Weniger Pestizide, kleinere Felder Umweltministerium legt Plan zum Insektenschutz vor

Umweltministerin Schulze will das Insektensterben bekämpfen. In einem Aktionsprogramm fordert sie mehr Forschung und eine umweltfreundlichere Landwirtschaft. Umsetzen kann sie allein aber nichts.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) in einem Wildbienen-Schaugarten in Berlin-Treptow
DPA

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) in einem Wildbienen-Schaugarten in Berlin-Treptow


Weniger Pflanzenschutzmittel, mehr Hecken und Wildpflanzen, kleinere Felder: Bundesumweltministerin Svenja Schulze will die deutsche Landwirtschaft insektenfreundlicher machen.

Das "Aktionsprogramm Insektenschutz", dessen Eckpunkte die SPD-Politikerin am Mittwoch vorlegte, soll Dünger und Pflanzenschutzmittel auf den Feldern reduzieren und die Lebensräume von Bienen und anderen Insekten erweitern.

"Wir erleben ein dramatisches Insektensterben, das die Natur insgesamt aus dem Gleichgewicht bringt", sagte Schulze. "Es geht nicht nur um die Honigbiene, gefährdet sind vor allem Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten."

Mehr Grünland, Hecken und Wildpflanzen

Das Aktionsprogramm soll dazu beitragen, den Einsatz von Pestiziden vor allem in ökologisch empfindlichen Gebieten zu verringern und "wo möglich zu verbieten". Wie es in dem siebenseitigen Papier weiter heißt, sollen "großflächige Strukturen in der Landbewirtschaftung aufgelöst und neue Lebensräume und Verbindungskorridore für Insekten in der Kulturlandschaft geschaffen werden".

Der Anteil von Grünland, Hecken und Wildpflanzen soll demnach zunehmen. Die Regeln für das Düngen will Schulze weiter verschärfen. Auch die sogenannte Lichtverschmutzung will sie angehen und Empfehlungen für "insektenfreundliche Beleuchtungslösungen" ausgeben. Helle Lichter in der Dunkelheit schaden nachtaktiven Insekten.

Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD mehr Insektenschutz angekündigt und sich auch vorgenommen, den Einsatz des Unkrautvernichters Glyphosat einzuschränken "mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden". Dort ist auch angekündigt, die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln transparenter zu machen.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand. Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Forschung ausweiten

Umweltministerin Schulze will für Land- und Forstwirte, aber auch für Kommunen neue Anreize für eine "an die Bedürfnisse von Insekten angepasste Bewirtschaftung" schaffen. Sowohl EU-Gelder als auch nationale Mittel sollen demnach mehr als bisher den Insektenschutz fördern, zudem regt sie Modellprojekte und Wettbewerbe an. Die Forschung über Insekten und ihre Verbreitung soll ausgeweitet werden, unter anderem ist ein bundesweit einheitliches Insektenmonitoring geplant.

Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings (DNR), Kai Niebert, lobte Schulzes Vorschlag als "ambitioniertes Maßnahmen-Paket", das das Zeug habe, "dem Insektensterben in Deutschland noch in dieser Legislaturperiode Einhalt zu gebieten". Die entscheidende Frage sei aber, ob Schulze auf die Unterstützung der Kabinettskollegen und insbesondere der Agrarministerin hoffen könne.

"Das Insektensterben ist real und dramatisch", sagte Niebert. "Die Bundesregierung sollte daher alles daran setzen, die Angelegenheit an die ganz große Glocke zu hängen, damit aus einem guten Entwurf auch ein großer Wurf wird."

Die Grünen reagierten zurückhaltender. "Schulzes Programm enthält viele richtige Feststellungen und Schlussfolgerungen, aber leider kaum konkrete, geschweige denn neuartige Maßnahmen", sagte Harald Ebner, der sich in der Partei um Agrarthemen kümmert. Unter anderem wünschen sich die Grünen ein Ausstiegsdatum für Glyphosat. Agrarpolitik sei "leider nicht die Baustelle von Svenja Schulze", sondern von Agrarministerin Julia Klöckner (CDU). Ohne grundlegenden Kurswechsel hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft blieben alle Aktionsprogramme Flickwerk.

Der Bauernverband (DBV) teilte mit, der Schutz von Bestäubern und anderen Insekten sei auch im Interesse der Landwirte und müsse als "gesellschaftliche Aufgabe" erkannt werden. Vizegeneralsekretär Udo Hemmerling merkte an, die geplanten Maßnahmen müssten "praxistauglich und wirtschaftlich tragfähig" sein. Der Verband begrüßte eine wissenschaftlich fundierte Ursachenanalyse des Insektenschwunds.

