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Suche nach Menschen-Urahn: Neuer Fund entzaubert Fossil "Ida"

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Primatenfossil: Ida - Medienstar nach 47 Millionen Jahren Fotos
PloS

Mit großem Tamtam präsentierten Forscher das Primatenfossil "Ida" als möglichen gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Eine neue Untersuchung weckt nun Zweifel daran - das 47 Millionen Jahre alte Tier war wohl kein Ururahn des Homo sapiens, sondern gehörte zu einer bedeutungslosen Nebenlinie.

Es war ein gelungener PR-Coup - und für Paläontologen äußerst ungewöhnlich. Normalerweise graben die Forscher in langjähriger und geduldiger Arbeit Millionen Jahre alte Fossilien aus. Dann rekonstruieren und analysieren sie diese so gut wie möglich und versuchen, den Fund in einen großen Stammbaum einzuordnen. Zugegeben, um den genauen Ort auf der Landkarte der Evolution gibt es manchmal Streit - aber fast immer, ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt.

"Ida" war anders. 47 Millionen Jahre nach seinem Tod wurde das Fossil des kleinen lemurenähnlichen Primaten im Mai zum Medienstar. Es ging hier nicht um irgendein Insekt, ein Reptil oder einen Dinosaurier. Es ging hier womöglich um den "Missing Link", den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Affe. Angeblich.

Seine rasante Medienkarriere zu verdanken hatte Ida dem norwegischen Paläontologen Jørn Hurum. Der hatte das Fossil fast schon in Indiana-Jones-Manier besorgt. Der kleine Primat wurde zwar schon 1983 in der Grube Messel bei Darmstadt entdeckt, doch zunächst keiner sah in ihm das Potential zum Wissenschafts-Star. Ida wurde in zwei Hälften gespalten, die eine gelangte zunächst in ein Museum im US-Bundesstaat Wyoming, die andere, bessere Hälfte von Ida, hing fortan gerahmt in der Wohnung eines deutschen Sammlers.

Hurum überzeugte die Universität Oslo, dem Sammler seine Hälfte für viel Geld abzukaufen. Für wie viel ist nicht genau bekannt, Gerüchte beziffern die Summe auf bis zu eine Million Dollar. Hurums Coup sollte das Fossil wiedervereinen - die Wissenschaftlergemeinde aber tief spalten.

Das Fossil hieß mit wissenschaftlichem Namen Darwinius masillae. Aber das war zu sperrig. Also musste ein Künstlername her: Hurum nannte den fossilen Primaten Ida, nach seiner Tochter. So wurde Ida zum medialen Alter Ego von Darwinius und zu Hurums Baby.

Dann musste alles sehr schnell gehen: Statt in einem der renommierten Fachjournale veröffentlichten Hurum und sein Team ihre Analyse bei "PLoS One", einem relativ jungen, öffentlich zugänglichen Fachjournal im Internet. Was vielen Wissenschaftskollegen sauer aufstieß: Parallel zu der Veröffentlichung hatte Hurum auch eine Fernseh-Dokumentation gedreht, die Ida einer breiten Öffentlichkeit als möglichen Missing Link präsentierte (siehe Videos).

Nachbildung derzeit in Frankfurt zu sehen

Damit gab Hurum die Bewertung des Fossils schon vor, noch während es in der wissenschaftlichen Begutachtung lag - und Kollegen möglicherweise zu einer anderen Interpretation kommen könnten als er. Ein für Wissenschaftler äußerst unübliches Vorgehen, das ihm den Vorwurf einhandelte, der Wissenschaft insgesamt geschadet zu haben. Unterdessen ließ Hurum im Keller des Naturhistorischen Museums der Universität Oslo zahlreiche aufwendige Kunststoffkopien seines Medienstars anfertigen, für die sich Museen aus der ganzen Welt interessierten. Eine Replik ist derzeit zum Beispiel in der Ausstellung " Safari zum Urmenschen" im Frankfurter Senckenberg-Museum zu sehen. Im kommenden Februar will man am Main auch das echte Fossil ausstellen.

Wighart von Koenigswald, Paläontologe an der Universität Bonn, war Co-Autor der Darwinius-Veröffentlichung. Die Eile und das Vorgehen Hurums hatten seiner Darstellung zufolge einen ganz einfachen Grund: "Herr Hurum musste die nicht unerheblichen Geldmittel beschaffen. Dafür brauchte er einen Knalleffekt und das ist ihm gelungen."

