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Stopp für Stuttgart 21: Ein Käfer, sie zu knechten

Der Juchtenkäfer bremst die Bahn. Weil das Insekt vom Aussterben bedroht ist, wurde einer Klage von Umweltschützern recht gegeben. Das Bauprojekt Stuttgart 21 ist nun vorerst gestoppt - und manch einer will dem Krabbeltier den Nobelpreis verleihen.

Juchtenkäfer: Wie ein Tier Stuttgart 21 bremst Fotos
DPA/ Niedersächsische Landesforsten

Possierlich sieht er aus. Harmlos. Und irgendwie durchschnittlich. So wie unzählige andere Käfer auch. Doch der Juchtenkäfer ist anders. Er lehrt die Bahn im Streit um das milliardenschwere Projekt Stuttgart 21 das Fürchten.

Am Freitag hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg einen Baustopp für den Bahnhof verhängt. Die Richter gaben einer Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) statt und verlangten Nachbesserungen beim Artenschutz im Stuttgarter Schlossgarten.

Der Gerichtshof rügte das Grundwassermanagement des Bahnprojekts. Es soll den Bau des Tiefbahnhofs in einer weitgehend wasserfreien Grube garantieren. Laut Urteil wurden die Auswirkungen von versetzten Rohrleitungen, Brunnen und Messstellen auf die Natur dabei nicht berücksichtigt. Insbesondere geht es um Bäume im an den Bahnhof angrenzenden mittleren Schlossgarten, auf denen der besagte Juchtenkäfer lebt.

Was die Massendemos der Bahnhofsgegner, ein Stresstest und der Volksentscheid nicht schafften, bewirkt nun dieses kleine Krabbeltier - jedenfalls vorläufig. Die zentrale Maßnahme des Milliardenprojekts ist ohne die Grundwasser-Vorarbeiten für die nächsten Wochen gestoppt. Experten rechnen mit Verzögerungen von bis zu drei Monaten.

"Seltsam", schreibt der SPIEGEL-ONLINE-Leser Alexander Petri in einer E-Mail an die Redaktion, "was für eine Rolle der Juchtenkäfer spielt, wo das für den unterirdischen Bahnhof notwendige Wassermanagement an sich schon so etwas wie ein Katastrophenzeitzünder sein soll." Denn die Bahn will mehr Wasser aus dem Untergrund wegpumpen als geplant. Ein Vorgang, der bei Stuttgart 21 zum Reizthema geworden ist.

In der Tat ist nur schwer zu begreifen, wie ein zwei bis vier Zentimeter großes Insekt angesichts der Dimensionen eines der größten Bauprojekte in der Geschichte Deutschlands so viel Bedeutung erlangen konnte. Tatsächlich hat es sich der vom Aussterben bedrohte Käfer just im Stuttgarter Schlossgarten bequem gemacht, wo die ersten Bagger bereits am Werk waren. Der Juchtenkäfer mag es nun mal genau so wie es im Schlossgarten ist: Er liebt Platanen und Linden und verkriecht sich in die Höhlen von alten Eichen. Dank seiner Vorlieben hat er es auf die große politische Bühne geschafft.

"Gegenstand strengsten Schutzes"

Im Stuttgarter Naturkundemuseum im Schloss Rosenstein hatte der Juchtenkäfer angesichts seiner Prominenz kurzzeitig einen Sonderplatz inne: Gleich am Haupteingang stand während einer Ausstellung eine Vitrine. Darin befanden sich, von zwei Scheinwerfern beleuchtet, zwei schwarzbraune Exemplare von Osmoderma eremit, wie der wissenschaftliche Name des Insektes lautet: Ein Weibchen und ein Männchen.

Dem Juchtenkäfer ist sogar eine eigene Website gewidmet: Auf eremit.net hat ein Liebhaber der Tierchen etliche interessante Dinge zusammengetragen. Es sind Fakten, die erklären, warum der Käfer ein so hohes Ansehen bei manchem Politiker und vor allem den S21-Gegnern genießt: "Mit der Verabschiedung der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie durch die Europäische Kommission 1992", kann man dort nachlesen, "rückte der Juchtenkäfer sehr schnell in das Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit - war er doch als prioritäre Art der Anhänge II und IV der Richtlinie plötzlich Gegenstand strengsten Schutzes". Gemäß dieser Richtlinie ist der Käfer auch außerhalb jener Regionen zu schützen, die ohnehin Schutzgebiete sind - also auch im Stuttgarter Schlossgarten.