jme/dpa

insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ollis.post 03.05.2018
1.
Die Nachfolger warten schon: „Das «Umweltinstitut München» hat letzte Woche mit einem offenen Brief an das deutsche «Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, und nukleare Sicherheit» vor drei neuen Pestiziden mit den Wirkstoffen Cyantraniliprol, Sulfoxaflor und Flupyradifuron gewarnt, welche laut Plan der Pestizid-Industrie die drei bienenschädlichen Neonicotinoide Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam ersetzen sollen.“
Tim-Goe 03.05.2018
2. Immer auf die Landwirtschaft
Ich bezweifel die Effizienz der Maßnahmen. Weniger Pflanzenschutz? Bei noch mehr Verboten steigt das Resistenzrisiko für die verbleibenden Wirkstoffe noch weiter an. Ich bin besorgt, dass die Nahrungsmittelversorgung, wenn das so weitergeht, bald in schwierigen Jahren an ihre Grenzen kommt. Das Glyphosatverbot ist nur politisch motiviert - dann pflügen wir halt und killen zusätzlich zu den Unkräutern noch die Regenwürmer, Spinnen und Krabbelkäfer, die die Glyphosatanwendung überleben würden. Mehr Hecken und Wildpflanzen? Das unterstütze ich. Nur wie? Bitte nicht durch kleinere Felder! Ich will keine hessischen Zustände in ganz Deutschland. Das verringert auch die Effizienz in Bezug auf den Spritverbrauch, wenn man auf solchen Handtüchern wirtschaften will. Mein Vorschlag: -kleine (z.B. ca. 0,1ha) ineffeziente Felder mit Prämie dauerhaft stilllegen (besonders an Biotopen und Saumstrukturen), -große Felder nicht zerschneiden, sondern nach Größe gestaffelt einen entsprechenden Randstreifen (Grünbrache, Blühstreifen, o.ä.) belassen. - Ansonsten die Bodenversiegelung einschränken (je nach Quelle 30-60ha pro Tag), denn auf einem versiegelten Boden wächst gar nichts mehr.
Europa! 03.05.2018
3. Der richtige Ansatz
Eine Verkleinerung und bessere Gliederung der Anbauflächen ist der richtige Ansatz, um die Schönheit unserer Landschaft mit ihren Pflanzen und Tieren zu retten. Man kann nur hoffen, dass sich das Umweltministerium in diesem Punkt durchsetzen kann. Chemische Gifte, industrielle Landwirtschaft, riesige Raps- und Maissteppen dürfen nicht das letzte Wort sein. Auch die Landwirtschaftsministerin muss das begreifen. Es geht genau um den Heimatschutz, den sich gerade die Konservativen innerhalb und außerhalb der Union zu Recht wünschen.
permissiveactionlink 03.05.2018
4. Der Bauernverband
hat noch nie zum Wohle gesellschaftlichen Nutzens gearbeitet. Es geht ihm nur noch um das weitere ungehinderte Fließen von Subventionen an die ganz großen Betriebe, an eine reibungslose Zusammenarbeit mit der Nahrungsmittel- und Agrarchemieindustrie. Landwirte mit kleineren Bewirtschaftungsflächen oder vergleichsweise wenigen Nutz-/Masttieren werden von diesem Verband gar nicht mehr ernsthaft vertreten. Ökologie und Artenvielfalt sind beim Reibachscheffeln eher lästig und dienen wenn überhaupt nur einer besseren Vermarktung nicht ökologisch produzierter Produkte auf Verpackungen, die die heile Welt suggerieren. Solange die EU die Subventionen mit der Gießkanne verteilt (die Großen der Branche bekommen das meiste aus dem Topf, ihr ökologisches Engagement und die Einhaltung von Regeln spielt dabei keine Rolle !) wird sich an den verheerenden Produktionsbedingungen für unsere Mitgeschöpfe in der Tiermast und der "Natur" nichts Wesentliches ändern, nichts an der Stickstoff-, und damit Trinkwasser-Problematik durch das Ertränken der Äcker mit Fäkalien, nichts an der immer weiter Fortschreitenden Konzentration der Großbetriebe und dem Sterben der Kleinen, nichts an der chemischen Verseuchung der Umwelt, die wahllos alles tötet, was Geschäftsinteressen im Wege ist, nichts an der hemmungslosen Ausbeutung der Milchbauern durch Supermarktketten und Molkereien oder unter erbärmlichen Zuständen arbeitenden und vegitierenden osteuropäischen Arbeitern in den Schlachthäusern. Wir sind der Souverän. Wir müssen Schluss machen mit diesem Wahnsinn. Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen !
regelaltersrentner 03.05.2018
5.
Zitat von Europa!Eine Verkleinerung und bessere Gliederung der Anbauflächen ist der richtige Ansatz, um die Schönheit unserer Landschaft mit ihren Pflanzen und Tieren zu retten. Man kann nur hoffen, dass sich das Umweltministerium in diesem Punkt durchsetzen kann. Chemische Gifte, industrielle Landwirtschaft, riesige Raps- und Maissteppen dürfen nicht das letzte Wort sein. Auch die Landwirtschaftsministerin muss das begreifen. Es geht genau um den Heimatschutz, den sich gerade die Konservativen innerhalb und außerhalb der Union zu Recht wünschen.
Sie schreiben von "unserer" Landschaft, vergessen jedoch, wer die Mehrkosten bezahlt. Die Landwirte, welche die kleinen Parzellen bewirtschaften sind gerade dabei die Hoftore für immer zu schließen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.