Von Jens Lubbadeh und Christoph Seidler
Hurum, konfrontiert mit diesem Befund, gibt sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zahm: "Wir haben nie behauptet, dass Darwinius ein Anthropoide [die Gruppe der Affen, Menschenaffen und des Menschen] ist, wie die Autoren uns unterstellen." Und dann zitiert er aus seiner eigenen Veröffentlichung, in der tatsächlich wesentlich moderatere Töne angeschlagen wurden, als er sie selbst in der Öffentlichkeit verwendete: Darwinius, so schrieb bewusst im Konjunktiv, könnte zu einer Stammgruppe gehört haben, aus der später die Anthropoiden entstanden sind. "Aber wir unterstützen weder diese noch die Möglichkeit, dass Darwinius oder seine Artgenossen Anthropoiden waren."
Dennoch: In der langen Veröffentlichung analysieren Hurum und seine Kollegen Körpermerkmale von Ida - und finden zahlreiche Ähnlichkeiten zu den Anthropoiden.
Was ist Darwinius alias Ida denn nun?
Eins ist sicher: Ida ist kein Missing Link, also der letzte gemeinsame Vorfahr von Affen und Menschen. Der muss vor rund sieben Millionen Jahren gelebt haben, als sich die Entwicklungslinien trennten.
Der Streit geht darum, ob Darwinius ein ganz ganz früher Vorfahr des Menschen war oder nicht.
Drei Möglichkeiten gibt es:
Ob diese Frage jemals geklärt werden kann, ist unklar. Letztlich streiten Paläontologen immer um die Interpretation von Körpermerkmalen eines Fossils. Sind Idas Zähne eher denen von Affen oder denen von Lemuren ähnlich? Warum hat Darwinius keine Putzkralle an seiner zweiten Zehe, so wie sie alle Lemuren besitzen, um ihr Fell besser pflegen zu können? Wie steht es um sein Sprungbein? Trocken- oder feuchtnasenaffenartig?
War Ida einfach nur ein ausgestorbener Nebenarm in der Primatenevolution?
Erik Seiffert ist sich sicher: "Ida war einfach ein ausgestorbener Nebenarm in der Primatenevolution - und nicht bedeutsamer für die Entstehung höherer Primaten als Hunderte anderer Primaten, die ebenfalls ausgestorben sind und beschrieben wurden - manche von ihnen schon vor 200 Jahren", sagt der Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Insgesamt 360 Körpermerkmale hat Seiffert bei lebenden und ausgestorbenen Primaten analysiert - darunter alle möglichen Kandidaten, die als Vorfahren von Affen und Menschen in Frage kommen. Hurum und seinen Kollegen wurde nach der Darwinius-Veröffentlichung immer wieder vorgeworfen, ihre Thesen auf nur rund 30 bis 40 Merkmale zu stützen. Zu wenig, um wissenschaftliche Aussagen zu treffen - Standard seien 200 bis 400. Die Autoren begründeten dies seinerzeit mit Zeitdruck. Wighart von Koenigswald meint: "Paläontologen schlagen sich gern gegenseitig mit der statistischen Auswertung großer Zahlen von Merkmalen tot." Die Analyse Seifferts und seiner Kollegen überzeugt ihn dennoch nicht. "Sie machen nicht klar, welche Merkmale sie speziell zur Klassifikation ihres Fossils benutzt haben."
Außerdem: Die Körpermerkmale könne man bei Darwinius nun einmal besonders gut untersuchen, denn nur dieses Fossil sei fast vollständig. Ganz im Gegensatz zu Seiffert: Er hat nur die Zähne und den Kieferknochen des fossilen Artgenossen von Ida. "Es ist noch nicht einmal klar, ob es von einem einzigen Individuum stammt", sagt von Koenigswald. Deswegen lautet sein Fazit: "Mit der Arbeit ist eine andere Deutungsmöglichkeit hinzugekommen - aber die Sache ist noch relativ offen. Ob Darwinius ein ganz entfernter Vorgänger vom Menschen gewesen sein könnte, muss erst mit weiteren Funden analysiert werden."
Dennoch will er nicht von einem Missing Link sprechen. "Ich halte es für übertrieben, eine direkte Linie von Darwinius bis zu Lucy zu ziehen und dabei 40 Millionen Jahre zu überspringen. Deswegen sollte man den reißerischen Begriff 'Missing Link' unbedingt vermeiden, weil er eine direkte Beziehung vorgaukelt."
Also viel Lärm um… ganz schön wenig?
"Ich glaube nicht, dass wir zu dick aufgetragen haben", sagt Hurum. "Was auch immer Ida am Ende sein mag - sie ist eines der schönsten Fossilien der Welt. Und sie wird immer das Fossil sein, das in den Köpfen der Menschen den frühen Primaten verkörpert."
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