdbeben warnen.

Eine groß angelegte Lösung des Problems schlägt der Experte Anatolij Swirdukow von der Atomenergiebehörde in Moskau vor. Er hat im Oktober die Lagerstätte von Min-Kush in Zentralkirgisien besucht, die nahe des Flusses Tuyuk-Suu 450.000 Kubikmeter radioaktive Rückstände enthält. Die Gefahr ist groß, dass sich die Deponie beim nächsten Erdbeben oder Erdrutsch in den Fluss hinabwälzt.

Swirdukow will das ein für allemal verhindern. Am besten sei es, meint er, für den Fluss ein neues Bett zu schaffen, das weit an der Lagerstätte vorbeiführt.



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