Bedrohte Geparden: Zwischen Schmugglern und Supermamas

Von National-Geographic-Autor Roff Smith

Er ist zäh, schlau und vor allem schnell. Doch seinem größten Feind kann der Gepard nicht davonlaufen: dem Menschen. Jungtiere bringen viel Geld ein, der Schmuggel boomt. So hängt das Überleben der Art in freier Wildbahn von wenigen, sehr erfolgreichen Weibchen ab.

Nicht weniger als elf Safaribusse sind hier im Serengeti-Nationalpark in Tansania auf engem Raum versammelt, unter Sonnenschutzplanen drängen sich die Touristen. Sie warten. Seit einer halben Stunde sitzt die Gepardenmutter "Etta" mit ihren vier Jungen im Schatten und beobachtet eine Herde von Thomson-Gazellen auf einer nahe gelegenen Anhöhe.

Menschen sind von Geparden fasziniert. Von allen Großkatzen sind Geparde am stärksten bedroht. Sie sind selten, und es werden immer weniger. Noch vor wenigen Jahrhunderten streiften Geparde durch die Savannen von Indien, an den Küsten des Roten Meeres und durch Afrika. Bis der Mensch immer mehr Raum beanspruchte. Heute ist der Asiatische Gepard - die Zierde der Königshöfe in Indien, Persien und Arabien - so gut wie ausgestorben. In freier Wildbahn leben heute nur noch knapp 10.000 Geparde.

In Saudi-Arabien und den Golfstaaten sind Geparde heute noch groß in Mode. Ein Jungtier kann mehr als 10.000 Dollar kosten. In Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten vollzieht sich der Umgang mit den Geparden in einer rechtlichen Grauzone. "Importiert werden sie heimlich", sagt Mordecai Ogada, ein Biologe aus Kenia, "aber wenn sie erst einmal da sind, läuft der Handel ganz offen ab. Dann ist es leicht zu behaupten, sie seien legal in Gefangenschaft gezüchtet worden. Die Herkunft der Jungtiere lässt sich kaum feststellen, es sei denn, man macht genetische Analysen und identifiziert sie als Mitglieder einer Unterart, die nur in einer bestimmen Region Afrikas oder Asiens heimisch ist."

Welche Verluste der Schmuggel für die weltweit schrumpfende Gepardenpopulation bedeutet, darüber gibt es nur Spekulationen. Im Internet muss man gar nicht lange suchen, um auf ein großes Angebot von jungen Geparden zu stoßen, die von "Züchtern" angeboten werden.

Nur fünf von hundert Neugeborenen überleben die ersten Jahre

"Befreite Tiere werden in freier Wildbahn nie mehr für Nachwuchs sorgen, denn sie können dort nicht überleben", erklärt Ogada. Selbst für Gepardenmütter ist es schwierig, ihre Jungen dort großzuziehen. Nur fünf von hundert Neugeborenen überleben die ersten Jahre. Viele fallen Löwen und Hyänen zum Opfer, sterben durch Hitze oder Kälte, und manchmal werden sie auch von ihren Müttern verlassen, wenn diese nicht genug Beute machen können, um alle Jungen zu versorgen.

Im Gegensatz dazu stehen einige wenige Weibchen, die mit erstaunlichem Erfolg Nachwuchs aufziehen. Manche versorgen zusätzlich die Jungen anderer Mütter. Diese "Supermamas" sind ausgezeichnete Jägerinnen und reißen fast jeden Tag ein Beutetier. Sie schaffen es sogar in der offenen afrikanischen Graslandschaft, ihre Kleinen vor der Nase von Löwen und Hyänen zu verbergen.

"Keine andere Raubkatzenart ist für ihr Überleben so stark vom Erfolg einiger weniger Weibchen abhängig", sagt Sarah Durant von der Londoner Zoological Society. Sie leitet das "Serengeti Cheetah Project". Über mittlerweile 38 Jahre haben Biologen das Leben und die mütterlichen Stammbäume mehrerer Generationen von Geparden aufgezeichnet. Erst durch Durants Forschungsarbeit wurde deutlich, wie wichtig die "Supermamas" für ihre Art sind.

