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Streit über Klimaschutz: Was die Menschheit aus der Kurve trägt

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Die Warnungen vor der Klimakatastrophe werden immer drastischer - doch die Mächtigen der Welt schützen lieber Arbeitsplätze als die Umwelt. Die Fachwelt zweifelt, ob die Politik den Hitzekollaps überhaupt noch abwenden kann.

Eigentlich sollte seit vergangenem Freitag alles klar sein. Zumindest aus Sicht von Wissenschaftlern und Zeitgenossen, die zu logischem Denken neigen: Es gibt keinen vernünftigen Zweifel mehr daran, dass der Klimawandel stattfindet und katastrophale Folgen haben wird - sollte der Menschheit nicht schnellstens eine Vollbremsung beim Treibhausgas-Ausstoß gelingen.

Nichts weniger als die Zivilisation selbst ist gefährdet: Solche Warnungen waren bei der Tagung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in Paris zu hören. Warnungen, die man von Wissenschaftlern selten in solcher Schärfe hört. Und erst recht nicht von Hunderten zugleich.

"Der Klimawandel ist mit nichts Bisherigem zu vergleichen", sagt der Münchner Politikwissenschaftler Mir Ferdowsi SPIEGEL ONLINE. Das Ozonloch zum Beispiel sei von seinen Folgen her ein eher regionales Problem gewesen. Und selbst das Wettrüsten im Kalten Krieg habe nur eine überschaubare Zahl von Ländern beschäftigt. "Vom Klimawandel dagegen sind alle Staaten der Erde betroffen."

Die Frage, die Klimaforscher und Politikexperten nun mehr denn je umtreibt: Sind die Mächtigen der Welt in der Lage, ein Problem solchen Ausmaßes in den Griff zu bekommen?

Die allermeisten Regierungen äußerten sich in den vergangenen Tagen entsetzt über den neuen IPCC-Bericht - als hätten sie nicht schon vor Monaten Vorabversionen mit den zentralen Fakten erhalten. Da lag der Verdacht nahe, dass wichtige Staaten auf ein altes Verhaltensmuster zurückgreifen werden: öffentlich Erschütterung zu demonstrieren, um dann wieder business as usual machen zu können.

Gezänk statt einiges Handeln

Tatsächlich forderten nach dem neuen Weltklimabericht 46 Staaten die Bildung einer neuen Uno-Umweltorganisation. Sie soll mit mehr Kompetenzen als die bisherige Unep den Klimaschutz vorantreiben - unter den Befürwortern: Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der gar eine "Revolution zur Rettung der Erde" ausrief.

Doch es kam wie befürchtet: Der Rückschlag für diese französische Revolution folgte binnen Stunden. Ausgerechnet die größten Treibhausgas-Verursacher der Welt wollen nicht mitmachen. Die USA, China, Russland und Indien erteilten dem Plan eine Absage. Die Amerikaner sind strikt gegen Gesetze zur Regelung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Die Inder und Chinesen wollen ihr Wirtschaftswachstum nicht gefährden.

Letztere kommentierten den IPCC-Bericht zunächst überhaupt nicht offiziell - in Chinas Medien kam die Pariser Konferenz praktisch nicht vor. Indien verwies darauf, dass das IPCC bloß einen wissenschaftlichen Konsens hergestellt habe und keine Politik festlege.

US-Energieminister Samuel Bodman erklärte schon den Versuch für aussichtslos, in den USA eine Diskussion über gesetzliche CO2-Grenzen zu beginnen. Ohnehin sei der US-Anteil am weltweiten Treibhausgas-Ausstoß "gering", sagte Bodman in Paris. Zur Erinnerung: Die USA sind für rund ein Viertel der globalen CO2-Emissionen verantwortlich.

192 Staaten und kein bisschen Konsens

Die Konferenz zur Gründung der neuen Uno-Organisation namens Uneo, die noch im Frühjahr in Marokko stattfinden soll, dürfte unter diesen Vorzeichen einer Verschwendung von Steuergeldern gleichkommen.

"Das Problem ist die Souveränität der Staaten", sagt Ferdowsi. "Und wir haben nun einmal 192 davon." Mit Zwang gehe nichts - "das würde auf eine Art Weltplanwirtschaft hinauslaufen, die niemand will". Deshalb könne man nur auf Freiwilligkeit setzen.

