Studie mit Zebrafinken Väter vererben das Fremdgeh-Gen an ihre Töchter

Zebrafinken treiben es bunt: Ihre Hochzeitsnacht verbringen sie öffentlich auf einem Ast, für Sex mit ihren Affären verstecken sie sich. Wissenschaftler haben jahrelang Singletreffen unter Vögeln organisiert - damit kamen sie der Ursache des Fremdgehens auf die Spur.

Von Nicole Hulka

Zebrafinken: Umtriebige Weibchen
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Zebrafinken: Umtriebige Weibchen


Seewiesen - Wenn Finkenweibchen sich mit ihrer Affäre treffen, tun sie das oft heimlich in einem Versteck. Erwischt der feste Partner sie in flagranti mit einem fremden Männchen, muss das Weibchen mit schlimmen Konsequenzen rechnen: Der Partner greift sowohl die fremden Männchen als auch die eigene Partnerin an.

Forscher konnten nun in einer Studie mit Zebrafinken beobachten, dass die festen männlichen Partner die Seitensprünge der Partnerinnen auf diese harsche Weise unterbrochen haben, als sie ihre Weibchen beim Kopulieren mit einem fremden Männchen erwischt haben. Die Studie liefert erstaunlichen Einblicke in das Paarungsverhalten der Vögel: Der Hang zu Seitensprüngen wird bei Zebrafinken demnach von den Vätern auf die Töchter vererbt, berichten Wissenschaftler vom Max Planck Institut für Ornithologie in Seewiesen (MPI) in der Studie im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences.

Biologen untersuchen seit langem, warum weibliche Tiere in festen Partnerschaften betrügen, da das Fremdgehen in monogamen Bindungen für die Weibchen keine Vorteile hat. Wolfgang Forstmeier und seine Kollegen vom MPI beobachteten über fünf Generationen und fünf Jahre mehr als 1500 Zebrafinken und ihr Paarungsverhalten. Dabei konnten sie zeigen, dass die Gene, die für das Fremdgehen der männlichen Zebrafinken verantwortlich sind, an die weiblichen Vögel weitergegeben werden.

Die Seitensprünge der Weibchen im Tierreich galten bisher als ungewöhnlich, weil es keine genetischen Gründe dafür zu geben schien und die Weibchen zunächst auch keine direkten Vorteile davon haben. Wissenschaftler beobachten bei vielen Tierarten häufig, dass Weibchen nach dem Treuebruch auf sich allein gestellt bleiben und von ihrem Partner bei der Aufzucht der Brut nicht mehr unterstützt werden.

Einsame Weibchen

Bei männlichen Tieren hingegen ist der außereheliche Geschlechtsverkehr evolutionsbiologisch plausibel: Haben sie viel Sex mit verschiedenen Partnerinnen, können sie möglichst viele Nachkommen zeugen, die ihre Gene tragen. Das Fremdgehen ist bei Männchen sozusagen genetisch programmiert.

Bei vielen Tierarten laufen die Weibchen Gefahr für den außerehelichen Sex bestraft zu werden, sollte das Weibchen von ihrem Partner in flagranti erwischt werden: "Es kann häufig beobachtet werden, dass Weibchen ihre Brut dann allein großziehen müssen", sagt Forstmeier. Während Vögel die Hochzeitsnacht meist öffentlich auf einem Ast verbringen, verstecken sich viele Tierarten für den heimlichen Sex, berichtet der Ornithologe.

Dennoch wurde beispielsweise auch bei Blaumeisen belegt, dass Weibchen sich keinesfalls abgeneigt zeigen, mit einem fremden Männchen zu kopulieren. Die genetischen Ursachen für die Untreue wurden bislang jedoch nicht eindeutig geklärt.

Zwar gibt es unter Evolutionsbiologen die Hypothese, dass die Bereitschaft zum Seitensprung sowohl bei Männchen als auch bei Weibchen durch natürliche Selektion entsteht: Die Gene, die bei Männchen für das Fremdgehen verantwortlich sind und sich durch das häufige Paaren der Männchen verteilen, würden demzufolge auch an Weibchen weitergegeben werden. Bewiesen wurde diese Hypothese jedoch noch nie. Forstmeier und seine Kollegen konnten nun zum ersten Mal zeigen, dass männliche Zebrafinken, die sich mit mehreren Partnerinnen paarten, auch Töchter zeugten, die ebenfalls fremdgehen.

Lautes Männchen mit knallrotem Schnabel

Dafür haben die Wissenschaftler zunächst ein Singletreffen mit 800 Männchen und 754 Weibchen organisiert und sie per Videoüberwachung beobachtet. "Die Tiere weisen bei der Paarung individuelle Verhaltensweisen auf", sagt Forstmeier. "Manche Männchen flirten sehr aktiv und singen sehr stark und vermehrt, andere sind eher ruhig."

