Knochensplitter

Knochensplitter Wie die Schildkröten zu ihrem Panzer kamen

UC of Zürich

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Wenn man Paläontologen fragte, wie Schildkröten eigentlich zu ihrem Panzer kamen, hatten die bisher nur begründete Vermutungen zu bieten. Eine Züricher Studie liefert nun eine durch Fossile belegte Antwort: In kleinen Schritten. Außerdem im Knochensplitter-Blog: Machte uns Müsli zu Menschen?

Geknackt: Die Panzerfrage

Schildkröten wirken langsam und träge und erscheinen uns wenig fit, die Veränderungen der Zeiten zu überstehen - und doch gehören sie zu den ältesten Tiergruppen überhaupt. Sie haben zwei der größten Massensterben der Erdgeschichte überlebt und einige kleinere. Seit satt über 200 Millionen Jahren krauchen und schwimmen sie, wo immer es warm genug für sie ist. Bei Gefahr ziehen sie Kopf und Körperglieder in den Schutz ihres Panzers zurück - das Konzept war offensichtlich gut genug, sowohl die Herrschaft der Dinosaurier als auch das Holozän, in dem sich die Säuger durchsetzten, zu überleben.

Schildkröten sind quer durch die Zeiten gut fossil belegt. Trotzdem ist sowohl ihre genaue Zuordnung unter den Reptilia, als auch ihre Entstehungsgeschichte durchaus umstritten. Das Hauptproblem: Alle klar als Schildkröten zu erkennende Fossile verfügten bereits über einen mehr oder minder voll ausgeprägten Panzer. Wo der in der Evolutionsgeschichte so vermeintlich "plötzlich" herkam, galt als ungeklärt.

Das könnte eine unter Federführung Züricher Forscher im Fachblatt "Current Biology" veröffentlichte Studie jetzt ändern: Eine Forschergruppe um den Paläontologen Torsten Scheyer analysierte 37 gut erhaltene Fossile des Eunotosaurus africanus. Das kleine, meist nur rund zehn Zentimeter große Reptil galt seit langem als Kandidat dafür, ein Schildkröten-Vorfahr zu sein.

Scheyer und Co bekräftigen diese Annahme nun. Ihrer Studie zufolge verfügte Eunotosaurus vor rund 260 Millionen Jahren bereits über einen recht gut ausgeprägten Rückenschild, der hochgradig analog zum Rückenpanzer heutiger Schildkröten aufgebaut ist (siehe Bildergalerie). An der Körperunterseite verfügte Eunotosaurus aber nur über einen relativ kleinen, rudimentär ausgeprägten Bauchschild.

Visualisierung der Evolution des Schildkrötenpanzers
Das macht ihn zu einem echten Übergangsfossil - ein "missing link", wenn man so will. "Mit seinen morphologischen Merkmalen steht 'Eunotosaurus africanus' zwischen den vollständig gepanzerten Schildkröten und primitiven Reptilien", heißt es in der Pressemitteilung zur Veröffentlichung der Studie. Eine Erkenntnislücke von 35 bis 50 Millionen Jahren sei damit geschlossen worden. Scheyers Co-Autor Tyler Lyson hat bei Youtube eine schicke, auf diesen neuen Erkenntnissen beruhende Visualisierung der Panzer-Evolution veröffentlicht.

Sieg der Mischkost: Machte Müsli Menschen?

Paranthropus: Hat er sich per Diät-Umstellung aus unserem Stammbaum entfernt?
archaeologyInfo.com/ ScottBjella

Paranthropus: Hat er sich per Diät-Umstellung aus unserem Stammbaum entfernt?

Vor rund 3,5 Millionen Jahren geschah etwas in Afrika, das dazu führte, dass verschiedene Primaten ihre Ernährung signifikant umstellten - das dokumentiert eine im Wissenschaftsmagazin "PNAS" veröffentlichte Studie einer internationalen Forschergruppe. Es stellte auch die Weichen der menschlichen Entwicklung neu, meint der Anthropologe Zeresenay Alemseged, einer der Autoren der in vier Einzelartikeln vorab veröffentlichten Studie zur Ernährung der Hominiden.

Die Studie basiert auf Isotopen-Untersuchungen an den Zähnen verschiedener Hominiden-Fossile. 175 Fossile, die elf verschiedenen, 4,4 bis 1,3 Millionen Jahre alten Arten zugeordneten werden, wurden nach Spuren ihrer Ernährungsweise untersucht - die bisher größte vergleichende Analyse ihrer Art. Die Gruppe wies nach, dass einige Hominiden vor 3,5 Millionen Jahren ihre Ernährung auf Gräser umstellten, andere hingegen auf eine besonders breit gefächerte Mischkost aus Gräsern, Blättern, Früchten und mehr - ein Müsli, sozusagen.

Die Ursache für die Veränderung der Ernährungsweise, die sich vor allem bei der Art Paranthropus bosei auch in der Ausprägung besonders großer Malzähne auswirkte, ist nicht geklärt. Überrascht wurden die Forscher von zum Teil signifikanten Unterschieden sogar innerhalb einer Art. So machten die im südlichen Afrika beheimateten Paranthropus robustus die Umstellung auf eine so einseitige Kost nicht mit: Die südlichen Verwandten des bosei setzten demnach auf eine deutlich gemischtere Diät. Eine besonders vielfältige Ernährung wirkte sich für Hominiden langfristig aber offenbar positiv aus. Das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit: Die meisten Tierarten sind in ihrer Ernährung hochgradig spezialisiert.

Die Studie, sagt Co-Autor Matt Sponheimer, dokumentiere unter anderem die Vereinahmung unterschiedlicher ökologischer Nischen durch verschiedene Hominiden. Langfristig zeigte sich dabei eine möglichst ausgeprägte Flexibilität bei der Ernährung einer sehr starken Spezialisierung als überlegen. Der Grasliebhaber Paranthropus bosei, der heute keine lebenden Nachfahren hat, gehörte am Ende nicht zu den Gewinnern der Evolution - ganz im Gegensatz zu kulinarisch flexiblen Hominiden. Deren heute lebende Nachfahren machen sich nun nicht nur darüber Gedanken, was ihre Vorfahren wohl zu Essen hatten: Wir dürften wohl auch die ausgeprägtesten Mischesser sein, die diesen Planeten je bevölkerten.



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3 Leserkommentare
neuroplast1 04.06.2013
stiip 05.06.2013
jederhateinrechtauf 05.06.2013

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