Weit entfernt von der Serengeti schleicht an einem kalten, klaren Spätnachmittag ein Gepardenmännchen über einen schneebedeckten Bergrücken auf der Hochebene im Zentraliran. Es hält kurz inne, setzt an einer Tamariske seine Duftmarke und trollt sich dann wieder aus dem Blickfeld der ferngesteuerten Videokamera, die sein Vorüberkommen festgehalten hat.

"So eine Begegnung festzuhalten, ist ein Traum"

Es ist eine von 80 Kamerafallen in der abgelegenen Region Daschte Kawir. Hier hoffen Forscher eine der seltensten und am schwersten auffindbaren Großkatzen der Welt beobachten zu können: den Asiatischen Gepard.

"Diese Katzen sind unglaublich selten, und so eine Begegnung festzuhalten ist ein Traum", sagt der iranische Biologe Houwman Jowkar über den lediglich 27 Sekunden langen Film. Jowkar arbeitet für das Projekt "Conservation of the Asiatic Cheetah", das vom iranischen Umweltministerium vor elf Jahren eingerichtet wurde. Die Kamerafallen halfen den Wissenschaftlern herausfinden, wie viele Geparde es ungefähr dort oben noch gibt und wo sie leben - unverzichtbare Informationen, wenn man eine Strategie zu ihrem Schutz entwickeln will. Doch ob es gelingt, die Asiatischen Geparde zu retten, ist ungewiss.

Im Serengeti-Nationalpark ist es später Nachmittag. Seit einer Stunde pirscht sich "Etta" an eine große Gazelle heran. Sie sieht aus wie ein Sprinter im Startblock, der nur noch auf den Schuss wartet. Dann erhebt sich "Etta" ohne erkennbaren Grund und schlendert davon. Irgendetwas hat ihr nicht gefallen - möglicherweise war es nur ein Hauch von Hyänenduft im Wind.

Was es auch war: Für eine alleinerziehende Mutter von vier jungen Geparden war in diesem Moment eine fette Gazelle das Risiko nicht wert. Gemeinsam mit ihren Jungen trottet sie fort, hinein in den violetten Abenddunst der Serengeti.

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe November 2012, www.nationalgeographic.de

Infos zur "Big Cats initiative" von NATIONAL GEOGRAPHIC sowie ein Video über die schnellste Katze der Welt finden Sie unter nationalgeographic.de/geparde

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1. Die Menschen
lilith8 10.11.2012
Sind einfach furchtbar. Ich schäme mich ein Mensch zu sein :(
2. xxx
Sandrost 10.11.2012
Kann ich gut verstehen, mir geht es auch oft so, wenn ich bestimmte Artikel lese/Doku sehe, die zeigen, wie saudämlich und kurzfristig der Mensch denkt....
3. Vae
BoMoUAE 11.11.2012
Ich kann das bestaetigen. Geparden sind das Standardhaustier von reichen Emiratis. Leoparden und Loewen folgen. Sie werden als Kaetzchen gekauft und getoetet, wenn sie zu gross und umbequem werden. Die Kosten sind dabei nebensaechlich.
4. Kushki, nicht Koshki
IranianEcologist 11.11.2012
Und Houman, nicht Houwman. Ich bin am Projekt beteiligt gewesen, deshalb habe ich mir diesen Korrekturen erlaubt.
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Die Grafik zeigt, wie weit die Läufer kommen, wenn sie zehn Sekunden in ihren jeweiligen Höchstgeschwindigkeiten sprinten würden. Langsamere Phasen beim Start und zum Ende eines Sprints hin sind nicht mit eingerechnet. Für Usain Bolt wurde die Spitzengeschwindigkeit seines 100-Meter-Weltrekordsprints aus dem Jahr 2009 verwendet.

Quellen: Craig Sharp: Animal athletes in "Veterinary Record", 28. Juli 2012; Ross Tucker: Analysis of Bolt's 9,58 World Record in "The Science of Sport", 17. August 2009