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Stammzellforschung: Forscher feiern künstliche Spermien-Produktion

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Hoffnung für unfruchtbare Paare? US-Forscher behaupten, dass sie erstmals Spermien und Eizellen künstlich hergestellt haben. Skeptikern fehlt zwar der letzte Beweis - fest steht aber: Die jetzt entdeckte Methode hilft auf jeden Fall zu ermitteln, wie schädlich Umweltgifte für die Geschlechtszellen sind.

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Corbis

Menschliche Spermien: "Wir haben reife Keimzellen hergestellt"

Spermien oder Eizellen im Reagenzglas züchten zu lassen, wäre für viele unfruchtbare Paare ein Traum. Aber auch für Frauen, die im hohen Alter noch Kinder bekommen wollen, könnten neu gezüchtete Eizellen hilfreich sein. Renee Reijo-Pera, Professorin an der Stanford University in Kalifornien, berichtet nun im Fachmagazin "Nature", dass sie und ihre Kollegen aus menschlichen embryonalen Stammzellen Spermien und Eizellen gezüchtet haben wollen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Forscher diesen Erfolg vermelden. Im Juli berichtete der britische Wissenschaftler Karim Nayernia im Fachmagazin "Stem Cells and Development", er habe Spermien aus Stammzellen hergestellt. Der Durchbruch sei ihm angeblich nur durch Zugabe von Vitamin-A-haltiger Nährlösung gelungen. Nayernia musste seine Veröffentlichung allerdings wieder zurückziehen, weil einer seiner Mitarbeiter alte Textpassagen aus einer früheren Veröffentlichung Wort für Wort übernommen hatte. Nayernia sagte damals, die wissenschaftlichen Ergebnisse seien sauber und nicht der Grund für den Rückzug gewesen - doch schon damals äußerten Experten Zweifel an Nayernias Arbeit.

Reijo-Pera besteht darauf, dass ihre Experimente tadellos verlaufen sind. "Wir haben reife Keimzellen hergestellt", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Ihre Arbeit sei eine genaue Analyse des Reifungsprozesses menschlicher Keimzellen, männlicher wie weiblicher. "Unsere Arbeit ist zurzeit die einzige dieser Art, die veröffentlicht wurde." Trotz der Arbeit Nayernias? "Ich kenne den Stand der Dinge zu Nayernias Veröffentlichung nicht und kann daher dazu nichts sagen."

Die Forscherin macht Menschen Hoffnung, die Kinder wollen, aber keine bekommen können. "10 bis 15 Prozent aller Paare sind unfruchtbar", sagt Reijo-Pera. "In rund der Hälfte dieser Fälle liegt es daran, dass die Leute keine Spermien oder Eizellen produzieren können." Für diese Leute komme keine künstliche Befruchtung in Frage - aber nun vielleicht Keimzellen, die im Labor gezüchtet wurden?

Ganz bestimmte Gene manipuliert

Embryonale Stammzellen sind Alleskönner. Mediziner haben enorme Erwartungen in sie. Reijo-Peras Ansatz ist, diese Stammzellen in Spermien oder Eizellen zu verwandeln und dafür ganz bestimmte Gene zu manipulieren. Welche Gene Schlüsselelemente für die Reifung von Keimzellen sind, hat sie schon in früheren Arbeiten ausfindig machen können.

Um Zellen zu identifizieren, bei denen die Genmanipulation erfolgreich war, brauchten die Forscher einen Marker. Reijo-Pera und ihre Kollegen schleusten sowohl in männliche als auch weibliche Stammzellen ein Reportergen ein. Das ist ein maßgeschneidertes Konstrukt aus dem Leuchtquallen-Gen GFP. Es zeigt die Aktivität bestimmter Gene an, indem es die Zellen zum Leuchten bringt. In diesem Fall ging es um das Gen VASA, eines der Schlüsselgene bei der Keimzell-Reifung. Hatte eine Stammzelle den Entwicklungsweg zu einem Vorläufer der Keimzelle eingeschlagen, konnten die Forscher diese unter dem Mikroskop grün aufleuchten sehen.

Anschließend gaben Reijo-Pera und ihre Kollegen zu den Stammzellen bestimmte Proteine, die die Keimzellreifung stimulieren. Nach ein bis zwei Wochen begannen rund fünf Prozent der Zellen aufzuleuchten. Mit Hilfe eines speziellen Gerätes, einem Sorter, konnten die Wissenschaftler diese Zellen von den restlichen trennen. In Genanalysen zeigten die Forscher, dass weitere wichtige Gene für die Keimzellreifung in diesen Zellen angeschaltet worden waren. Die Aktivität des gesamten Erbguts war neu programmiert worden - so wie bei Keimzellen.

