Streit mit Kreationisten: Widerruf nach 52 Jahren

Von Jens Lubbadeh

Homer Jacobson ist 84 Jahre alt und sauer: 1955 hatte der US-Chemiker einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlicht, der Fehler enthielt. 52 Jahre später nutzen Kreationisten seinen Irrtum aus, um ihre Thesen zu belegen. Doch Jacobson wehrt sich.

" American Scientist" ist ein altehrwürdiges amerikanisches Wissenschafts-Magazin. 1913 erstmals erschienen, wird es herausgegeben von der noch älteren wissenschaftlichen Vereinigung Sigma Xi. Diese griechischen Buchstaben sind das Akronym für das Motto: "Partner in eifriger Forschung".

Blitze: In der Ur-Atmosphäre der jungen Erde waren sie die Energiequelle für die Bildung der Aminosäuren
DPA

Blitze: In der Ur-Atmosphäre der jungen Erde waren sie die Energiequelle für die Bildung der Aminosäuren

Homer Jacobson ist ein "american scientist" und ein eifriger Forscher. Der heute 84-Jährige Chemiker war lange Zeit Professor am Brooklyn College in New York. Seit 20 Jahren ist er im Ruhestand. Doch eine Sache hat Homer Jacobson einfach keine Ruhe mehr gelassen. Nun schrieb er einen Brief an den Chefredakteur von "American Scientist" mit einer ungewöhnlichen Bitte: Jacobson möchte Teile einer Veröffentlichung zurückzuziehen, die er dort vor 52 Jahren eingereicht hatte.

"Ich bin zutiefst beschämt, der Urheber solcher Falschaussagen zu sein und es zugelassen zu haben, dass schlechte Wissenschaft nun in die Hände von Leuten gefallen ist, die sie für wissenschaftsfeindliche Zwecke missbrauchen", schreibt Jacobson selbstanklagend.

Was ist passiert?

1955 hatte Jacobson den Artikel "Information, Reproduction and the Origin of Life" veröffentlicht. Darin hatte er sich mit der spontanen Entstehung der Aminosäuren auf dem noch jungen Planeten Erde vor Milliarden von Jahren beschäftigt. Ein brisantes Thema, denn Aminosäuren sind die Bausteine der Eiweiße und damit auch des Lebens.

Was er beim Googeln seines Namens fand, beschämte ihn

Jacobson schrieb seine Veröffentlichung zwei Jahre nach Stanley Millers berühmtem "Ur-Suppen"-Experiment aus dem Jahr 1953. Miller hatte damals gezeigt, dass die spontane Bildung von Biomolekülen im Ur-Ozean möglich war. Dazu hatte er eine Mischung aus Wasser und den anorganischen Substanzen Schwefelwasserstoff, Methan und Ammoniak hergestellt - die "Ur-Suppe" der damaligen Ur-Ozeane der jungen Erde. Als nötige Energiequelle für chemische Reaktionen setzte er sie Blitzen aus, die sich in der Ur-Atmosphäre sehr wahrscheinlich häufig entluden. Spontan bildeten sich Aminosäuren und andere komplexere organische Verbindungen. Doch die Energiequelle - in Millers Experiment Blitze - hatte Jacobson 1955 ausgeschlossen und hielt damit die spontane Entstehung der Aminosäuren im Ur-Ozean für "unmöglich". Ein Fehler, den er 52 Jahre später bereuen sollte.

Kaum jemand hatte den Artikel damals zur Kenntnis genommen. Und wahrscheinlich hätte sogar Jacobson selbst ihn vergessen, wenn ihn nicht ein Zufall wieder darauf gestoßen hätte: Vor kurzem machte er das, was viele Leute früher oder später einmal tun: Er googelte seinen Namen. Bescheiden rechtfertigt der Emeritus sein Tun in einem Gespräch mit der "New York Times": "Ich wollte sehen, was ich in all den Jahren gemacht hatte. Was soll ich sagen? Es war Eitelkeit." Doch was Jacobson dann in den Ergebnissen der Suchmaschine fand, machte ihn nicht stolz, sondern beschämte ihn.

Gleich unter den ersten zehn Suchtreffern waren Links auf die Seiten DarwinismRefuted.com und Evolution-facts.org - Seiten von Kreationisten. Auf DarwinismRefuted.com ("Darwinismus widerlegt") wird ein Teil aus Jacobsons 1955er-Arbeit als "Eingeständnis über die Unmöglichkeit der zufälligen Entstehung des Lebens" dargestellt, um Darwin und die Evolution zu widerlegen. "Das tat weh", sagte Jacobson der "New York Times".

Auf DarwinismRefuted.com finden sich auch Videos und Bücher mit Titeln wie "Das Unglück, das der Darwinismus über die Menschheit brachte", "Der Evolutionsschwindel" und "Der Irrtum von der Evolution der Arten". Die Seite wird betrieben von Harun Yahya, einem islamischen Kreationisten. Eigentlich heißt er Adnan Oktar und ist umtriebig, was die Veröffentlichung kreationistischer Werke angeht. So hat er es schon in den Verfassungsschutzbericht des Landes Baden-Württemberg aus dem Jahr 2006 geschafft. Der attestiert Oktar "anti-darwinistische, gegen Aufklärung und Säkularismus gerichtete Positionen".

Oktar zitiert auf seiner Seite eine Passage aus Jacobsons Arbeit, in der er die spontane Entstehung von Aminosäuren auf der jungen Erde ausschließt:

"Von der Wahrscheinlichkeit her wäre die Rückführung der gegenwärtigen Umwelt auf ein einziges Aminosäuremolekül in der Zeit und in dem Raum, die für den Ursprung des Erdenlebens zur Verfügung standen, völlig unmöglich... "

Jacobson war zunächst bestürzt, dass man seine Arbeit als Verunglimpfung Darwins heranzog. Doch als er seine alte Veröffentlichung nochmals genau las, war er noch bestürzter - denn er fand Fehler: Die von DarwinismRefuted.com zitierte Passage, in der er über die spontane Entstehung der Aminosäuren aus einzelnen Atomen und Molekülen spekuliert und sie als "völlig unmöglich" ausgeschlossen hatte, war falsch.

"Nobelste Tradition der Wissenschaft"

So gesteht Jacobson in seinem Brief an "American Scientist" seinen Fehler ein: "Diese Berechnung war irrelevant", schreibt er. "Denn sie ging von falschen Annahmen aus [...] All diese [Energiequellen] könnten auf der frühen Erde vorhanden gewesen sein. Somit ist diese Passage völlig ungeeignet." Daher bitte er die Chefredaktion um Rücknahme dieser und noch einer weiteren Passage aus seiner Veröffentlichung von 1955.

Während sich Jacobson in Reue ergeht, fand die Chefredaktion nur Lob für ihn: "Homer Jacobsons Bitte um Rücknahme steht in der nobelsten Tradition der Wissenschaft", schreibt Rosalind Reid, Chefredakteurin von "American Scientist" in der aktuellen Ausgabe des Magazins. "Sie zeigt den Unterschied zwischen einem Wissenschaftler, der einen Fehler nicht einfach stehen lassen kann [...] Und den Leuten, die an Dogmen festhalten."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Evolution
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite