Knochensplitter

Straußen-Studie Sauropoden waren Steifhälse

Sauropoden: Vor allem in Richtung des Bodens waren ihre Hälse wohl deutlich weniger biegsam als die lange Wirbelsäule nahelegt Zur Großansicht
Corbis

Sauropoden: Vor allem in Richtung des Bodens waren ihre Hälse wohl deutlich weniger biegsam als die lange Wirbelsäule nahelegt

Mit ihren spektakulär langen Hälsen konnten Sauropoden vom Boden bis in die Baumwipfel jede Nahrung erreichen - dachte man. Doch Forscher halten den Hals der Tiere für eher steif. Schuld seien Muskeln, Knorpel und Sehnen.

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Wenn große Sauropoden wie Diplodocus oder Argentinosaurus ihre mitunter mehr als sechs Meter langen Hälse in die Höhe streckten, hob sich ihr Kopf auf zehn Meter Höhe und mehr. Ein Riesenvorteil, weil Sauropoden so jede erdenkliche Nahrung vom Boden bis in die Wipfel der Bäume erreichen konnten - so die landläufige Vorstellung.

Doch die stimme so nicht, behauptet zumindest eine aktuelle im Fachmagazin "PLoS One" veröffentlichte Studie. Nicht alle Sauropoden hätten mit ihren Hälsen so eine Reichweite gehabt. Dagegen spräche vor allem ein Argument: Die Hälse von Sauropoden waren offenbar viel steifer als bisher gedacht.

Nach Ansicht der Autoren habe man schlicht und ergreifend an eine Sache nicht genügend gedacht: Montiere man die Halswirbel eines Tieres einfach aneinander, so sei die sich daraus ergebende Wirbelsäule deutlich biegsamer, als wenn diese von Knorpel und Muskelmasse umgeben sei.

Mit Gewebe nur halb so biegsam

Um diese Hypothese zu untersuchen, vermaßen sie die Krümmungsgrade einer Straußenwirbelsäule, die der der Sauropoden anatomisch stark ähnelt. Die Ergebnisse bestätigen den Verdacht der Wissenschaftler: So konnte beispielsweise der siebte Halswirbel um 25 Grad dorsal (nach "oben") und 15 Grad ventral (nach "unten") gebogen werden, wenn das umgehende Muskelmaterial, Knorpel und Sehnen intakt waren.

Dann entfernten sie die einzelnen Gewebearten um die Wirbelsäule. Danach konnte der siebte Wirbel noch immer um 25 Grad dorsal, aber um ganze 29 Grad ventral gebogen werden - fast eine Verdopplung.

Hals unter Grundspannung

Daraus folgern die Wissenschaftler: Sauropoden waren in ihren Bewegungen erheblich weniger flexibel als bisher angenommen. Der Ansatz ist an sich nicht neu. 2007 publizierten Gordon Dzemski und Andreas Christian eine ähnliche Studie im "Journal of Morphology".

Auch Dzemski hatte die Flexibilität von Straußenhälsen gemessen: "Er hatte Strauße untersucht, indem er die verschiedenen Gewebelagen des Halses sukzessive durchtrennte und abtrug und dann immer wieder die Beweglichkeit des Halses analysierte", erklärt Andreas Christian, Leiter der Abteilung Biologie und ihre Didaktik der Uni Flensburg.

Dzemski und Christian kamen trotz ähnlicher Methoden zu etwas anderen Ergebnissen: Sie schätzten die Beweglichkeit von Sauropoden deutlich größer ein als die aktuelle Studie.

Deren Autoren erklären das so: Der neuen Studie lägen Untersuchungen an Hälsen junger Strauße zugrunde, Christian und Dzemski hätten dagegen die Hälse ausgewachsener Tiere untersucht. Deren Flexibilität aber sei größer als die von Jungtieren, weil bei ihnen die gesamte Wirbelsäule als eine Art "Spanner" durchziehende Ligamentum elasticum erschlafft sei.

Je älter, desto beweglicher?

Das Ligamentum elasticum ist eine Art durchgehende Sehne, die die Wirbelsäule unter einer Grundspannung hält. Besonders wichtig ist das für Tiere mit langen Hälsen und Schwänzen: Ohne das Ligamentum müssten sie diese ständig per Muskelspannung aufrechthalten.

Das Tier spart mit dem Ligamentum also Energie und bezahlt dafür mit einer Einschränkung seiner theoretisch erreichbaren Beweglichkeit. So ging es wohl auch den Sauropoden.

Diese Einschränkungen dürften, so die Autoren, auch das Verhalten der Tiere maßgeblich beeinflusst haben. So gehen sie davon aus, dass ein Sauropode, der nur bestimmte Pflanzen oder Pflanzenteile erreichen konnte, mehr Zeit und Mühe auf die Nahrungsbeschaffung verwenden musste. Die Einschränkung hätte seine ökologische Nische verengt.

In jedem Fall erfolgreich

Andreas Christian fordert jedoch, zwischen verschiedenen Arten zu unterscheiden. Denn Sauropoden sahen sich zwar ähnlich, aber es gab auch Unterschiede zwischen ihnen: Manche liefen "vorderlastig" auf eher kurzen Vorderbeinen und dürften ihr Futter damit auch primär in niedrigeren Höhen gesucht haben als langbeinige Tiere.

"Die Hälse einiger Arten blieben eher gerade, wie bei einer Giraffe, andere waren zumindest im vorderen Bereich beweglicher, etwa bei Diplodocus", sagt Andreas Christian. Für ihn sei die Frage der Halsbeweglichkeit für die Ernährung möglicherweise weniger relevant als vielmehr für die Bewegung der Tiere. Den Hals relativ steif in niedriger Position zu halten, mag in dicht bewachsenem Gebiet sogar von Vorteil gewesen sein.

So oder so bleibt klar: Sauropoden waren beweglich genug, sich bis zu 70 Tonnen Körpergewicht anzufressen. Ihr vermeintlicher Steifhals konnte auch nicht verhindern, dass sie 162 Millionen Jahre lang die Erde bevölkerten - als eine der artenreichsten und verbreitetsten Gruppen pflanzenfressender Dinosaurier. Steif oder nicht, sie waren ein Erfolgsmodell.

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11 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
williambaracchi 16.08.2013
luwigal 16.08.2013
the_eagle 16.08.2013
julius_sors 16.08.2013
bieber10 16.08.2013
lavama 16.08.2013
lavama 16.08.2013
hdudeck 16.08.2013
lavama 16.08.2013
mindphuk 16.08.2013
nilaterne 12.09.2013
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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