Viele kritisieren die Medienshow Hurums als völlig überzogen. Ida sei mitnichten der Missing Link, womöglich sei sie überhaupt kein Verbindungsglied. Davon ist auch der Paläontologe Erik Seiffert von der Stony Brook University in New York State überzeugt. Im Fachmagazin "Nature" hat er nun eine Analyse eines zehn Millionen Jahre jüngeren engen Verwandten von Ida veröffentlicht. Sein Fazit: Die Gruppe, zu der Ida gehörte, war nicht das fehlende Bindeglied in unserer Ahnenreihe - und sie ist offenbar ausgestorben. Die beobachteten Ähnlichkeiten im Körperbau von Ida und ihren Artgenossen zu höheren Primaten seien einfach parallel in der Evolution entstanden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
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1. Glaubenssache
glücklicher südtiroler 21.10.2009
Zitat von sysopMit großem Tamtam präsentierten Forscher das Primatenfossil "Ida" als möglichen gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Eine neue Untersuchung weckt nun Zweifel daran - das 47 Millionen Jahre alte Tier war wohl kein Ururahn des Homo sapiens, sondern gehörte zu einer bedeutungslosen Nebenlinie. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,656523,00.html
Ein sehr schöner Artikel, letztendlich ist es eine Frage des Glaubens,ob diese Affenvorstufe zur Entwicklungslinie zum Menschen gehört.... Zeigt aber,daß Forscher um an die notwendigen Gelder zu gelangen,Schnellschüsse riskieren müssen.Diese werden dann von der Fachkonkurrenz genüsslich zerlegt. Der Kampf um Mittel und Arbeitsplätze wird dort eher noch härter geführt als im Rest der Wirtschaft. Ich kenne das in Südtirol an der "ötzi"-Forschung.Wieviele Theorien haben sich seit -91 in Luft augelöst.Aber jeder "getötete" Standpunkt trug wieder zu späteren,und besseren Ergebnissen bei.Ein Teil überlebt immer. Viele Grüße aus Südtirol.
2. Publish or perish
gsm900, 22.10.2009
Zitat von sysopMit großem Tamtam präsentierten Forscher das Primatenfossil "Ida" als möglichen gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Eine neue Untersuchung weckt nun Zweifel daran - das 47 Millionen Jahre alte Tier war wohl kein Ururahn des Homo sapiens, sondern gehörte zu einer bedeutungslosen Nebenlinie. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,656523,00.html
Da kommen solche Schnellschüsse vor. Und sein Ziel hat er doch erreicht, er wurde berühnt, wie Pons und Fleischmann: http://de.wikipedia.org/wiki/Kalte_Fusion auf dem gleichen Wege.
3. Datierungsprobleme...
e.schw 22.10.2009
Zitat von sysopMit großem Tamtam präsentierten Forscher das Primatenfossil "Ida" als möglichen gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Eine neue Untersuchung weckt nun Zweifel daran - das 47 Millionen Jahre alte Tier war wohl kein Ururahn des Homo sapiens, sondern gehörte zu einer bedeutungslosen Nebenlinie. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,656523,00.html
Zitat Spiegel Online: “Dennoch will er nicht von einem Missing Link sprechen. ‘Ich halte es für übertrieben, eine direkte Linie von Darwinius bis zu Lucy zu ziehen und dabei 40 Millionen Jahre zu überspringen. Deswegen sollte man den reißerischen Begriff 'Missing Link' unbedingt vermeiden, weil er eine direkte Beziehung vorgaukelt.’ Die Fokussierung auf die Frage, ob “Ida” Vorfahr des Menschen war, greift zu kurz. Man sollte die Messelgrube als Ganzes sehen, denn in der Messelgrube wurden Fossilien von rezenten Tieren gefunden, z.B. von Fledermäusen. Wenn die Datierung zutreffen würde, hätten sich die Tiere seit 47 Millionen Jahren kaum verändert. Das Institut, das die Datierung vornahm, sollte mal der Öffentlichkeit die “Wenn” und “Aber” benennen, von denen die Datierung abhängt. Der Augenschein selbst lässt auf eine rasche Befüllung der Grube schließen, und nicht etwa auf einen über eine Million Jahre dauernden Vorgang.
4. Dogmatiker?
Schnurz321 22.10.2009
Hmm, in dem letzten Thread haben mich doch fundamentalistische Christen darüber aufgeklärt, dass Wissenschaftler bzw. Evolutionsbiologen Dogmatiker seien, die alle Erkenntnisse in ihr Weltbild einfügten und keine Fehler einräumten?
5. .
frubi 22.10.2009
Zitat von sysopMit großem Tamtam präsentierten Forscher das Primatenfossil "Ida" als möglichen gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Eine neue Untersuchung weckt nun Zweifel daran - das 47 Millionen Jahre alte Tier war wohl kein Ururahn des Homo sapiens, sondern gehörte zu einer bedeutungslosen Nebenlinie. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,656523,00.html
Wieso enttäuschend? Ob direkter Urahn oder abgewracktes, nicht evolutionsfähiges Auslaufmodell. Ist für mich als Laie genau so faszinierend. Immerhin sehen wir damit einen unserer alten Rivalen gegen den wir uns durchgesetzt haben. Wenn wir aus dieser Zeit einen direkten Urahn finden sollten kann man doch eventuell Vergleiche anstellen und herrausfinden, weswegen wir uns durchgesetzt haben.
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