Substanz entdeckt Forscher drehen die innere Uhr um Stunden zurück

Pille als Zeitbremse: Wissenschaftler haben eine Substanz entdeckt, die die innere Uhr verstellt. Damit konnten die Forscher die Zeiteinteilung von Zellen um bis zu zehn Stunden zurückdrehen. Das Mittel könnte in Zukunft Jetlag-Geplagten helfen.

Armbanduhr: Gewebe im menschlichen Körper arbeiten in einem 24-Stunden-Rhythmus
dpa

Armbanduhr: Gewebe im menschlichen Körper arbeiten in einem 24-Stunden-Rhythmus


"Die Entdeckung der Langsamkeit", Titel des Buchs des Schriftstellers Sten Nadolny, könnte in Zukunft eine ganz andere Bedeutung bekommen: US-Forscher haben eine Substanz entdeckt, die an der biologischen Uhr drehen kann - bis zu zehn Stunden soll das Stöffchen die innere Uhr zurückdrehen können, berichten Steve Kay von der University of California in San Diego und seine Kollegen im Fachjournal "PLoS Biology". Der Substanz gaben sie daraufhin den Namen Longdaysin ("long day", langer Tag).

Dabei ist die Sache mit der biologischen Uhr nicht ganz trivial: Denn sie tickt nicht nur im Gehirn, sondern auch in vielen anderen Geweben - beispielsweise in Lunge, Leber und Herz. Das Grundprinzip ist dabei überall gleich: Das System arbeitet in einem 24-Stunden-Rhythmus. Der Körper passt Schlafbedürfnis, Hungergefühl, Stoffwechsel und Wasserhaushalt sowie Körpertemperatur mit Hilfe des Tageslichts an die Umgebung an.

Auf diese Weise synchronisiert der Körper seine Funktionen mit dem Tag-Nacht-Zyklus. Dabei sorgt die biologische Uhr dafür, dass Tausende von Genen immer zu einer bestimmten Zeit an- beziehungsweise abgeschaltet werden. Bestimmte Proteine spielen bei diesen Prozessen eine entscheidende Rolle.

Unbekannte im Uhrennetzwerk

Seit längerem versuchen Wissenschaftler dieses Uhrennetzwerk zu ergründen und zu beeinflussen. Kay und seine Kollegen verfolgten dabei einen besonderen Ansatz: Sie führten eine großangelegte Suche nach unbekannten Proteinen des Uhrennetzwerks durch. Dazu forsteten die Wissenschaftler eine chemische Bibliothek durch und testeten die Wirkung von insgesamt über 120.000 verschiedenen Substanzen auf den internen Rhythmus von menschlichen Zellkulturen.

Dabei handelte es sich um Knochenkrebszellen, die genetisch so verändert waren, dass eine Beeinflussung der biologischen Uhr für das Auge sichtbar wurde: An eines der "Uhren-Gene" koppelten sie das Gen für Luciferase - jenes Enzym, das Glühwürmchen nachts zum Leuchten bringt. Wurde das "Uhren-Gen" durch einen der Teststoffe aktiviert, leuchteten die Zellen.

Eine der 120.000 Substanzen - Longdaysin - fiel durch eine außergewöhnlich starke Wirkung auf. Weitere molekularbiologische Untersuchungen brachten die Wissenschaftler darauf, dass dieser Stoff die biologische Zeiteinstellung in den Zellen abhängig von der Dosis um bis zu zehn Stunden zurückstellen konnte. Diesen Effekt belegten die Wissenschaftler auch bei Zebrafischen als Modelltieren.

Den Forschern zufolge beeinflusst das Longdaysin drei Proteine, die Teil der Uhrenmaschinerie sind und dazu beitragen, dass bestimmte "Uhren-Gene" angeschaltet werden und die biologische Rhythmik steuern. Von zweien dieser Eiweiße war diese Funktion bereits bekannt. Von dem dritten wusste man bisher nicht, dass es an der Regulation der internen Rhythmik beteiligt ist - jetzt hoffen die Forscher darauf, dass Longdaysin möglicherweise auch Vielfliegern helfen könnte, um gegen den Jetlag anzukämpfen.

cib/dapd



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insgesamt 6 Beiträge
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ArnoNym 15.12.2010
1. Titel
Zitat von sysopPille als Zeitbremse: Wissenschaftler haben eine Substanz entdeckt, die die innere Uhr verstellt. Damit konnten die Forscher die Zeiteinteilung von Zellen um bis zu zehn Stunden zurückdrehen. Das Mittel könnte in Zukunft Jetlag-Geplagten helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,734805,00.html
Oder auch nicht, wenn der Arbeitgeber dadurch Kosten sparen kann, indem er statt Business nun Eco bucht und einem eine Pille in die Hand drückt. Wie gut, daß es lediglich Grundlagenforschung ist, von der niemand weiß, ob daraus überhaupt einmal ein reales Produkt wird!
Frankinho 15.12.2010
2.
Das ist es, was die Welt braucht. Eine Pille gegen Jetlag! Da können die Millionen, die wöchentlich zwischen Frankfurt und Washington pendeln, endlich aufatmen...
Aquifex 16.12.2010
3. ...
Zitat von ArnoNymOder auch nicht, wenn der Arbeitgeber dadurch Kosten sparen kann, indem er statt Business nun Eco bucht und einem eine Pille in die Hand drückt. Wie gut, daß es lediglich Grundlagenforschung ist, von der niemand weiß, ob daraus überhaupt einmal ein reales Produkt wird!
Na, da kann man doch deutlich mehr sparen, wenn man der Nachtschicht die Pille gibt und dafür dann keine Zuschläge mehr bezahlen muß ;o).
Isleiff 16.12.2010
4. Viele Interessenten
Zitat von ArnoNymOder auch nicht, wenn der Arbeitgeber dadurch Kosten sparen kann, indem er statt Business nun Eco bucht und einem eine Pille in die Hand drückt. Wie gut, daß es lediglich Grundlagenforschung ist, von der niemand weiß, ob daraus überhaupt einmal ein reales Produkt wird!
Bei der Masse an Personen und Einrichtungen, die Interesse an so einer Pille haben (von der Nachtschicht bis zum Militär) kannst du dir sicher sein, dass die weitere Forschung bis zu einem realen Produkt gesichert ist.
Bibliothekarin_MCT 16.12.2010
5. Überflüssig
Weil der menschliche Körper keine größeren Probleme hat als den vermaledeiten Jetlag. Aber ich verstehe schon. Wir können gegen Krebs, AIDS, Herzinfarkte und so viele andere familienzerstörende Krankheiten nichts ausrichten. Aber hey, immerhin haben wir den Kampf gegen Reisemüdigkeit gewonnen. Triumph, Triumph!
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