Dann legten die Wissenschaftler zunächst in diesen Vorläuferzellen drei spezielle Gene lahm: DAZL, DAZ1 und BOULE. DAZL und BOULE sind Gene, die nötig sind für die Keimzellreifung. Sie sind evolutionär stark konserviert - von wirbellosen Tieren bis hin zum Menschen. Laut Reijo-Pera fehlen auf den Geschlechtschromosomen unfruchtbarer Männer mehrere Gene der DAZ-Familie.

Zellen hatten nur noch einfachen Chromosomensatz

Und tatsächlich: Das Stilllegen der DAZ-Gene legte den Forschern zufolge auch das VASA-Gen lahm. Die Forscher sehen darin die Bestätigung, dass DAZ ein wichtiger Schalter für die Reifung der Keimzellen ist.

Im nächsten Schritt machten sie genau das Gegenteil. Sie schalteten die drei Gene auf volle Aktivität. Mit Erfolg, berichten die Wissenschaftler: Nach 14 Tagen hätten sich aus den Vorläufern Zellen entwickelt, die nur noch eine einzige Kopie der Chromosomen besaßen - genau wie Spermien und Eizellen. Die Forscher nennen solche Zellen haploid. Eine normale Körperzelle besitzt dagegen jedes der 23 Chromosomen in zweifacher Ausfertigung (nur Männer haben statt eines zweiten X-Chromosoms ein Y-Chromosom).

Die Forscher konnten nach eigenen Angaben nachweisen, dass die Zellen haploid waren, indem sie in ihnen das Chromosom Nummer 16 färbten. Es habe tatsächlich nur ein Punkt aufgeleuchtet. Bei den Vorläufern waren es pro Zelle zwei Punkte gewesen.

Die Folgerung der Forscher: Die Zellen müssen in der Petrischale eine Reifeteilung (eine Meiose) durchlaufen haben - so wie im Hoden bei der Bildung von Spermien und in den Eierstöcken bei der Produktion von Eizellen. Bei der Reifeteilung entstehen aus einer Zelle mit doppeltem Chromosomensatz vier haploide Keimzellen.

"Endgültigen Beweis schuldig geblieben"

Miodrag Stojkovic, Stammzellforscher am Prinz-Felipe-Forschungszentrum im spanischen Valencia, reicht das aber nicht. "Sowohl bei dieser Arbeit als auch bei der Arbeit von Karim Nayernia sind die Forscher den endgültigen Nachweis schuldig geblieben, dass es sich wirklich um funktionstüchtige Spermien beziehungsweise Eizellen handelt", sagt er SPIEGEL ONLINE. Sie hätten zwar wichtige Hinweise geliefert, aber keine Beweise. Er wundert sich, warum die Arbeit überhaupt in "Nature" erschienen ist.

Das sieht auch Stefan Schlatt so, Direktor des Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie in Münster. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE meint er: "Das sind keine richtigen Spermien. Sie haben keinen Schwanz, keinen Motorapparat mit dem sie sich bewegen könnten."

Für Stojkovic sähe der endgültige Beweis, dass es sich um Spermien handelt, ein Befruchtungsversuch. Schlatt hingegen ist sich sicher: "Diese Spermien können keine Eizelle befruchten." Der Grund: Ihnen fehle das Akrosom, eine Art enzymatischer Bohrapparat am Kopf des Spermiums, mit dem es sich durch die dicke Eizellen-Hülle bohrt, um sie zu befruchten.

Ethisch wäre ein Befruchtungsversuch nicht unproblematisch, weil es sich um menschliche Zellen handelt - für Stojkovic kein Hinderungsgrund: "In Ländern, in denen therapeutisches Klonen erlaubt ist, könnte man das machen." Auch Schlatt meint: "In den USA wäre dies erlaubt."

Dennoch findet er die Arbeit "spannend". "Die Bedeutung des DAZ-Gens für die Keimbahnentwicklung wird klar und wir verstehen besser, wie aus einer embryonalen Stammzelle Keimzellen werden." Doch offenbar sei nicht nur die Genaktivität entscheidend für die Bildung eines Spermiums, sondern auch die Kulturbedingungen.

