Streit mit Skeptikern: Die rabiaten Methoden des Klimaforschers Rahmstorf

Von Jan-Philipp Hein und

Stefan Rahmstorf ist der Bekannteste unter den Top-Klimaforschern Deutschlands - und zugleich der unerbittlichste. Journalisten beklagen Einschüchterungsversuche, Forscher gehen auf Distanz zum Potsdamer Professor. Der Konflikt wird inzwischen in Zeitungen ausgetragen.

"Schlechte Argumente bekämpft man am besten, indem man ihre Darlegung nicht stört." Dieser Aphorismus wird dem englischen Schauspieler Alec Guinness zugeschrieben. Stefan Rahmstorf geht anders vor. Wenn ein Journalist sich mit dem Klimawandel befasst und Argumente bringt, die Rahmstorf schlecht findet, kann es schonmal Stunk geben. Der Professor vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) schreibt dann Briefe. Allerdings nicht an die Autoren, sondern gleich an die zuständigen Chefredakteure oder Ressortleiter.

Klimaforscher Rahmstorf: Streit über rabiate Methoden gegenüber Journalisten und Gegnern

Klimaforscher Rahmstorf: Streit über rabiate Methoden gegenüber Journalisten und Gegnern

Rahmstorfs Schreiben sind wuchtig, der Verfasser ist nicht nur Mitglied des WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen), sondern auch noch im Weltklimarat (IPCC) der Vereinten Nationen und damit einer der Autoren des Berichts des Gremiums, der apokalyptische Schlagzeilen nach sich zog. Rahmstorf gilt als eine der wichtigsten wissenschaftlichen Stimmen Deutschlands zum Klimawandel. Kaum einer kommt an ihm vorbei, kaum jemand wird so oft zitiert wie er. Seine Thesen gelten als richtig, sein Laden als das Referenzinstitut für das gesellschaftliche Leitthema Klimawandel.

Dass Menschen für den Klimawandel entscheidend mitverantwortlich sind, bezweifelt fast niemand mehr. Doch damit hört der Konsens in der Wissenschaft schon auf. In welchem Umfang und mit welchen Folgen sich das Klima genau verändern wird, ist heftig umstritten - und wenn Wissenschaftsjournalisten über diese Unsicherheiten berichten, kann es Streit geben. Vor wenigen Tagen bekam Rahmstorf im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen" eine ganze Seite, um nicht nur die "FAZ" selbst, sondern auch einzelne Journalisten abzuwatschen. Darunter "Cicero"-Chefredakteur Wolfram Weimer, "Welt"-Kolumnist Dirk Maxeiner und der Filmemacher Günter Ederer. Titel der Philippika: " Deutsche Medien betreiben Desinformation".

Briefe an die Chefs

Nicht nur die betroffenen Journalisten sehen in der Kampfschrift den Höhepunkt des Rahmstorfschen Kreuzzugs. Ihre Antwort, für die sie von der "FAZ" eine Drittelseite bekamen, liest sich entsprechend. Zynisch reagieren auch Autoren und Journalisten, die von Rahmstorf nicht bedacht wurden, etwa Burkhard Müller-Ullrich: "Ich bin ein bisschen sauer, dass Herr Rahmstorf nicht auch mich an den Frankfurter Pranger stellt", schrieb Müller-Ullrich im Online-Forum der "FAZ".

Andere finden das längst nicht mehr witzig. Wie zum Beispiel der Münchner Wissenschaftler Josef Reichholf, der jüngst in einem umstrittenen Beitrag des ARD-Magazins "Report München" auftauchte. Der Film von Günter Ederer, der als "Aufklärung" über die Klimahysterie angekündigt wurde, gab unter anderem dem US-Forscher Fred Singer die Gelegenheit, seine altbekannten Thesen zu verbreiten. Singer wurde dem Zuschauer als renommierter Klimaforscher vorgestellt. Unerwähnt blieb, dass er jahrelang Geld von Ölkonzernen bekam und früher die Existenz des Klimawandels ebenso bestritt wie den Zusammenhang zwischen FCKW und dem Ozonloch.

Qualitätssicherung oder verkappter Zensurversuch?

Auch Reichholf, der wie Ederer zu den Unterzeichern der Replik an Rahmstorf zählt, kam in dem Beitrag als Experte zu Wort. Reichholf - Leiter der Wirbeltier-Abteilung der Zoologischen Staatssammlung München - sagte vor der Kamera, die gängigen Klimaszenarien für Mitteleuropa seien Unsinn. Das hatte Konsequenzen. Ederer: "Ein mit Leidensmine geschriebener Brief erreichte den Bayerischen Rundfunk." Rahmstorf habe versucht, die Redaktion einzuschüchtern.

