Suche nach Seltenen Erden: Staaten eifern um Schürfrechte am Meeresboden
Elektroautos, Solarzellen, Handys - ohne Seltene Erden ist die Hightech-Industrie auf verlorenem Posten. Doch die Vorkommen sind knapp, der Wettlauf um Schürfrechte für Tiefseelagerstätten ist deshalb voll entbrannt. Besonderes Objekt der Begierde: Manganknollen.
Der Meeresboden als "Bergwerk" der deutschen Hightech-Industrie? Für die Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover ist das kein Thema für Science-Fiction-Thriller - sondern eine reale Chance, um der rohstoffarmen Bundesrepublik wichtige Ressourcen zu sichern. In nicht allzu ferner Zukunft könnten Chip- und Stahlhersteller einen Teil ihrer Feinmetalle aus den Tiefen des Pazifiks beziehen.
Besonderes Objekt der Begierde: Manganknollen. Die Erforschung der dunklen Klumpen läuft mit Hochdruck, seit 2006 hält auch Deutschland eine Lizenz für zwei riesige Gebiete zwischen Mexiko und Hawaii. Erste Länder könnten jedoch schon bald von der Erkundung zur aktiven Nutzung übergehen, schätzt BGR-Fachmann Michael Wiedicke.
"Die Bundesrepublik wollte ursprünglich ab 2021 eine Schürflizenz bei der Internationalen Meeresbodenbehörde Isa beantragen. Wenn man möchte, kann man aber auch früher anfangen", sagt der Forscher, der selbst in der zuständigen Fachkommission der Uno-Behörde in Jamaika saß und nun Projektchef für die Manganknollen-Exploration bei der BGR ist. Zum Abschluss der Isa-Jahrestagung Ende dieser Woche habe er den Eindruck gewonnen, dass der Wettlauf um die besten zukünftigen Abbaugebiete an Schärfe zunehme, sagt Wiedicke. "Ich denke, dass in anderen Ländern bald weitreichende Entscheidungen anstehen."
15 Jahre Exklusivschürfrecht
15 Jahre lang sichern die Erkundungslizenzen den exklusiven Zugang zu Lagerstätten, die teils Hunderttausende Quadratkilometer umfassen. "Danach könnten auch andere den Abbau beantragen - und man riskiert, dass der Aufwand umsonst war", warnt der Wissenschaftler. Neue Großmächte wie China und Indien stünden in den Startlöchern: "Sie sammeln Daten wie die Weltmeister." Bei Konferenzen wunderten sich die Kollegen aus Asien über das Zögern des Westens.
Nicht nur wegen des Mangans, das in bis zu 6000 Metern Tiefe liegt und zur Stahlgewinnung genutzt wird, muss sich Deutschland sputen. Für Spezialstähle und Elektronikteile wichtige Elemente wie Kupfer, Nickel und Kobalt sowie Seltene Erden wie Molybdän finden sich ebenfalls in den spröden Gesteinen. "Die Elektromobilität wird mit einer höheren Kupfernachfrage verbunden sein", glaubt Wiedicke. Jüngste Versuche Japans, in Tiefseeschlämmen nach wertvollen Metallen zu schürfen, bestätigten den Trend.
Auch deutsche Experten haben Teile des Pazifikbodens großflächig auf die begehrten Knollen abgesucht - zunächst mit Sonaren, später mit Unterwasser-Videogeräten. Potentielle Investoren hätten noch kein konkretes Interesse an den Daten bekundet, berichtet Wiedicke. Das könnte sich in den kommenden Jahren ändern - ebenso wie beim möglichen Abbau von dickeren Mangankrusten, Gashydraten oder Sulfiden, in denen auch Edelmetalle wie Gold gebunden sein können.
Die Balance zwischen Ökonomie und Ökologie müsse auch unter Wasser gehalten werden, mahnt Antje Boetius vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung (AWI) in Bremerhaven. "Manganknollen sind oft in Jahrtausenden entstanden", betont die Expertin für Tiefseeökologie. "Ernte" man sie aus den Sedimentböden, würden riesige Mengen feinen Staubs aufgewirbelt. "Das würde den Lebensraum sehr stark verändern." Manche Schwämme seien zudem auf die harte Oberfläche der Knollen angewiesen und könnten nicht in rutschiges Terrain umsiedeln.
Ein Kompromiss muss her, soll das Schürfen am Meeresgrund die nötige Akzeptanz finden. Die Isa hat vorgesorgt: Staaten, die Manganflächen erkunden, müssen garantieren, dass sie Schutzgebiete nicht antasten; der Internationale Seegerichtshof in Hamburg setzte hohe Umweltstandards für den marinen Bergbau fest. Weitere Forschungen seien aber unerlässlich, sagt Boetius: "Die Grundlagen des Naturschutzes in der Tiefsee müssen erst erarbeitet werden."
Jan-Henrik Petermann, dpa
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