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Statistik-Tricks: Wie sich Klimawandel-Skeptiker die Erderwärmung kaltrechnen

Von Volker Mrasek

Die Klimaforschung eine einzige Lüge, die Erderwärmung eine Erfindung: Selbsternannte Experten und Lobbyisten streuen schon wieder Zweifel an Aussagen des Weltklimarats IPCC. Sie tricksen - und ergehen sich in Verschwörungstheorien.

Der neue US-Präsident Barack Obama muss sich auf kräftigen Widerstand von notorischen Klimaskeptikern gefasst machen. Einen Vorgeschmack darauf liefert jetzt ein als "Minderheitsreport" aus dem US-Senat deklariertes Papier. Verbreitet wird es vom Büro des republikanischen Senators James Inhofe. In dem Dokument werden mehr als 650 Wissenschaftler als Kronzeugen gegen den Weltklimarat IPCC der Vereinten Nationen aufgeboten. Sie alle bezweifelten, dass die gegenwärtige Erderwärmung auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sei, betonen die Herausgeber. Es gebe also keineswegs einen wissenschaftlichen Konsens über den anthropogenen Klimawandel, wie es die Verantwortlichen des Weltklimarats ständig glauben machen wollten.

Zusätzliches Gewicht bekommt das Konvolut angeblich durch Verweise auf wissenschaftliche Studien, die sogar in begutachteten Fachzeitschriften ("Peer Reviewed Journals") veröffentlicht wurden. Belegen sollen sie zum Beispiel, dass die Sonne für die Hälfte der Erwärmung seit 1970 verantwortlich ist. Und auch, dass es seit rund zehn Jahren gar keine globale Erwärmung mehr gibt, die Erde sich stattdessen abkühlt.

Tatsächlich entpuppt sich der sogenannte Minderheitsreport nach Ansicht von renommierten Klimaforschern als fadenscheiniger Versuch, die Arbeit des IPCC zu diskreditieren und Laien über den Stand der Wissenschaft zu täuschen. Von einem "Report" zu sprechen - schon das ist ein Fall von Irreführung. "Ich habe mir dieses Dokument angeschaut, es ist einfach eine Auflistung von Meinungen einer Reihe von Wissenschaftlern", sagt der belgische Physiker und Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele, einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden des Weltklimarats: "Wenn der IPCC seinen Bericht in dieser Weise abgefasst hätte, wäre er vollkommen unbrauchbar."

Dreist behaupten die Herausgeber der Klimapolemik, dass sie mit "vielen derzeitigen und früheren IPCC-Wissenschaftlern" aufwartet. Tatsächlich sind es nur einige wenige, und selbst deren Reputation steht in Frage. Ziemlich weit oben in der Zitatenliste rangiert zum Beispiel der südafrikanische Chemie-Ingenieur Philip Lloyd.

IPCC-Vize van Ypersele bestätigt: "Er war koordinierender Hauptautor, das ist eine wichtige Funktion." Aber: "Das war bloß in einem technischen Report des IPCC über das Auffangen und Einlagern von Kohlendioxid." Das mache Lloyd noch lange nicht zum Klimawissenschaftler, sagt van Ypersele: "Was er hier in diesem Papier über den Kohlenstoff-Kreislauf sagt, ist grundlegend falsch." Lloyds Aussage, die anthropogenen CO2-Emissionen seien zu gering, um das Klima zu beeinflussen, ist ein alter, längst widerlegter Einwand.

Und die begutachteten Fachartikel, auf die der Minderheitsreport Bezug nimmt? Die existieren wirklich. Etwa eine Studie über die Temperaturentwicklung im sibirischen Altai-Gebirge in den vergangenen acht Jahrhunderten. Sie erschien erst vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" (GRL). Laut dem Inhofe-Team zeigt sie, dass die aktuelle Erwärmung zu 50 Prozent auf das Konto der Sonne geht - eine Kernthese der Polemik.

"Die unterstellen uns etwas, was wir gar nicht sagen und was auch nicht stimmt", entgegnet darauf Jürg Beer von der Schweizer Forschungsanstalt EAWAG. Der Physiker zählt zu den Autoren des "GRL"-Artikels und stellt klar, dass die Studie "genau das Gegenteil von dem zeigt, was diese Leute behaupten". Demnach sind die Treibhausgase in den vergangenen 50 Jahren der klar dominierende Faktor. Das sei ganz eindeutig, sagt Beer.

