Steigender Meeresspiegel Klimawandel bedroht die Mega-Citys der Welt

New York, Tokio, Shanghai: Zwei Drittel der weltgrößten Metropolen befinden sich einer Studie zufolge in Gebieten, die direkt vom Klimawandel bedroht sind. Nur riesige Investitionen und Umsiedlungen können Flut- und Sturmkatastrophen verhindern.


London - Etwa jeder zehnte Mensch lebt inzwischen in einem Moloch wie New York, Shanghai oder Tokio - und zwei Drittel der Städte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern liegen zumindest zum Teil in direkt vom Klimawandel bedrohten Küstenregionen. Sie müssen sich auf einen Anstieg des Meeresspiegels und heftige Stürme gefasst machen, heißt es in der Studie, die in der Aprilausgabe der Fachzeitschrift "Environment and Urbanization" veröffentlicht werden soll und deren Inhalt am Mittwoch bekannt wurde.

Dunkle Wolken über Jakarta: Die indonesische Metropole gehört zu den Städten, die von den Folgen des Klimawandels direkt bedroht sind
AP

Dunkle Wolken über Jakarta: Die indonesische Metropole gehört zu den Städten, die von den Folgen des Klimawandels direkt bedroht sind

Gefährdet seien Regionen, die weniger als zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels liegen. Katastrophale Folgen könnten dort nur durch hohe Investitionen und kostspielige Maßnahmen wie der Umsiedlung ganzer Industrie- und Wohngebiete vermieden werden, heißt es in der Untersuchung. Sie ist die erste von unabhängigen Fachleuten überprüfte Studie, die von New York über London und Shanghai bis Tokio die am meisten von Hochwasserkatastrophen gefährdeten Städte benennt.

Anhand von Satellitenbildern und Computersimulationen berechneten die Forscher, dass im Jahr 2000 rund 634 Millionen Menschen in den gefährdeten Küsten-Ballungsräumen lebten, drei Viertel von ihnen in Asien. Rund 70 Prozent der gefährdeten Länder hätten Städte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern in den Risikogebieten. Besonders anfällig seien Küstenregionen in armen Ländern, schreiben die Wissenschaftler um Gordon McGranahan vom International Institute for the Environment and Development in London. Sie kommen damit zu ähnlichen Ergebnissen wie Wissenschaftler, die vor einem Jahr im Fachblatt "Science" vor einem drastischen Anstieg der Meeresspiegel gewarnt haben.

"Die Migration weg von den Gefahrenregionen wird notwendig, teuer und schwer durchsetzbar", heißt es in der Londoner Studie. "Küstensiedlungen müssen auch modifiziert werden, um Einwohner zu schützen." In dem Artikel von McGranahan, Deborah Balk und Bridget Anderson heißt es weiter, dass die einfachen Lösungen nicht mehr zu verwirklichen seien, wenn die Folgen des Klimawandels in den betroffenen Küstenregionen bereits sichtbar sein werden.

Der Weltklimarat hat im Februar einen Anstieg des Meeresspiegels um 18 bis 59 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert. Dabei handelt es sich allerdings nur um einen globalen Durchschnittswert. Die Spitzenpegel können, insbesondere in manchen Regionen, bei einem solchen Anstieg dramatisch steigen. In der kommenden Woche will der Weltklimarat den zweiten Teil seines Sachstandsberichts offiziell vorstellen. In dem Bericht über die Auswirkungen des Klimawandels auf Gesundheit, Städte, Landwirtschaft, Industrie sowie Tier- und Pflanzenarten heißt es, bis 2080 könnten jährlich 100 Millionen Menschen von Hochwasserkatastrophen betroffen sein. SPIEGEL ONLINE hat bereits über einen vertraulichen Entwurf des Reports berichtet.

Wirtschaftsboom in China gefährdet

Die jetzt in London veröffentlichte Studie weist besonders auf die Gefährdung Chinas hin. Der Wirtschaftsboom habe in den vergangenen Jahren eine Massenwanderung in die Küstenregionen ausgelöst, in denen große Industriezonen entstanden sind. "Wenn nichts passiert, besteht die Möglichkeit, dass mit den niedrig gelegenen Küstengebieten auch Chinas wirtschaftlicher Erfolg auf dem Spiel steht."

China trägt der Studie zufolge mit 143 Millionen Küstenbewohnern das größte Risiko, gefolgt von Indien, Bangladesch, Vietnam, Indonesien, Japan, Ägypten und den USA. Wer in Gebieten lebe, die weniger als zehn Meter über Normalnull liegen, "sollte den ansteigenden Meeresspiegel ernst nehmen", sagte McGranahan.

Zwar berücksichtigen Studien über den Meeresspiegel-Anstieg meist nicht, dass es Anpassungsmaßnahmen wie den Bau von Deichen geben wird, ohne die beispielsweise Teile der Niederlande oder Norddeutschlands schon heute unter Wasser lägen. Dennoch fordern McGranahan und seine Kollegen die Regierungen in den betroffenen Ländern auf, die Besiedelung des Landesinneren zu fördern. Ihr Argument: Viele Länder können sich den Bau von Deichen und anderen Schutzmaßnahmen schlicht nicht leisten. "Schon kleine Veränderungen in der Platzierung von Siedlungen, etwa von einer Küstenebene in ein etwas höher gelegenes Gebiet, können einen großen Unterschied machen."

mbe/AP/rtr

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.