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Studie: Meeres-Anstieg verdoppelt sein Tempo

Von Franziska Badenschier

Noch in diesem Jahrhundert könnte der Meeresspiegel um bis zu 140 Zentimeter steigen, glaubt ein deutscher Klimaforscher. Verheerende Sturmfluten und Überschwemmungen könnten die Folge sein. Andere Experten bezweifeln jedoch die Aussagekraft der Modellrechnung.

Gummistiefel müssen her, und mehr Küstenschutzanlagen auch: Der Meeresspiegel könnte in diesem Jahrhundert um 50 bis 140 Zentimeter steigen. Das zumindest glaubt der deutsche Ozeanexperte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Bisherige Prognosen für den globalen Wasserstand sagten lediglich einen Anstieg um 9 bis 88 Zentimeter voraus. Doch diese Zukunftsprojektion sei nicht zuverlässig, meint Rahmstorf - und präsentiert deswegen nun eine eigene, neue Prognose.

Nasse Füße: Die blau gefärbten Gebiete stünden unter Wasser, wenn das Meer um einen Meter anstiege. Allerdings lässt diese Erweiterung von Google Maps Deiche und lokale Besonderheiten außer Acht
floodfiretree.net

Nasse Füße: Die blau gefärbten Gebiete stünden unter Wasser, wenn das Meer um einen Meter anstiege. Allerdings lässt diese Erweiterung von Google Maps Deiche und lokale Besonderheiten außer Acht

Die bisherigen Klimamodelle - allesamt am Computer erstellt - hätten unterschätzt, dass bereits heute der globale Meeresspiegel wegen der Klimaerwärmung angestiegen ist: seit 1870 um 20 Zentimeter. Rahmstorfs Modellrechnung beruht auf Messdaten über Lufttemperaturen und Meerespiegel-Veränderungen des 20. Jahrhunderts. Das Ergebnis: Je wärmer es wird, desto rascher steigt der Meeresspiegel.

Wenn der für das 20. Jahrhundert gefundene Zusammenhang auch für die kommenden knapp 100 Jahre gültig sei und man die Szenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) zur künftigen Erwärmung anlege, werde "der Meeresspiegel im Jahr 2100 um 0,5 bis 1,4 Meter über dem Pegel von 1990 liegen", schreibt Rahmstorf in einer Online-Vorabveröffentlichung des Wissenschaftsjournals "Science".

Mehr Meer: 9, 43, 140 oder gar 1400 Zentimeter

Das Uno-Gremium IPCC geht davon aus, dass die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 um bis zu 4,5 Grad erwärmt und der Meeresspiegel allein durch die thermische Ausdehnung des Wassers um bis zu 43 Zentimeter steigt. Eine beginnende Packeis-Schmelze in Grönland könne diesen Betrag noch deutlich erhöhen, heißt es im kommenden IPCC-Bericht, der im Februar 2007 veröffentlicht werden soll.

Neun Zentimeter, 43 Zentimeter, 140 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts: "Die Tatsache, dass wir mit unterschiedlichen Methoden so unterschiedliche Abschätzungen erhalten, macht deutlich, wie unsicher unsere gegenwärtigen Meeresspiegel-Vorhersagen noch sind", sagt Rahmstorf. Deshalb halten andere Experten Rahmstorfs Zahlen durchaus für bedenklich: "Sein Report ist ein wertvoller Beitrag zur Diskussion, aber wir müssen noch darüber nachdenken, ob die Daten gut genug sind", sagte etwa Hans von Storch, Direktor des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, zu SPIEGEL ONLINE. Weitere Fachleute sprachen von mit Unsicherheit behafteten Zahlen und bemängelten, dass nur Daten aus den letzten 100 Jahren verwendet wurden.

Allerdings: "Ein Anstieg des Meeresspiegels gehört zu den physikalisch unausweichlichen Folgen der globalen Erwärmung", heißt es etwa in einem Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) von Anfang 2006 - ein paar Vergleichswerte inklusive:

  • Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, also vor rund 20.000 Jahren, lag der Meeresspiegel etwa 120 Meter niedriger als heute; das Klima war global vier bis sieben Grad kälter.
  • Während der letzten Warmperiode, im Eem vor 120.000 Jahren, war es etwa ein Grad wärmer als heute; der Meeresspiegel lag schätzungsweise zwei bis sechs Meter höher.
  • Um 25 bis 30 Meter höher als heute lag der Meeresspiegel vor drei Millionen Jahren, im Pliozän, als es zwei bis drei Grad wärmer war als zurzeit.

Ein 30 Meter höherer Wasserpegel als heute droht derzeit zwar noch nicht. Dafür aber gibt es eine erheblich erhöhte Sturmflutgefahr in London, New York und anderen Städten an den Küsten des Nordatlantiks. Manche Küstenstädte könnten noch in diesem Jahrhundert versinken, hieß es in einer Studie im März dieses Jahres.

"Entscheidend ist nicht der mittlere Wasserstand, sondern die Sturmfluten, die obendrauf gepackt werden", sagte der deutsche Klimaküstenexperte Ralf Weiße im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Schlimmstenfalls - wenn der Meeresspiegel bis 2100 wirklich um 140 Zentimeter steigen würde - würde selbst das Thames Barrier, die größte Flutschutzanlage der Welt, nicht ausreichen. Da der Meerespegel aber nicht von heute auf morgen so dramatisch ansteigt, hätte man genug Zeit, neue Schutzmaßnahmen zu treffen, ergänzte Kevin Horsburgh vom Proudman Oceanographic Laboratory.

Anstieg des Meeresspiegels nicht mehr aufzuhalten

Wie die Weltkarte aussähe, wenn Rahmstorfs Prognose eingetreten ist, macht eine kleine Erweiterung des Kartendienstes Google Maps deutlich: Flood - eine Flutkarte, die der Engländer Andrew Tingle im Frühjahr erstellt hat. In Meterschritten kann jeder, auch der Laie, die Küstengebiete der Welt überfluten lassen - am Bildschirm, digital.

Für Flood hatte Tingle einfach Höhenlinien aus einem frei verfügbaren Datensatz der US-Raumfahrtbehörde Nasa, in dem das Höhenrelief der gesamten Erde beschrieben ist, über die Landkarten von Google Maps gelegt. Diese simple Methode geht zwar nicht auf lokale Besonderheiten ein und berücksichtigt auch nicht die Flutschutzmaßnahmen der Meeresanrainer. Dennoch dürfte das Google-Mashup viele Bewohner küstennaher Gebiete verblüffen angesichts der Tatsache, wie knapp sie oberhalb des Meeresspiegels wohnen.

Dass der globale Pegel sinkt, hat Tingle nicht vorgesehen - warum auch. Der Anstieg des Meeresspiegels lässt sich nicht aufhalten, geschweige denn umkehren - höchstens verlangsamen. "Wir müssten global die Emissionen bis 2050 um die Hälfte verringern, um das Schlimmste zu verhindern", sagte Rahmstorf zu SPIEGEL ONLINE.

Allerdings: Die Idee des Kyoto-Protokolls - bis 2012 reduzieren die Industriestaaten ihren Klimagasausstoß bereits, später kommen auch die Entwicklungsländer dazu - wird wohl kaum Realität. Ein aktueller Uno-Klimareport zeigt nämlich im Detail, dass sich die Entwicklung genau in die falsche Richtung gedreht hat. Der wichtigste Messwert für den menschlichen Einfluss auf das Weltklima, der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2), steigt demnach kräftig - seit dem Jahr 2000 nehmen die Emissionen nicht mehr ab wie im Jahrzehnt davor, sondern steigen wieder.

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