Dass es so aber zu schnellen, drastischen Gegenmaßnahmen kommt, ist mehr als fraglich. Zu viele Staaten sind beteiligt, zu unterschiedlich ihre Interessen. "Die ölfördernden Länder haben gar kein Interesse an der radikalen Drosselung ihrer Produktion", sagt Ferdowsi. "Und die USA werden nie einen Teil ihrer Souveränität in der Klima- und Wirtschaftspolitik abgeben."

"Der Westen ist in der Verantwortung"

Die Berliner Politikwissenschaftlerin Tanja Brühl fordert die westlichen Industriestaaten auf, Länder wie China und Indien stärker in den Klimaschutz einzubinden, sie mit moderner Technik und Finanztransfers zu unterstützen. "Da sehe ich den Westen klar in der Verantwortung." Man sollte die Haftung für die Probleme "nicht bei den Schwellenländern abladen".

Eine Forderung, die andere Experten skeptisch sehen. "Wenn die Schwellenländer in großem Stil Umweltschutzmaßnahmen einführen würden, würde das ihr Wachstum bremsen", sagt Ferdowsi. "Und sie wären auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig." Außerdem führe technische Unterstützung durch den Westen zu Abhängigkeiten - was China und Indien verhindern wollen. Nicht zuletzt findet es Ferdowsi "fraglich, ob die westlichen Regierungen zu solchen Leistungen bereit wären - und falls ja, wie schnell das ginge".

Einig sind die Experten immerhin in einem Punkt: Dass die Politik nicht schnell und entschlossen genug auf die globale Erwärmung reagiert. Politikforscherin Brühl sieht zum Beispiel den Umweltgipfel in Rio de Janeiro von 1992 als hoffnungsvolles Zeichen für künftige internationale Maßnahmen. Nur wurden "die Beschlüsse von damals nicht richtig umgesetzt". Auch Ferdowsi bewertet die Umsetzung internationaler Beschlüsse in nationales Recht als größtes Hindernis.

Waschen, ohne nass zu werden

"Ich bin äußerst skeptisch, ob die Politik fähig ist, in Zeiträumen von 30 Jahren oder mehr zu denken", sagt Ferdowsi. Die nationalen Regierungen würden kaum über die Zeitspanne einer Legislaturperiode hinaus planen - nicht einmal Autokraten. "Wäre es anders, hätten die Regierungen die Beschlüsse von Rio umgesetzt. Dann läge draußen jetzt Schnee", sagt Ferdowsi. "Nur leider ist alles grün."

Helfen könnte der Druck der Bevölkerung - doch Umweltbewusstsein existiert längst nicht überall. Ein Deutscher wird schief angesehen, wenn er beim Eiskratzen den Automotor warmlaufen lässt. In China wollen Hunderte Millionen erst mal Autofahrer werden, ohne dass sie derlei Details im Entferntesten kümmern.

Für einen zügigen Politikwechsel fehlt in den meisten Ländern der öffentliche Druck - selbst in Deutschland, das sich gern als Umwelt-Vorreiter sieht. Es ist längst nicht ausgemacht, wie die Deutschen auf spürbare Einschnitte zugunsten des Klimas reagieren würden. Zwar sagen sie in Umfragen immer wieder, wie wichtig ihnen Klimaschutz sei. Doch erinnert diese Aussage an ähnliche Erhebungen, denen zufolge die Sozialsysteme reformiert gehören - nur bitte ohne Einbußen für einen selbst.

"Wir brauchen größere Katastrophen"

Ist die Klimakatastrophe also nicht mehr zu stoppen? Wird sie die Menschheit mit voller Wucht treffen, möglicherweise mit größerer Zerstörungskraft als ein Atomkrieg, wie jüngst der britische Physiker Stephen Hawking argwöhnte? Ferdowsi, profilierter Friedens- und Konfliktforscher, setzt darauf, dass die Menschheit bei größerem Leidensdruck doch noch umdenkt: "Vielleicht brauchen wir größere Katastrophen als den Tsunami in Asien, damit etwas geschieht." Möglicherweise "muss erst Bangladesch untergehen". Dann habe man 200 Millionen Flüchtlinge und ein sicherheitspolitisches Thema namens Klimawandel. Eventuell würden dann die Industriestaaten dem Problem mehr Aufmerksamkeit widmen.

Brühl sieht die Lage optimistischer. Wenn die Rede davon sei, ob die Menschheit die Kurve noch kriege oder nicht, "muss man zunächst klären, wie eng die Kurve überhaupt ist". Sprich: welche Ausmaße der Klimawandel genau annehmen wird. "Vielleicht", sagt Brühl, "wird alles gar nicht so schlimm."

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