Synthetische Biologie Craig Venter schafft künstliches Bakterium

Am Computer entworfen, im Labor zum Leben erweckt: Das Team des umstrittenen Gentechnik-Pioniers Craig Venter hat ein künstlich erzeugtes Genom in ein Bakterium eingepflanzt. Das Ergebnis ist die erste synthetische Zelle.

dpa

Molekularbiologen, Chemiker, Biotechnologen, Informationswissenschaftler, Computerspezialisten und Ingenieure verfolgen eine gemeinsame Vision: Maßgeschneiderte Mikroorganismen mit neuen, nützlichen Eigenschaften zu schaffen. Bakterien etwa, die Biokraftstoffe produzieren, Plastikmüll verwerten oder medizinische Wirkstoffe liefern.

Craig Venter, der sich mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms einen Namen machte, arbeitet an seinem Institut in Rockville an der Entwicklung künstlicher Bakterien. Er hatte bereits berichtet, das Genom des Bakteriums Mycoplasma genitalium im Labor nachgebaut zu haben. Außerdem war es seinem Team gelungen, das Erbgut einer Mikrobenart in die Zellen einer anderen zu übertragen. Im Mai haben die Forscher dann beide Techniken kombiniert - und erstmals eine synthetische Zelle erzeugt.

Um eine echte synthetische Lebensform handelt es sich bei "M. mycoides JCVIsyn1.0" noch nicht. Die Wissenschaftler benötigten zum einen das Erbgut einer bereits bekannten Mikrobe als Basis für das künstliche Genom und zum anderen die Hülle eines anderen Bakteriums, um ihrem Kunstgenom einen Körper zu geben. Dennoch markiert die Arbeit einen wichtigen Zwischenschritt im Bereich der synthetischen Biologie.

Als Blaupause diente den Forschern das Genom des Bakteriums Mycoplasma mycoides, welches aus rund einer Million Basenpaaren besteht, den Grundbausteinen der DNA. In diese bekannte DNA-Sequenz fügten sie am Computer Wasserzeichen ein - künstliche Abschnitte, um es später vom Original zu unterscheiden. Zusammengebaut wurde das so konstruierte Genom erst chemisch und abschließend in Hefezellen. Das fertige Erbgut platzierten die Forscher in ein anderes, verwandtes Bakterium, wo es die vorhandene Erbsubstanz verdrängte.

Die synthetische Zelle wirft ethische Fragen auf - ebenso wie die Forschung zur Entwicklung vollkommen künstlicher Organismen. Venter begegnet der Kritik, indem er eigenen Angaben zufolge die Arbeit regelmäßig ethisch begutachten lässt.

Die Entwicklung der synthetischen Zelle sei "ein wichtiger Schritt, sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch", sagte Venter. "Es hat sicherlich meine Sicht über die Definition des Lebens geändert und darüber, wie Leben funktioniert."

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wbr



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