Je lauter ein Zebrafinkenmännchen mit seinem leuchtenden korallenroten Schnabel und der auffälligen Brustmusterung singt und balzt, desto besser stehen auch die Chancen, dass er sich mit dem Weibchen seiner Wahl paaren darf. Auch die Weibchen springen unterschiedlich auf das Balzverhalten an.

In einem zweiten Schritt beobachteten die Wissenschaftler dann bei etwa 300 ausgesuchten sexuell besonders aktiven Weibchen und Männchen, ob sich dieses Flirtverhalten auch zeigt, wenn die Tiere anschließend in einer monogamen Bindung leben, in der sie dann eigentlich treu sein sollten.

Zudem untersuchten die Forscher mit Hilfe genetischer Analysen, wie viele Nachkommen die vielflirtenden Männchen gezeugt haben und wieviele Nachkommen innerhalb einer Brut und einer festen Partnerschaft von einem fremden Männchen gezeugt worden sind.

In flagranti erwischt

Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass die viel flirtenden Väter häufig fremdgingen und viele außereheliche Nachkommen zeugten. Ebenso stellte sich heraus, dass die weiblichen Nachkommen dieser Männchen auch häufig positiv auf das Balzverhalten fremder Männchen reagierten und fremdgingen. In den Nestern der Paare befanden sich zudem außerehelich gezeugte Junge. Etwa 30 Prozent in der gesamten Population der Forscher waren von fremden Vätern gezeugt.

Männchen, die häufig fremdgingen, zeugten demzufolge auch untreue Töchter. Da das Erbgut jeweils zur Hälfte vom Vater und zur Hälfte von der Mutter weitergeben wird, sei es auch möglich, dass die untreuen Mütter ihre entsprechenden Gene hätten weitergeben können, sagt Forstmeier. Bei den Männchen seien diese Gene jedoch stärker.

"Die Weibchen gehen fremd, weil sie auf Grund der von den Vätern geerbten Gene nicht anders können", sagt Forstmeier. "Wenn sie allerdings fremdgehen, was in monogam lebenden Paaren ja schlimme Konsequenzen für sie hat, dann nur aus gutem Grund." Denn durch das Fremdgehen erhöht sich beim Nachwuchs die Vielfalt der vererbten Gene. Die Nachkommen der fremdgehenden Weibchen weisen eine größere Bandbreite an genetischen Eigenschaften auf als monogame Weibchen. Das könnte dafür sorgen, dass eine größere Zahl der Nachkommen überlebt, spekulieren die Forscher.

Forstmeier betont, dass man nicht direkt vom sexuellen Verhalten der Zebrafinken auf den Menschen schließen könne. Rein genetisch betrachtet, kann sich der Evolutionsbiologe auf Grund seiner Ergebnisse jedoch durchaus Parallelen zu den Vererbungsmechanismen beim Menschen vorstellen.

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firem 15.06.2011
1. Ich war nie verheiratet
weil das Fremdgehgen nicht nur bei Vögeln von Vorteil ist.
Sique 15.06.2011
2. Manchmal frage ich mich...
Manchmal frage ich mich, ob sich an diesen ganzen Diskussionen über Treue von Frauen und Untreue von Männern nur Leute beteiligen, die nicht zählen können. Dabei ist es ganz einfach: Für jeden Mann, der untreu wird, muss es eine Frau geben, mit der er untreu werden kann. Solange es also genauso viel Männer gibt wie Frauen, so lange haben Männer im Durchschnitt genauso viel weibliche Partner wie Frauen männliche Partner. Für jeden promiskuitiven Mann muss es Frauen geben, die auf sein Werben eingegangen sind. Und da es nicht beliebig viele Frauen gibt, muss es jede Menge Frauen geben, die auf das Werben mehrerer promiskuitiver Männer eingegangen sind. Das ist eine mathematische Notwendigkeit, und die kann weder durch evolutionsbiologische noch durch moralisierende Betrachtungen wegdiskutiert werden.
fantin-latour 15.06.2011
3. Freudscher Lapsus
"korpulieren": es wird zwar mit dem corpus gemacht, heißt aber trotzdem kopulieren; naja, drum sind es halt Biologen und keine Germanisten geworden ;-)
wfmms 15.06.2011
4. korpulieren?
heißt es wirklich "korpulieren"? Ich kenne in diesem Zusammenhang nur "kopulieren"?
janne2109 15.06.2011
5. wo isser
Zitat von firemweil das Fremdgehgen nicht nur bei Vögeln von Vorteil ist.
und wo isser- der Vorteil?
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