Auch die Technische Universität München, an der Reichholf Naturschutz und Gewässerökologie lehrt, bekam Post. Rahmstorf wandte sich an den Ombudsmann "mit der Bitte, mindestens zwei Fälle von möglichen Verstößen (Reichholfs) gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis an Ihrer Hochschule zu prüfen". Dabei ging es um Grafiken in Büchern, die – so Reichholf – weder mit Rahmstorf noch etwas mit der TU München zu tun hatten. "Ich kann das nur so verstehen, dass Herr Rahmstorf mir persönlich schaden will", sagte Reichholf im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

In seinem "FAZ"-Aufsatz fordert Rahmstorf eine "journalistische Qualitätssicherung", um sicherzustellen, dass Beiträge dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Für Reichholf ist das ein verkappter Zensurversuch: "Der Stand der Wissenschaft ist fließend. Es gibt das Prinzip der Selbstkorrektur." Wenn man sich dem entziehen wolle, gebe man Glaubensbekenntnisse ab. Das sei "Dogmatismus". Die Forderung Rahmstorfs richte sich gegen die Freiheit der Medien und der Wissenschaft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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    Seite 1    
1. Klimaveränderung
532, 12.09.2007
Warum soll ich diesen Wetterforschern eine Vorhersage für die nächstn 100 Jahren glauben, wenn diese Leute nicht einmal wissen wie das Wetter am nächsten Wochenende wird. Häh? Also ganz ehrlich diese Wissenschaftler benehmen sich wie die Häscher der Inquisition oder wie die Bolschewiki. "Du glaubst nicht an die Klimakatastrophe ... dann bist Du mein Feind und wirst erledigt!" Seit "Kathrina" haben die Hurrikans abgenommen und nicht wie vorhergesagt zugenommen.
2. Der lauteste hat nicht unbedingt Recht...
MasterMurks 12.09.2007
Tach zusammen. Dieser Mensch wirft anderen Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis vor, gibt sich aber selbst wie Rumpelstilzchen getreu dem Motto "Wer am lautesten schreit hat immer Recht!". Anstatt seine gesamte Energie in die mehr oder weniger leise Zensur nicht mit seiner Meinung konformer Schriften zu stecken sollte er lieber seine Forschung vorantreiben. Gut und wissenschaftlich versteht sich und nicht wie am Stammtisch. Herzlichst Christian
3. Harte Zeiten erfordern harte Methoden!
l.augenstein 12.09.2007
Zitat von sysopStefan Rahmstorf ist der Bekannteste unter den Top-Klimaforschern Deutschlands - und zugleich der unerbittlichste. Journalisten beklagen Einschüchterungsversuche, Forscher gehen auf Distanz zum Potsdamer Professor. Der Konflikt wird inzwischen in Zeitungen ausgetragen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,505095,00.html
Ich kann Herrn Rahmstorf gut verstehen. Wenn man wie er so tief in der Materie steckt und die Zusammenhänge kennt, auch die Folgen daraus erkennen kann, dann ist Igronanz und Ablehnung nicht nur eine persönliche Zumutung sondern auch Irreführung und Beleidigung der Öffentlichkeit. Wieso seine sehr deutlichen Wort allerdings als "Einschüchterungsversuche" gewertet werden ist nicht klar, handelt es sich doch um "gestandene Reporter, Wissenschaftler und Redaktionen"! Sind die wirklich einschüchterbar? Oder handelt es sich vielmehr um raffinierte Versuche von Lobbyisten, einen sehr unangenehmen, aber ehrlichen Warner und Rufer in der Wüste unglaubhaft und lächerlich zu machen?
4. Hochneurotische Debatte
Knorkator 12.09.2007
Tach auch, der Fall Rahmstorf zeigt, welcher sektenhafte Ton inzwischen in der Klimadiskussion Einzug gehalten hat. Längst kann man von einer Klimakirche reden, deren Gläubige ohne die tägliche Verbalgeißelung nicht mehr auskommen. Und wie alle Gurus glauben ihre Anführer an die eigene Unfehlbarkeit und tun alles, um gegen Zweifler vorzugehen. Jedenfalls läuft die ganze Debatte tief im hochneurotischen Bereich ab. In diesem Sinne, Tach auch, Knorkator
5. Milliardengeschäft "Klimaforschung"
akorny38 12.09.2007
Frei nach Mark Twain: "Alle reden über das Wetter aber keiner tut etwas dagegen". Das Klima wird ja wohl vom Wetter beeinflußt und bestimmt. Menschlich verursachter CO2 Ausstoß laut Bundesumweltministerium 1,4%(Prozent). Jeder Regelungstechniker würde bei dieser Regelungs- möglichkeit glatt die Arbeit verweigern. Aus gutem Grund. Ein Hochwasser, nehmen wir mal 10 Meter an, oder ein Hochwasser mit 9,86 Meter, wo ist der Unterschied? Genau, bei 1,4%!! Soviel zur Steuerungsmöglichkeit des angeblich das Klima schädigenden Gases CO2.
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