Fest steht: Selbst wenn Reijo-Pera die Zucht von Spermien und Eizellen aus Stammzellen tatsächlich gelungen ist, für Unfruchtbare wären auch diese noch nicht interessant. Denn sie bräuchten Spermien oder Eizellen mit ihrem eigenen Erbgut, und dieses Ziel ist nicht so einfach zu erreichen.

Für Unfruchtbare bräuchte man maßgeschneiderte Keimzellen

Ein denkbares Szenario wäre, einem unfruchtbaren Mann oder einer Frau eine Körperzelle zu entnehmen. Dann müsste man sie in eine Stammzelle verwandeln und aus dieser dann Keimzellen züchten. Es ist mittlerweile Routine, Körperzellen zu sogenannten induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) zu reprogrammieren. Die iPS-Stammzellen sind aber noch im experimentellen Stadium. Ein Einsatz im Menschen wäre nicht verantwortbar.

Eine weitere Frage: Kann man Keimzellen wirklich auch aus iPS-Stammzellen züchten und nicht nur aus embryonalen Stammzellen? Reijo-Pera hält sich mit einer Antwort zurück: "Wir müssen dringend weiter erforschen, welche Zellen noch für die Keimzellenproduktion verwendet werden können. Eine Reihe von Labors arbeitet bereits daran, verschiedene pluripotente Stammzelltypen zu Keimzellen zu züchten."

Eine wichtige Anwendung immerhin ist jetzt schon möglich: die Prüfung, wie Umweltgifte Spermien und Eizellen schädigen. "Wir können nun direkt den Effekt von Umweltgiften auf die Entwicklung von Keimzellen im Labor untersuchen", sagt Reijo-Pera. "Wir sehen sogar in der Petrischale, dass sie offenbar recht empfindlich auf solche Stoffe reagieren."