"Diese Anforderungen kamen nicht von ungefähr", heißt es weiter auf eremit.net. "Selbst von Fachleuten weitgehend unbemerkt ist die Käferart in den letzten etwa 100 Jahren durch den Verlust ihrer Lebensstätten an den Rand des Aussterbens geraten."

"Und was", fragt sich der SPIEGEL-ONLINE-Leser Petri, dem das unausgegorene Wassermanagement wesentlich mehr Sorgen bereitet, als das kleine Tierchen "wenn solches Wassermanagement wie alles Menschengemachte einmal versagt?", schreibt er. "Dann versinkt Stuttgart 21 in einem großen Loch und reißt womöglich noch die Bauten auf den 'gewonnenen' Flächen mit sich. Aber der Juchtenkäfer, der schafft es womöglich, solchen Unsinn zu verhindern. Man sollte ihm einen Nobelpreis verleihen!"

cib/dpa

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1. Lachanfall
mursilli 16.12.2011
Zitat von sysopDer Juchtenkäfer bremst die Bahn. Weil er vom Aussterben bedroht ist, wurde einer Klage von Umweltschützern recht gegeben. Das Bauprojekt Stuttgart 21 ist nun vorerst gestoppt. Und manch einer will dem renitenten Krabbeltier den Nobelpreis verleihen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,804266,00.html
Kriegte einen Lachanfall! Lasst das Projekt, lasst es einfach sein. Gebt der Stadt Stuttgart den Beinamen "Stadt des Juchtenkäfers". Bahnhof weg, Atommeiler weg, Gorleben weg - war da noch was? - Ach ja, Mauer weg, Honecker weg - auch nicht schlecht. Es wird aufgeräumt in unserem Land. Mal sehen, was bleibt. Aber bitte nicht all diese Windmühlen. Also auch: Windmühlen weg! Dann sind wir endlich zufrieden & frei.
2. Käfer
Quagmyre 16.12.2011
Zitat von sysopDer Juchtenkäfer bremst die Bahn. Weil er vom Aussterben bedroht ist, wurde einer Klage von Umweltschützern recht gegeben. Das Bauprojekt Stuttgart 21 ist nun vorerst gestoppt. Und manch einer will dem renitenten Krabbeltier den Nobelpreis verleihen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,804266,00.html
Der Öko-Wahn hierzulande ist beispiellos. Das gibt's nur in Deutschland.
3. Respekt gegenüber den anderen Lebensformen
taxidriver 16.12.2011
Zitat von sysopDer Juchtenkäfer bremst die Bahn. Weil er vom Aussterben bedroht ist, wurde einer Klage von Umweltschützern recht gegeben. Das Bauprojekt Stuttgart 21 ist nun vorerst gestoppt. Und manch einer will dem renitenten Krabbeltier den Nobelpreis verleihen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,804266,00.html
Jedenfalls ein kleines Aufblitzen dessen, was der "modernen Zivilisation" den heute nicht mehr verhinderbaren Untergang ihrerselbst für wie weiß wie lange erspart hätte: Respekt gegenüber den anderen Lebensformen.
4. Schloßpark sperren
alocasia 16.12.2011
für die gesamt Öffentlichkeit. Das wäre doch jetzt eigentlich die Konsequenz um dem Juchtenkäfer ein gemütliches Nest zu geben.
5. Nicht mehr hinnehmbar
rheinläufer 16.12.2011
Diese destruktiven Menschen mit ihrer Antihaltung sind nicht mehr hinnehmbar. Ich bin froh, dass noch nicht das ganze Land so käfergläubig ist. Aber wenn es so weitergeht, können wir als Industriestandort zumachen. Begreifen diese Protestler eigentlich, wie sie essen und trinken und sich kleiden können? Dafür ist Fortschritt notwendig. Ich bin nicht der Meinung, dass man auf die Umwelt keine Rücksicht nehmen sollte, aber bitte mit Augenmaß!
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