Biss-Schäden an Autos Steinmarder mögen dünne Kabel

Plötzlich streikt das Auto - ein Marder hat zugeschlagen. Forscher in Niedersachsen schauen den Tieren beim Knabbern zu, um günstige Abwehrtechniken zu finden.

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Es dauert ein bisschen, dann schauen die beiden aus einem kleinen Schlupfloch am Boden hervor. Erst William, dann Kate. Die Studienobjekte von Susann Parlow sind scheu und von Haus aus eher nachtaktiv, es sind Steinmarder. Die Biologin hat im Gehege der Tiere Fotofallen aufgestellt, die Kabel der Scheinwerfer sind mit dicken Ummantelungen vor den scharfen Raubtierzähnen geschützt.

In Teilen des Geheges sieht es aus wie in einer alten Scheune. Ein ausgedientes Auto mit offener Motorhaube und viel landwirtschaftliches Gerät stehen dort. Unter einem der Fenster sind mehrere Schläuche befestigt, der dünnste ist schon angeknabbert. Und genau darum geht es: Parlow will herausfinden, welche Arten von Kabeln und Schläuchen für die Tiere besonders uninteressant sind.

Beim Forschungsprojekt am Otter-Zentrum Hankensbüttel in Niedersachsen geht es um viel Geld: Marder verursachen jährliche Schäden von mehr als 60 Millionen Euro an Kraftfahrzeugen. So hat es der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ausgerechnet. Bundesweit werden dem GDV jedes Jahr mehr als 200.000 Fälle gemeldet.

Männchen schlimmer als Weibchen?

"Ziel ist, der Autoindustrie zu sagen, wie die Autos mardersicher gebaut werden können", sagt Hans-Heinrich Krüger. Der Wildbiologe ist zuständig für die Tierforschung am Otter-Zentrum. Seit über fünfzehn Jahren würden deshalb in Hankensbüttel Kabel und Schläuche auf ihre Eignung geprüft.

Susann Parlow sitzt dort an ihrer Abschlussarbeit. Im Februar will die Studentin der Technischen Universität Braunschweig fertig sein, Krüger betreut ihre Masterarbeit.

Parlow ist 29, Zoologie und Verhaltensforschung schätzt sie besonders. "Wir prüfen Gummi, Silikon, PVC und Polyethylen, auch Schläuche mit Teflongewebe und Stahlgeflecht", so Parlow. "Uns beschäftigen dabei vor allem drei Fragen." So gehe es um die Rolle des Durchmessers bei gleichbleibendem Material, um unterschiedliches Material bei gleichem Durchmesser und als drittes um die Geschlechterfrage. Bislang sei angenommen worden, dass die Männchen die weitaus meisten Schäden anrichten.

Krüger (links) und Parlow begutachten Kabel-Ummantelungen
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Krüger (links) und Parlow begutachten Kabel-Ummantelungen

Für Parlow zeichnet sich ein anderes Ergebnis ab: "Ich gehe davon aus, dass sich am Ende kaum große Unterschiede zwischen den Geschlechtern ergeben werden", verrät sie schon jetzt. Außerdem hat sie festgestellt: "Je kleiner der Durchmesser, desto verlockender ist der Schlauch für die Marder." Das optimale Material werde noch gesucht. "Metallgeflecht kriegen sie nicht kaputt, das ist aber kostspielig."

Neugier und Spieltrieb

Aber warum beißen Marder überhaupt in Kabel und Schläuche? "Schuld ist vor allem das Revierverhalten", erklärt Krüger. Das Auto bewege sich durch verschiedene Reviere und nehme so den Duft von Rivalen auf. Zu Hause am Abstellplatz kommen dann die dortigen Steinmarder und beißen in Zündkabel, Kühlwasserschläuche und Stromleitungen. "Aber auch Neugier und Spieltrieb sind Faktoren", sagt Krüger. "Manchmal ist ein Kabel auch schlicht im Weg." Die Knabberei sei für die Marder ungefährlich, betont er.

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Marder William und Kate: Kabel beißen für die Wissenschaft

Die beiden Testmarder Kate und William knabbern bereits seit sechs Jahren Kabel im Dienste der Wissenschaft, berichtet Krüger. "Das sind zwei Findelkinder, die wir mit der Flasche aufgezogen haben." Benannt wurden sie nach dem britischen Prinzen und seiner Frau.

Die Marderabwehr wird auch wegen neuer Antriebsarten immer wichtiger: "Bei Elektroautos reicht ein Biss", betont Krüger. "Dann kann Wasser eindringen und das Auto schaltet sich automatisch aus. Dabei können Schäden von mehreren Tausend Euro entstehen."

Teilchenbeschleuniger stillgelegt

Hilfreich sei die Ummantelung wichtiger Kabel und Leitungen oder eine Abschottung des Motorraums, heißt es beim ADAC in München. Keine Wirkung hätten hingegen Hausmittel wie Hundehaare, Mottenkugeln oder WC-Steine. "Die Tricks mit fremden Duftstoffen bringen bestenfalls kurzfristig Abhilfe, die Tiere gewöhnen sich schnell daran", meint auch Krüger. "Am ehesten helfen noch menschliche Gerüche, etwa alte Socken."

Was neugierige Marder anrichten können, hat sich im vergangenen Jahr in Genf gezeigt. Dort legte ein Wiesel vorübergehend den größten Teilchenbeschleuniger der Welt lahm. Das Raubtier war in die unterirdische Riesenmaschine des Europäischen Kernforschungszentrums (Cern) eingedrungen und löste dort einen Kurzschluss aus. Das Tier überlebte den Ausflug in einen Transformator mit 66.000 Volt nicht, seine Überreste kamen in ein naturhistorisches Museum.

Von Peer Körner, dpa/hda



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