Stojkovic gibt ihr recht. Für Tests auf Toxizität und von neuen Arzneimitteln "sind diese Zellen sehr vielversprechend", sagt der Experte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Eine grossartige Errungenschaft
m. m 28.10.2009
Zitat von sysopHoffnung für unfruchtbare Paare? US-Forscher behaupten, dass sie erstmals Spermien und Eizellen künstlich hergestellt haben. Skeptikern fehlt zwar der letzte Beweis - fest steht aber: Die jetzt entdeckte Methode hilft auf jeden Fall zu ermitteln, wie schädlich Umweltgifte für die Geschlechtszellen sind. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,657884,00.html
Man könnte die Blastozysten doch gleich einsetzen, dann hätte man denselben Effekt - und es brauchte auch nicht mehr "der letzte Glaube" zu fehlen, dass es funktioniert. Natürlich ist es sicher auch wahnsinnig wichtig zu wissen, wie schädlich Umweltgifte für Geschlechtszellen sind, zugegeben. Nur wofür das wichtig ist, ist mir noch nicht ganz klar. Gifte sind eigentlich immer giftig, nicht nur für Geschlechtszellen. Ein sehr wichtiger Punkt ist wohl auch, dass auf diese Weise alte Frauen und Männer noch Kinder bekommen könnten. Wie schön, wenn sie so mit 80 gerührt erleben dürfen, wie ihr Kind sein Abiturszeugnis erhält.
2. Literaturtipp
dieMegamaschine, 28.10.2009
Diese ganze Forschung zielt doch nur darauf ab, den perfekten Menschen zu züchten ganz nach den Vorstellungen einer selbsternannten und größenwahnsinnigen Elite, ausgeführt durch von Konzernen bezahlte Forscher, die unkritisch für viel Geld beweisen wollen, was sie drauf haben. Was das eigentlich ist und bedeutet, möchte ich hier lieber nicht aus...schreiben. Nachzulesen in dem Buch von Jutta Ditfurth "Feuer in die Herzen".
3. Schwarzmarkt
mark78 28.10.2009
Ich sehe da noch ganz andere Probleme, was passiert wohl wenn man in nicht alzu ferner Zukunft nur jeweils ein Haar von 2 Leuten braucht um dann ein Kind zu (er)zeugen. Da dürfte es wohl in Zukunft einen gigantischen Schwarzmarkt geben der Promi-, Genie- oder Milliardärshaar inclusive Befruchtung verschachert.
4. So'n Quatsch
gabriele0 29.10.2009
das kann man so nicht ernst nehmen. Man kann nicht haufenweise Gruppen von Genen ausschalten und dann wieder einschalten, und meinen, man hat die Zelle nicht bereits massiv geschaedigt. Was ich am schlimmsten finde, ist dieser Wahn, jeder muesse ein eigenes Kind haben. Mit den ganzen Methoden werden die Leute ja geradezu unter Druck gesetzt, anstatt sich in Ruhe damit abfinden zu koennen. Stammzellenforschung habe ich schon lange im Verdacht, nur fuer die pharmazeutische Industrie interessant zu sein - im Sinne von massenscreening von neuen Substanzen. Ich haette nichts dagegen wenn dabei etwas vernuenftiges rauskaeme; aber das moechte ich erst mal begruendet sehen. Ich empfinde das weniger als bedrohlich als einfach als massiv bloed und Geldverschwendung. Nicht jeder Hype bewahrheitet sich. Vor 10 Jahren wollte man schon Parkinson Alzheimer und wer weiss was mit Stammzellen heilen. Hat sich inzwischen auch schon wieder zerschlagen. War mir auch schon vorher klar, das kann gar nicht gehen, solche Zellen entarten viel zu leicht. Das hier klingt geradezu laecherlich, damit noch einen funktionierenden Embryo herstellen? Da sagen die doch dann selber - "da muss noch geforscht werden" das passiert dann aber nie. So'n Quatsch.
5. unethisch
Antje Technau, 29.10.2009
Zitat von sysopHoffnung für unfruchtbare Paare? US-Forscher behaupten, dass sie erstmals Spermien und Eizellen künstlich hergestellt haben. Skeptikern fehlt zwar der letzte Beweis - fest steht aber: Die jetzt entdeckte Methode hilft auf jeden Fall zu ermitteln, wie schädlich Umweltgifte für die Geschlechtszellen sind. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,657884,00.html
es wäre absolut unethisch, aus diesen künstlich hergestellten Spermien oder Einzellen befruchtete Eizellen herzustellen und daraus eventuell entstehende Blastocysten in eine Frau zu implantieren. Das Klonschaf Dolly hat gezeigt, dass Klontiere KRANKE Tiere sind, die vor ihrer Zeit altern und sterben. Wozu die Zellen allerdings gut sind: man kann an ihnen die menschliche Spermatogenese oder Oogenese untersuchen und was bei diesen Prozessen bei unfruchtbaren Paaren eventuell schief läuft. Kurz, die Zellen sind prima Material für die Grundlagenforschung. Man kann damit auch solche Fragen beantworten: aber zu etwas anderem, wie der Massenproduktion künstlicher Eizellen oder Spermien, um unfruchtbaren Paaren zu helfen, sind sie NICHT geeignet.
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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Chronik der Stammzellforschung
1998 - Embryonale Stammzellen
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
2007 - Menschliche iPS-Zellen
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus Nervenstammzellen gewonnen hatte.
März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in die Zelle und zog sie später wieder heraus.
April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln
Bostoner Forscher um Derrick Rossi probieren eine weitere Methode, um das Einschleusen von Fremd-DNA zu vermeiden: Das Team erzeugte künstliche Schnipsel aus sogenannter Messenger-RNA. Diese Moleküle entstehen in der Zelle während der Übersetzung des Gens in das Protein. Mit Hilfe dieser modifizierten RNA-Moleküle werden diejenigen Erbinformationen in die Zelle geschleust, die zur Herstellung der Reprogrammierproteine notwendig sind. Die RNA-Moleküle dringen nicht in den Zellkern und beschädigen somit nicht das darinliegende Erbgut, wie es etwa bei der Virenmethode der Fall ist. Zudem ist die Methide wesentlich effizienter und schneller als bisherige Verfahren zur Herstellung von iPS.
Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen
Einen Schritt weiter gehen Forscher vom Scipps Research Institute im kalifornischen La Jolla: Sie nehmen quasi eine Abkürzung. Anstatt die Körperzellen erst in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, wandelten sie Hautzellen direkt in Herzzellen um. Das Verfahren könnte die Herstellung von Körper-Ersatzteilen extrem beschleunigen.
Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen
Zwei große Forscherteams haben sich an die Arbeit gemacht und das Erbgut verschiedener iPS-Zelllinien untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass es bei der Herstellung von iPS-Zellen zu genetischen Veränderungen kommen kann, die sogar das Risiko für Krebs erhöhen könnten. Das wirft Zweifel an der Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit der neuen Technik auf, die als vielversprechend für die Zucht von körpereigenen Geweben für Transplantationen gilt. Die Forscher fordern daher jetzt die genaue genetische Untersuchung der vielseitigen Zellen, bevor erste Studien an Patienten beginnen.

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