Streit um Unterrichtsmaterial Gericht zählt Fehler in Gores Klimafilm auf

Al Gores Klimafilm "Eine unbequeme Wahrheit" enthält wissenschaftliche Fehler und darf in Schulen nur mit entsprechenden Hinweisen gezeigt werden, hat ein britisches Gericht entschieden. Der Kläger scheiterte aber mit der Absicht, den Film komplett aus den Schulen zu verbannen.


London - Selten dürfte ein Gerichtsurteil so unterschiedlich interpretiert worden sein wie dieses. "Al Gores unbequemer Richterspruch", titelte die Londoner "Times" - und fügte süffisant hinzu, der Film sei "übersät mit neun unbequemen Unwahrheiten". Der "Guardian" traf den Kern dagegen genauer: "Klimawandelfilm soll in den Klassenräumen bleiben", hieß es. Der Kläger - ein Vater zweier Kinder aus der Grafschaft Kent - sei mit dem Versuch, Gores Klimawandelfilm aus den Klassenräumen des Landes zu verbannen, gescheitert.

Der Lastwagenfahrer Stewart Dimmock, Vater zweier Kinder und als "School Governor" so etwas wie ein Elternbeirat, war gegen Gores oscarprämierten Klimawandelfilm vor Gericht gezogen. Der Streifen wird derzeit an mehr als 3500 Schulen in England, Schottland und Wales als Unterrichtsmaterial verteilt. Damit setze die Regierung die Schüler einer "Gehirnwäsche" und politischer Indoktrinierung aus, lautete Dimmocks Vorwurf. Man dürfe den Film deshalb grundsätzlich nicht an Schulen zeigen.

Richter Justice Burton vom Londoner High Court erteilte dieser Forderung jetzt eine klare Absage. Der britische Schulminister Ed Balls werde in den Klassenräumen nicht widerrechtlich "parteipolitische Ansichten" verbreiten, wenn er Gores "weitgehend korrekten" Film zeigen lasse. Die Lehrer müssen ihre Schüler lediglich auf insgesamt neun inhaltliche Fehler aufmerksam machen, die der Film laut Burton enthalte:

  • Das Abschmelzen der Gletscher in der Westantarktis und in Grönland könne "in naher Zukunft" die Meeresspiegel um mehr als sechs Meter steigen lassen, heißt es in Gores Film. Dies sei "alarmistisch", meint Burton, und werde allenfalls über einen Zeitraum von Jahrtausenden geschehen.
  • Niedrig liegende bewohnte pazifische Atolle würden durch die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung überschwemmt – es gibt aber laut Burton keine Anzeichen von Evakuierungen.
  • Die Erwärmung werde das globale Förderband in den Ozeanen zum Erliegen bringen – wodurch unter anderem der Golfstrom kein warmes Wasser mehr nach Europa führen würde. Burton argumentiert, dass dies inzwischen vom IPCC, dem Klimarat der Vereinten Nationen, als "sehr unwahrscheinlich" betrachtet werde.
  • In seinem Film zeigt Gore eine Grafik zur Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre und den globalen Temperaturen der vergangenen 650.000 Jahre, zwischen denen es eine "exakte Übereinstimmung" gebe. Burton zufolge sind sich Wissenschaftler zwar über einen Zusammenhang einig. "Die Grafiken sagen aber nicht das aus, was Gore behauptet", hieß es in Burtons Urteilsbegründung.
  • Gore bringt in seinem Film das Abschmelzen der Eiskappe auf dem Kilimandscharo in Verbindung mit dem Klimawandel. Darüber herrsche unter Fachleuten jedoch keine Einigkeit.
  • Gore bringe den Hurrikan "Katrina", der im Spätsommer 2005 New Orleans verwüstete, mit dem Klimawandel in Verbindung. Die Beweislage dafür sei "nicht ausreichend".
  • Das Austrocknen des Tschad-Sees werde als Beispiel für die Folgen des Klimawandels angeführt. Die Gründe seien aber im Bevölkerungswachstum, der Landwirtschaft und regionalen Klimaschwankungen zu suchen.
  • Das weltweite Absterben von Korallenriffen werde in dem Film unter anderem mit dem Klimawandel begründet. Der Richter erklärte jedoch, dass es schwierig sei, bei den Ursachen zwischen dem Klimawandel und anderen Faktoren wie etwa der Überfischung zu trennen.
  • In dem Film komme eine Studie vor, der zufolge Eisbären bei der verzweifelten Suche nach Packeis ertrunken seien. Die einzige wissenschaftliche Studie, die er habe finden können, habe lediglich von vier in einem Sturm ertrunkenen Eisbären berichtet, so Burton.