Ein Hirngespinst ist auch die angebliche Abkühlung des Klimas seit 1998, dem bisher wärmsten Jahr der Aufzeichnungen mit einer globalen Durchschnittstemperatur von 14,52 Grad Celsius. Tatsächlich hält der allgemeine Erwärmungstrend unvermindert an. Das bestätigen die Datensätze des britischen Wetterdienstes und der University of East Anglia. Im Auftrag der Weltmeteorologie-Organisation WMO verfolgen die beiden Institutionen den Verlauf der globalen Mitteltemperatur. "1997 und 1998 gab es im tropischen Pazifik den stärksten El Niño im ganzen 20. Jahrhundert, deshalb war 1998 so warm", sagt Phil Jones, Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia. Zuletzt habe die natürliche Klimaschwankung zur anderen, kühleren Seite ausgeschlagen: "Aus diesem Grund waren die vergangenen Jahre etwas kälter." Das gilt auch noch für 2008. Es war sogar das bisher kühlste Jahr dieser Dekade.

Zwar sagt auch Jones, das laufende Jahrzehnt sei "0,2 Grad Celsius wärmer, als es die neunziger Jahre im Mittel waren". Doch der britische Wetterdienst Metoffice betont, dass die zehn wärmsten Jahre der Aufzeichnungen alle in den Zeitraum ab 1997 fallen. "Ohne den menschlichen Einfluss auf das Klima wäre die Wahrscheinlichkeit für ein Jahr, das so warm war wie 2008, mehr als 50 Mal geringer", sagt Peter Stott aus dem Klimazentrum des Metoffice in Exeter. Außerdem stehen die Zeichen längst wieder auf Hitze: Nach der aktuellen Klimadekaden-Vorhersage der Briten ist ab 2010 mit einer Folge neuer Rekord-Wärmejahre zu rechnen. Weil dann wieder El-Niño-Verhältnisse im tropischen Pazifik herrschen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 334 Beiträge
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1. Exxon
Galaxia, 23.01.2009
Was Exxon mit unserem Geld ua bezahlt: http://www.greenpeace.org/usa/campaigns/global-warming-and-energy/exxon-secrets
2. 'türrrlich
die8lacht 23.01.2009
Zitat von sysopDie Klimaforschung eine einzige Lüge, die Erderwärmung eine Erfindung: Selbsternannte Experten und Lobbyisten streuen immer neue Zweifel am Klimawandel. Sie verfälschen Aussagen des Weltklimarats IPCC - und ergehen sich in Verschwörungstheorien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,599990,00.html
Natürlich gibt es eine Erderwärmung, bzw. Klimawandel, er ist nur NICHT menschengemacht ! Es ist die Sonne und das schon immer gewesen ! Zum Dank werden wir mit diversen Steuern etc. abgezockt ! CO2 etc ... lächerlich ... ein bodennahes Gas mit einer 0-Reflektierung soll die Wärme nicht abstrahlen lassen, bzw. soll hoch oben existieren ? So ein Blödsinn, da sagt mein Physikbuch etwas ganz anderes ! Ist mir auch egal, wer sich nicht am Riemen reißen kann und in 200 Jahren von 1 Milliarde zu 7 Milliarden Menschen mutiert, der muß halt den Dreck wegmachen oder mit ihm Leben ! Ich bleibe daher kinderfrei und verachte das ganze Eltern-Egoistenpack, welche nur an sich denken kann, Hauptsache mein Kind hier, mein Kind da ... egal was in 30 Jahren ist ... anstatt mal an die Zulunft des Nachwuchses zu denken, also Resourcenknappheit und überbevölkertes Treibhaus, wird fleißig weiter gezeugt und diese Kinder werden später mal ganz schön sauer auf die jetzige Generation sein, falls sie überhaupt über 30 werden ... Was ist eigentlich mit den 10.000 toten Kinder pro Tag (!) die an Hunger sterben oder den 6.000 pro Tag verkauften Kinder, meist zu sexueller Ausbeutung/Mißbrauch ... hierum sollten sich mal die Menschen kümmern, bevor sie eigene Kinder zeugen und es nicht lassen können ihren Beitrag zur Verblödung unserer Gesellschaft zu befruchten !
3. Ach ja...
Prach, 23.01.2009
