Svenja Schulze Umweltministerin will Einsatz aller Pestizide einschränken

Am Freitag fällt in Brüssel die Entscheidung über ein mögliches Verbot dreier Pflanzenschutzmittel. SPD-Umweltministerin Schulze möchte die Zulassung von Pestiziden künftig generell strenger regeln.

Svenja Schulze (SPD)
DAVID HECKER/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Svenja Schulze (SPD)


Im Kampf gegen das Insektensterben will sich Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in Brüssel für die Reduzierung aller Pestizide einsetzen. "Wir brauchen einen grundsätzlich restriktiveren Einsatz bei allen Pflanzenschutzmitteln, insbesondere in Schutzgebieten nach dem Naturschutzgesetz und in Wasserschutzgebieten", sagte die SPD-Politikerin der "Rheinischen Post".

"Ich werde mich auch dafür einsetzen, dass Pflanzenschutzmittel nur noch zugelassen werden dürfen, wenn ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in ausreichendem Maß ausgeglichen werden", sagte Schulze.

Am Freitag entscheidet ein EU-Ausschuss über sogenannte Neonikotinoide, die Schädlinge bekämpfen sollen, aber auch Bienen töten können. Die europäische Lebensmittelbehörde Efsa hatte kürzlich drei Neonikotinoide als Gefahr für Wild- und Honigbienen bewertet.

Glyphosat-Aus binnen vier Jahren?

Schulze bekräftigte zudem, dass in dieser Legislaturperiode der Glyphosat-Ausstieg erfolgen müsse. Der Unkrautvernichter war 2017 in der EU nach monatelangem Streit für weitere fünf Jahre zugelassen worden. Auch der damalige deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) stimmte für die Verlängerung und handelte sich dafür Ärger mit der ehemaligen Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) ein, die gegen eine Verlängerung war. Von Umweltverbänden und Bürgerinitiativen hatte es vorher gegen das Mittel vor allem in Deutschland massive Proteste gegeben.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick
Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Agrarministerin Julia Klöckner hatte kürzlich angekündigt, Glyphosat für Privatleute weitgehend verbieten zu wollen und für Bauern strengere Vorschriften zu erlassen. Der Entwurf einer Verordnung werde nun in der Bundesregierung abgestimmt, sagte die CDU-Politikerin. In Kraft treten könnte das Ganze ihrem Ministerium zufolge ab Frühjahr 2019.

hda/dpa

insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
gersois 25.04.2018
1. Glyphosat
ist nicht das einzige Pestizid, das sich negativ auf die Umwelt auswirkt. Die Diskussion darüber lenkt stark von den anderen Mitteln (Fungizide, Insektizide) ab. Die Gesamtheit muss betrachtet werden. Außerdem ist es unlogisch, Privatleuten den Einsatz von Glyphosat zu verbieten, aber Lebensmittelproduzenten den Einsatz in großen Mengen weiter zu erlauben.
vox veritas 25.04.2018
2.
Bei aller berechtigten Liebe zur Umwelt, aber man sollte auch nicht glauben, daß die Landwirte Pestizde und Herbizide nicht ausbringen, weil es ihnen Spaß macht, Insekten und Unkrauten zu killen. Es geht darum Ernteausfälle zu reduzieren, damit der Otto-Normalverbraucher überhaupt Essen auf dem Tisch hat. Was wäre hierzulande wohl los, wenn wir 60-70% Ernteausfälle hätten?
temp1 25.04.2018
3. Der damalige deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU)
Der Alleingang der Zustimmung des damaligen deutschen Landwirtschaftsministers Christian Schmidt (CSU) wird in dem Artikel zu abgeschwächt dargestellt. Er stimmte entgegen der Entscheidung der Regierung, gegen die Anweisung der Kanzlerin nicht nur gegen den Wunsch der Umweltministerin für eine Verlängerung von Glyphosat. Es war eine unglaubliche Eigenmächtigkeit. Es ist ungeklärt. welchen Vorteil er sich dadurch verschaffen wollte oder verschafft hat. Wurde einem Verdacht einer Bestechung nachgegangen? Was tut er eigentlich seit März 2018? Er sitzt immer noch im Bundestag ... OK, hat er vielleicht auch einen lukrativen Beraterposten bei Monsanto bekommen ?
mirage122 25.04.2018
4. Kann man nur die Daumen drücken!
Darüber hat sich doch schon Barbara Hendricks mit dem damaligen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt gestritten, der Glyphosat für "völlig ungefährlich" hielt. Und warum soll es zu erheblichen Ernteausfällen kommen, nur weil nicht massiv Gift gestreut wird. Ich denke, wir werden deswegen bestimmt nicht verhungern. Und was sagt denn die zuständige Ministerin Frau Julia Klöckner dazu? Kann sich doch zu dem Thema auch mal mit einem Statement profilieren. Wäre interessant!
germaphobe 25.04.2018
5. Nein, ist es nicht
Zitat von gersoisist nicht das einzige Pestizid, das sich negativ auf die Umwelt auswirkt. Die Diskussion darüber lenkt stark von den anderen Mitteln (Fungizide, Insektizide) ab. Die Gesamtheit muss betrachtet werden. Außerdem ist es unlogisch, Privatleuten den Einsatz von Glyphosat zu verbieten, aber Lebensmittelproduzenten den Einsatz in großen Mengen weiter zu erlauben.
Lebensmittelproduzenten sind ausgebildete Fachleute, die genau wissen, womit sie da gerade umgehen. Privatleute haben keinen blassen Schimmer, was sie da eigentlich gerade spritzen und was für Probleme entstehen, wenn man zu viel davon unachtsam benutzt. Privatleuten ist ein solches Gift nicht anzuvertrauen.
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