Uno-Bericht Globaler Elektroschrott-Berg wächst rapide

Alte Handys, kaputte Kühlschränke, ausgediente Fernseher: Der globale Elektroschrott-Berg wird laut Uno binnen fünf Jahren um ein Drittel wachsen. Besonders beunruhigend: Entwicklungs- und Schwellenländer produzieren inzwischen mehr E-Müll als die Industriestaaten.

REUTERS

Bonn - Die heiße Phase des Weihnachtsgeschäfts läuft, in Deutschland und anderen reichen Ländern kaufen die Menschen massenweise Elektroartikel. Doch die Tablet-Computer, Handys und Fernseher, die heute noch brandaktuell sind, werden schon morgen veraltet sein. Das meiste davon wird sich in einigen Jahren auf der Müllkippe wiederfinden.

Ein neuer Uno-Bericht kommt nun zu dem Ergebnis, dass der Elektroschrott-Berg mit atemberaubendem Tempo wächst. 2012 habe die globale Gesamtmenge knapp 49 Millionen Tonnen betragen, doch bis 2017 werde sie um ein Drittel auf mehr als 65 Millionen Tonnen steigen. Das entspreche in etwa dem 200-fachen Gewicht des Empire State Buildings, teilte die Uno-Initiative "Solving the E-Waste Problem" (StEP) mit, die am Sonntag die interaktive Weltkarte des Elektroschrotts veröffentlichte.

Ein großer Teil des mitunter hochgiftigen Mülls landet auf den Halden der Dritten Welt, wo Menschen unter oft katastrophalen Bedingungen versuchen, wertvolle Rohstoffe wie etwa das Kupfer aus Kabeln zu gewinnen. Doch das alte Bild von den Luxusgeräten, die von den Reichen genutzt und dann den Armen zum Ausschlachten überlassen werden, stimmt immer weniger mit der Realität überein: Laut den neuen StEP-Zahlen produzieren die Entwicklungs- und Schwellenländer inzwischen mehr E-Müll als die Industriestaaten.

2012 seien in Staaten wie den USA und Japan sowie den EU-Mitgliedsländern zusammen 23,5 Millionen Tonnen auf dem Müll gelandet. In allen anderen Ländern seien es dagegen 25,4 Millionen Tonnen gewesen. Noch 2007 hätten die Industrienationen den größten Teil des Elektromülls produziert. Doch der jetzige Anstieg gehe vor allem auf das Konto von Entwicklungsländern sowie wirtschaftlich aufstrebenden Staaten wie Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika.

Hunger nach Technologie

"Die Menschheit hungert nach Technologie, die das Leben erleichtert", sagte Rüdiger Kühr, Chef des in Bonn ansässigen StEP-Sekretariats. "Dabei geht es nicht nur um Kommunikationstechnik, sondern auch um medizinische Geräte, Waschmaschinen und Elektrospielzeug, das zur Weihnachtszeit sehr beliebt ist."

2012 habe jeder Mensch auf der Welt pro Jahr durchschnittlich sieben Kilo Elektromüll produziert. Dabei liegen die Amerikaner mit fast 30 Kilo pro Person vorn, die Deutschen mit gut 23 Kilo ebenfalls weit über dem Mittelwert. In China liegt die Pro-Kopf-Produktion von E-Müll bei 5,4 Kilogramm, allerdings holt das Land schnell auf. Die Gesamtmenge an Elektroschrott lag 2012 in China mit 7,3 Millionen Tonnen nur relativ knapp hinter den USA, in denen 9,4 Millionen Tonnen anfielen. Doch das Verhältnis dürfte sich bald umkehren, denn 2012 kamen in China mehr als elf Millionen Tonnen neue Elektrogeräte auf den Markt - eine Million Tonnen mehr als in den USA.

Damit passen die StEP-Zahlen gut zu einer kanadischen Studie, die Ende Oktober erschienen ist. Sie besagt nicht nur, dass der globale Abfallausstoß noch bis zum Jahr 2075 stetig wachsen wird, allen Öko- und Recycling-Initiativen zum Trotz. Sie zeigte auch: Je wohlhabender ein Land ist, desto giftiger wird sein Müll - eben wegen des steigenden Anteils von Elektroschrott.

Parallel zum StEP-Report veröffentlichte das renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Studie über den E-Müll der USA. Demnach wurden in dem Land allein im Jahr 2010 rund 120 Millionen Handys entsorgt. Für den Großteil des Gewichts seien dagegen Fernseher und Computermonitore verantwortlich gewesen. Die Autoren des Berichts fordern nun eine bessere Überwachung von Elektroschrott-Exporten. "Wir können die komplexen grenzüberschreitenden E-Müll-Flüsse nicht in den Griff bekommen ohne ein besseres Verständnis der Mengen und Ziele", sagte MIT-Professor Joel Clark.

