Dino-Körpertemperaturen Heißblütige Riesen, lauwarme Jäger

DPA/ Nature/ Zhao Chuang/ Xing Lida/ IVPP

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Seit eineinhalb Jahrhunderten debattieren Paläontologen über die Frage, ob Saurier nun Warmblüter oder Wechselwarme waren. Kommt drauf an, heißt es nun in einer Studie: Manche waren ganz schön heiß, andere gerade mal lauwarm.

Wie misst man die Körpertemperatur von Wesen, die seit ein paar Dutzend Millionen Jahren nur noch in versteinerter Form zu haben sind? Indirekt, natürlich, abgeleitet aus Indizien.

So könnten Protofedern und Gefieder bei Sauriern nicht zuletzt für die Wärmeisolation eine Rolle gespielt haben. Manche Saurier scheinen gebrütet zu haben - was nur Sinn ergibt, wenn sie die Eier auch wärmen konnten. Trotzdem gilt ihre Warmblütigkeit noch immer als umstritten: Es scheint schwer zu fallen, Wesen, die so sehr nach Echse aussehen, als warmblütig zu akzeptieren.

Anfänglich sah man sie als träge Riesen, die dröge bis deppert durch Jura und Kreide schlurften. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entwarfen einige Wissenschaftler und Künstler dann ein anderes Bild: Sie glaubten, das Dinosaurier agile, schnelle und warmblütige Tiere waren, die in ihrer Bewegungsfähigkeit Säugetieren in nichts nachstanden.

Verfechter der "das waren dumme Reptilien"-Fraktion gerieten sukzessive ins Hintertreffen. Spätestens seit der von John Ostrom und Robert Bakker ab den Sechzigern eingeleiteten "Dinosaurier Renaissance" galt ein neuer Konsens: Dinosaurier waren fitte, schnelle Tiere - und höchstwahrscheinlich Warmblüter.

Temperatur ist ein Lifestyle-Indikator

Kaum etwas macht die Konsequenzen dieser Debatte sichtbarer als die gewandelte Vorstellung vom Theropoden, dem Raubsaurier. In ersten Rekonstruktionen liefen T-Rex und Anverwandte aufrecht in Godzilla-Manier herum, mit durch den Sand schleifendem Schwanz und in klassischer Boxer-Pose - so kräftige wie fürchterlich langsame Wesen.

Heute streckt der Theropode den Hals weit vor, der Körper steht fast waagerecht, der Schwanz ist das ausgestreckte Gegengewicht zum mächtigen Kopf. Dieses Wesen ist ein Renner, ein unerbittlicher Jäger. Kann man sich wirklich vorstellen, dass so ein Tier nach kalter Nacht erst einmal ein, zwei Stündchen Sonnenschein braucht, bis es in die Gänge kommt?

Das Tierreich teilt sich in Lebewesen, die ihre Körpertemperatur selbst regulieren können und solche, deren Körper- von der Außentemperatur abhängig ist. Echsen gehören zu letzteren, und lange hat man Dinosaurier nur als deren Verwandte verbucht. Enger verwandt sind Dinos allerdings mit den Vögeln, die ihre direkten Nachfahren sind. Und die gehören zu den "heißesten" Tieren, die wir kennen.

Zeig mir dein Ei, und ich sag dir, wie heiß du bist

Agilität braucht Wärme, aber Wärme hat einen Preis. Erzeugt wird sie im Körper durch Verbrennungsprozesse: Wer warm sein will, muss fressen. Und zwar viel mehr als ein Wesen, dass sich die für die Bewegung nötige Energie unmittelbar aus der Umwelt holt. Deshalb nehmen manche Vögel an einem Tag mehr als ihr eigenes Körpergewicht an Nahrung zu sich, und deshalb kommen manche Echsen damit aus, nur alle paar Wochen etwas zu sich zu nehmen.

Eine Forschergruppe, an der neben US-amerikanischen und argentinischen Wissenschaftlern auch Paläontologen der Uni Mainz beteiligt waren, hat nun ein neues, aussagekräftiges Indiz dafür gefunden, dass auch Saurier in der Lage waren, ihre Körpertemperatur selbst zu regulieren.

Im Fachblatt "Nature Communications" berichten sie, wie sich aus der Analyse versteinerter Eier Rückschlüsse auf die Körpertemperatur des legenden Tieres ziehen lassen. Methodisch wie im Ergebnis korreliert das mit einer 2011 im Fachblatt "Science" erschienenen Studie über die chemische Struktur der Zähne von Sauropoden. Auch hier ergab die Analyse, das die Tiere offenbar Warmblüter waren.

In beiden Fällen bestimmten die Forscher Isotope im fossilen Material. Abhängig von der Körpertemperatur weisen Zähne wie Eierschalen ein typisches chemisches Muster auf. Die Analyse von Sauropoden-Eiern aus Argentinien und Theropoden-Eiern aus der Mongolei zeigte: Die Sauropoden hatten eine Körpertemperatur von über 38 Grad, während die kleinen Theropoden - untersucht wurden die Eier von Vertretern der Oviraptora - auf knapp 32 Grad oder weniger kamen.

Die riesigen Sauropoden wären demnach regelrechte Heißblüter gewesen, und die kleinen Raubsaurier im Vergleich eher lauwarm. Beide aber müssten ihre Körpertemperatur über ihren Stoffwechsel selbst reguliert haben. Interessant ist, dass dies offenbar nicht für alle Dinosaurier in gleichem Maße galt.



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10 Leserkommentare
50penny 14.10.2015
WernerT 14.10.2015
thinkyourself 14.10.2015
larsilarsou 15.10.2015
neuundaltgierig 15.10.2015
neuundaltgierig 15.10.2015
7eggert 15.10.2015
doedelheimer 15.10.2015
cassandros 15.10.2015
panchov. 15.10.2015

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