Zwar bekommt Gore die inhaltlichen Fehler und Unschärfen in seinem Film nun erstmals richterlich vorgelegt. Doch neu ist an ihnen kaum etwas. Seit der Film 2006 erschienen ist, und erst Recht nach dessen Oscarauszeichnung haben sich Heerscharen von Wissenschaftlern, Umweltschützern und Klimawandelskeptikern über den Streifen hergemacht und ihn aus allen Winkeln beleuchtet. Dabei tauchten kleinere Fehler und Unschärfen auf, doch die meisten Experten bescheinigten Gore, die Faktenlage im Großen und Ganzen korrekt dargestellt zu haben.

Einige der Fehler, die Burton in dem Film fand, sind zudem kaum Gore selbst vorzuwerfen – es sei denn, man erwartet von dem US-Politiker mehr als von den Wissenschaftlern. Dass etwa der Klimawandel den Golfstrom gefährden könnte, war bis vor kurzem eine selbst von prominenten Forschern vertretene Meinung, die erst in den vergangenen Monaten weitgehend revidiert wurde. Anderes – wie etwa der Zusammenhang zwischen Hurrikanen und der Erwärmung – ist derzeit Gegenstand angeregter Fachdebatten.

Urteil passt zu bisherigen Meinungen

Burtons Urteil steht deshalb in keinerlei Widerspruch zu den bisherigen Urteilen über den Film. Denn der enthält laut Burton neben den neun Fehlern vier Haupthypothesen – "und jede einzelne ist sehr gut abgesichert durch die Forschungsergebnisse, die in respektierten Fachblättern veröffentlicht wurden und mit den jüngsten Schlussfolgerungen des IPCC übereinstimmen". Er betonte ausdrücklich, dass er mit dem inhaltlichen Kern von Gores Film voll übereinstimme - nämlich "dass der Klimawandel hauptsächlich auf den Ausstoß von Kohlendioxid, Methan und Stickoxid durch den Menschen zurückzuführen ist".

Die anderen drei zutreffenden Hypothesen seien, dass die Temperaturen künftig wahrscheinlich weiter steigen, der Klimawandel ohne Gegenmaßnahmen ernsthaften Schaden anrichten werde und dass es für Regierungen und Einzelpersonen absolut möglich sei, die Folgen des Klimawandels zu lindern.

Die Anwälte von Kläger Stewart Dimmock sprachen unverdrossen von einem "meilensteinartigen Sieg". Auch Dimmock selbst stellte sich als Gewinner dar. "Hätte ich diesen Fall nicht vor Gericht gebracht, würde unser Nachwuchs noch immer indoktriniert werden." Burton bemühte sich derweil um einen salomonischen Richterspruch: Er erstattete Dimmock zwei Drittel seiner Anwaltskosten, die britischen Medien zufolge rund 200.000 Pfund – fast 290.000 Euro – betragen. Denn immerhin hätte der Film laut Burton gegen die gesetzliche Regelung verstoßen, dass politische Ansichten im Unterricht nicht einseitig dargestellt werden dürfen – und erst die jetzt von ihm vorgeschriebenen Hinweise hätten das verhindert.

mbe



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