Ein besseres Recycling alter Elektrogeräte könnte sich auch wirtschaftlich lohnen, insbesondere wegen der zuletzt stark gestiegenen Metallpreise. Beim Kupfer funktioniert das bereits leidlich: Etwa die Hälfte der deutschen Kupferproduktion wurde recycelt. Doch Gold, Silber und Palladium werden auch in Europa kaum recycelt. Nach Angaben des Uno-Umweltprogramm Unep gehen so jedes Jahr Milliarden Euro verloren. Allein in Computern kamen 2008 Gold, Silber, Kupfer, Palladium und Kobalt im Wert von 2,7 Milliarden Euro in die Geschäfte.

mbe/Reuters/AP

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 15.12.2013
1.
Zitat von sysopClemens Höges/DER SPIEGELAlte Handys, kaputte Kühlschränke, ausgediente Fernseher: Die globale Elektroschrott-Berg wird laut Uno binnen fünf Jahren um ein Drittel wachsen. Besonders beunruhigend: Entwicklungs- und Schwellenländer produzieren inzwischen mehr E-Müll als die Industriestaaten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/step-bericht-globaler-elektroschrott-menge-waechst-rapide-a-939183.html
Das war doch zu erwarten. Die Bevölkerungen dieser Länder wachsen vollkommen unkontrolliert, während die Wirtschaft verzweifelt versucht, auch nur ansatzweise mit dieser Entwicklung aufzuholen. Da verschwendet man noch weniger Gedanken an Nachhaltigkeit, etc. als im Westen. Der bloße Gedanke an Umweltschutz findet erst dann ein breites Publikum, wenn man a.) schon eine Weile den Wohlstand gewohnt ist oder b.) es ums nackte Überleben geht. Beides ist hier noch nicht der Fall. Und ich zweifle auch, dass es dann etwas ändern wird. In praktisch jeder Nation der Welt sind es eben die Verantwortlichen für diese Zustände, die am ehesten das Geld haben, um sich vor den Auswirkungen dieser Politik zu schützen. Die 99% werden nicht nur ausgebeutet, sondern müssen danach auch noch in dem Dreck überleben. Der einzige Unterschied zwischen Europa und Afrika liegt nur darin, dass die 99% ein klein bisschen mehr falschen Wohlstand haben, auf den sie sich etwas einbilden können.
rumloler 15.12.2013
2. Vor die Wand
Man muss die Leute mal fragen, ob sie sich lieber alle zwei Jahre ein neues Handy, PC, Laptop, Fernseher, Tablet, Drucker usw. zulegen wollen, oder die vorhandenen Produkte länger verwenden, reparieren und dafür vielleicht 10 oder 20 Prozent weniger in der Woche arbeiten wollen.
andrel 15.12.2013
3.
Warum wird nicht erwähnt, dass der Anwuchs von Elektroschrott in China beispielsweise auch durch die Massenproduktion für andere Länder zu erklären ist?
Newspeak 15.12.2013
4. ...
"Die Menschheit hungert nach Technologie, die das Leben erleichtert", sagte Rüdiger Kühr, Chef des in Bonn ansässigen StEP-Sekretariats. Tja, wenn es denn so wäre, daß Technologie das Leben erleichtert. Für die Waschmaschine mag das noch zutreffen, für High-End-Elektronik wie Computer wird jeder technische Fortschritt auf Hardwareseite wieder durch exzessive Fehlprogrammierung auf Softwareseite aufgefressen. Die ausufernden Bedürfnisse der Software an Speicher und Rechenleistung, sowie unsinnige Neuentwicklungen mit fehlender Kompatibilität sind doch vor allem dafür verantwortlich, daß man sich ständig neue Hardware kaufen soll. Mein jetziger Laptop ist inzwischen acht Jahre alt (womit man schon zu den altmodischen Nutzern zählt) und würde wahrscheinlich noch weitere acht Jahre seinen Dienst tun, würde ich nicht durch ständig steigende Anforderungen ausgebremst. Als ob man jeden Sch... in HD sehen müsste, z.B. Als ob neue Programme es unter 1 GB Speicherbedarf es nicht mehr tun würden. Winzige Spezialanwendungen aus dem Netz, die genau eine Aufgabe tun sollen, z.B. Dateien entpacken, haben mittlerweile einen Speicherplatzbedarf, der nur noch obszön genannt werden kann, vom Betriebssystem gar nicht zu reden. Es ist auch Verschwendung, mit virtuellen Ressourcen so schlampig umzugehen.
hubie 15.12.2013
5. Kein Wunder
Viele Technikfreaks müssen jedes halbe Jahr ein neues Handy haben oder eine neues Notebook. Kaum einer kauft noch gebraucht (ich auch nicht, dafür aber nicht oft), solange sich der Müll nicht vor unserer Tür stapelt, interessiert es niemanden.
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