... ich schaue aus dem Fenster, grauer Himmel, Dauerregen. Ich gehe nach draußen, ein kalter Wind bläst mir um die Ohren. Also schnell wieder nach Hause. Dort lese ich die neuesten Horrormeldungen zur Klimaerwärmung. Daß das letzte Jahr ein Jahr der Wetterextreme war. Daß wir uns an das "heiße und warme" Wetter gewöhnen müßten. Daß sich der Frühlingsanfang in den letzten 50 Jahren um "1,4 Tage" verschoben hat. Daß die Antarktis im Durchschnitt nur noch minus 54 Grad hat (deswegen wird dort sicherlich ganz viel schmelzen). Seltsam - ich kann mich an Novemberwetter bis Ende April erinnern. Dann 18 Tage warmes und trockenes Wetter im Mai. Danach ein verregneter Sommer, ein eisiger September, noch mehr Regen und schließlich wochenlanger Frost ab Ende November. Und das war jetzt eines der "wärmsten und trockensten" Jahre "seit Beginn der Wetteraufzeichnungen" (wie lang reichen die belastbaren Wetterdaten eingentlich zurück?).
4. Ja ja, die Klimakatastrophe - gähn
eluis1 23.01.2009
Zitat von sysopDie Klimaforschung eine einzige Lüge, die Erderwärmung eine Erfindung: Selbsternannte Experten und Lobbyisten streuen immer neue Zweifel am Klimawandel. Sie verfälschen Aussagen des Weltklimarats IPCC - und ergehen sich in Verschwörungstheorien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,599990,00.html
Die Art und Weise wie hier mit Skeptikern des Klimawandels umgegangen wird erinnert mich mehr und mehr and autoritäre Regimes. Insofern bin ich ebenfalls skeptisch. Der Artikel selbst beruft sich auf lediglich einen Befürworter, obwohl weiter oben mehrere genannt wurden. Was die Ansicht von Forscher betrifft, so stellt dies bloss eine Meinung und keine Erhärtung oder Beweis einer blossen wissenschaftlichen These dar. Ja ja ihr Leute von SPON, hämmert den Lesern nur weiterhin euer Glaubensbekenntniss vom der Klimaerwärmung ein, auf dass alle der neuen Religion folgen, die Häretiker und Skeptiker werden gnadenlos diffamiert. Einfach nur peinlich aber so kann es gehen, wenn Wissenschaftler als Deckmantel für Politiker missbraucht werden. Offenbar scheint es darüberhinaus auch noch weitere Kritiker am Gebaren des IPCC - Konzils zu geben. http://www.pensee-unique.fr/GrayCritique.pdf
5. ...
Newspeak, 23.01.2009
"Selbsternannte Experten und Lobbyisten streuen schon wieder Zweifel an Aussagen des Weltklimarats IPCC." Einseitiger kann man wohl nicht berichten. Wer prüft das Expertentum der Zweifler, wer das des IPCC? Zweifel ist das Grundprinzip der Naturwissenschaft...wenn die IPCC es nicht aushält "schon wieder" in ihren Aussagen angezweifelt zu werden, hat sie selbst am besten bewiesen, daß es sich um einen Zusammenschluß von Ideologen handelt, und dort keineswegs naturwissenschaftlich gesicherte Thesen vertreten werden...die man nämlich immer anzweifeln kann und für die es prinzipiell nicht möglich ist, sie zu beweisen. Die meisten Klimaforscher leiden unter selektiver Wahrnehmung der Wirklichkeit. Sie finden ihre eigene Forschung so "sexy", daß sie die Möglichkeit, sie könnten mit falschen Annahmen unsinnige Theorien entwickeln, schlichtweg leugnen. Dabei findet sich in SPON alle zwei Wochen ein Artikel zu einer neugewonnenen Erkenntnis auf dem Gebiet der Klimaforschung, der sinngemäß immer die Feststellung enthält "Ach so ist das, den Effekt gibt es auch noch, ist ja interessant!". Wer sein Fachgebiet so schlecht kennt, wie die Klimaforscher...wer alle zwei Wochen neue Rückkopplungsmechanismen entdeckt, oder feststellt, daß die bekannten anders als gedacht funktionieren (im Guten wie im Schlechten)...der sollte erst mal gaaaanz lange im Stillen forschen, bis er sich sicher ist, sich nicht am nächsten Tag schon revidieren zu müssen. Aber da die Klimawissenschaft eine junge Forschungsrichtung ist, muß sie das erst noch lernen.
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