Kunstschätze in Syrien Wie der Krieg das Erbe der Menschheit zerstört

Unter dem Krieg in Syrien leiden nicht nur Hunderttausende Menschen - die Kämpfe zerstören auch historische Bauten. Vorher-nachher-Fotos zeigen die Schäden an den Unesco-Welterbestätten.

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Eigentlich sind es ja nur Steine. Angesichts von mehr als 200.000 Toten und Millionen Flüchtlingen wirken die Schäden an den Unesco-Welterbestätten wie vernachlässigbare Begleiterscheinungen des Bürgerkriegs in Syrien. Doch die Kämpfe bedrohen einzigartige Baudenkmäler, die untergegangene Kulturen überlebt haben.

Nach drei Jahren Krieg sind fünf von sieben Unesco-Welterbestätten in Syrien beschädigt. Nur die Altstadt von Damaskus ist bislang von den Gefechten verschont geblieben. Das zeigt eine wissenschaftliche Untersuchung der American Association for the Advancement of Science (AAAS). Die Forscher haben aktuelle Satellitenfotos mit Aufnahmen aus der Vorkriegszeit verglichen, um sich ein Bild von den Zerstörungen zu machen.

Am schwersten hat es die Altstadt von Aleppo getroffen. Die Ursprünge der Zitadelle reichen bis in das 10. Jahrhundert zurück. Hethiter, Römer und Seldschuken haben hier ihre Spuren hinterlassen. Aleppo ist eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt.

Seit mehr als zwei Jahren sind die historischen Viertel zwischen Rebellen und Regierungstruppen umkämpft. Zu den Gebäuden, die hier zerstört wurden, gehören die Große Moschee, der alte Stadtmarkt (Suk al-Medina) und mehrere Karawansereien.

Weniger drastisch sind die Zerstörungen in der antiken Stadt Bosra im Süden Syriens. Dagegen sind große Teile der Ruinenstadt Palmyra in der Syrischen Wüste inzwischen schwer beschädigt. Die Armee hat zwischen den 2000 Jahre alten Säulen und Kolonnaden Straßen angelegt und Barrikaden errichtet. Auch die antiken Kreuzfahrerburgen im Nordwesten des Landes werden nach Jahrhunderten wieder militärisch genutzt - zu ihrem großen Schaden.

Syrische Forscher und Journalisten haben sich inzwischen zur "Association for the Protection of Syrian Archaeology" (Apsa) zusammengeschlossen, um die Schäden zu dokumentieren und weitere zu verhindern. Ihre Arbeit in dem Bürgerkriegsland ist jedoch zum Teil lebensgefährlich.

Einen genaueren Überblick über die Zerstörungen bieten die folgenden Satellitenaufnahmen. Bewegen Sie bitte die Regler auf den Fotos von links nach rechts oder umgekehrt:

Große Moschee und Stadtmarkt (Suk al-Medina) in Aleppo:

Zwischen dem 6. Dezember 2011 und 14. Juli 2014 wurde das Dach des alten Markts schwer beschädigt (grüner Pfeil). Das Minarett der Großen Moschee aus dem Jahr 1090 steht nicht mehr (roter Pfeil). An der östlichen Mauer der Moschee sind zwei Krater zu erkennen (blaue Pfeile). In der Umgebung wurden mehrere Gebäude schwer beschädigt (gelbe Pfeile).

Das Viertel südlich der Zitadelle von Aleppo:

Zwischen dem 6. Dezember 2011 und dem 14. Juli 2014 ist das Justizministerium schwer beschädigt worden (roter Pfeil), ebenso die Churuwija-Moschee aus dem 16. Jahrhundert (grüner Pfeil). Das Carlton Citadel Hotel (blauer Pfeil) ist ebenso komplett zerstört worden wie mehrere umliegende Gebäude (gelbe Pfeile). In dem Hotel hatten Regierungstruppen Stellung bezogen, die Rebellen sprengten es mit einer Bombe in die Luft, die sie durch einen Tunnel hineingeschmuggelt hatten.

Die Karawanserei Khan Qurt Bey von Aleppo:

Zwischen dem 6. Dezember 2011 und dem 14. Juli 2014 wurde die östliche Mauer der Karawanserei zerstört (blauer Pfeil). Mehrere umliegende Gebäude wurden ebenfalls schwer beschädigt.

Das antike Theater von Bosra:

In Bosra, einer Stadt in Südsyrien nahe der jordanischen Grenze, finden sich archäologische Stätten aus römischer, byzantinischer und frühislamischer Zeit. Bekanntestes Bauwerk ist das römische Theater aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Zwischen dem 23. Februar 2011 und 29. April 2014 sind am östlichen Eingang des Theaters Barrikaden aus Erde errichtet worden. Westlich des Theaters wurde ein Hügel teilweise abgetragen.

Die Altstadt von Bosra:

Der Vergleich von Satellitenbildern aus dem Oktober 2009 und April 2014 zeigt mehrere Krater und Einschläge in der Altstadt von Bosra. Im Dach der Omari-Moschee klafft ein Loch.

Krak des Chevaliers:

Die Kreuzritterburg Krak des Chevaliers wurde 2006 gemeinsam mit der Saladinsburg ins Unesco-Welterbe aufgenommen. Die Ursprünge des Krak des Chevaliers reichen ins 11. Jahrhundert zurück. Die Burg war zwischen Muslimen und Christen heftig umkämpft, die verschiedenen Herren der Anlage hinterließen architektonische Spuren. Im Mai 2012 bezogen Kämpfer der oppositionellen Freien Syrischen Armee in der Burg Position, mehrfach griff Assads Luftwaffe das Gelände an. Im März 2014 eroberten die Regierungstruppen die Festung zurück. Satellitenbilder aus dem Jahr 2013 zeigen mehrere Krater auf der Anlage, im Südturm klafft ein Loch.

Einst gehörten die Welterbestätten zu den beliebtesten Reisezielen in Syrien. Urlauber kommen schon lange nicht mehr ins Land, die historischen Stätten gibt es vielleicht bald auch nicht mehr.

Welterbestätten in Syrien

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
Fred Widmer 01.10.2014
1. Ja, und das haben WIR gemacht.
Europa würde auch heute noch prima mit Saddam Hussein, Assad und Gadaffi auskommen. Das Öl wäre billig, Syrien ein Urlaubsland, Irak hätte eine blühende Wirtschaft und wäre ein Großabnehmer für die deutsche Industrie, Libyen das reichste und sicherste Land Afrikas, welches keinen einzigen afrikanischen Flüchtling nach Europa durchläßt. Aber es gibt genau ein Land im nahen Osten, welches genau das durch die Hilfe eines anderen großen Landes auf einem anderen Erdteil verhindert hat. War's das wert? Ich meine: für uns?
gruenertee 01.10.2014
2.
Dass Kriege nicht halt vor Kulturstätten machen, dürfte doch klar sein. Zumal ich die Bevölkerung als "Erbe der Menschheit" bezeichnen würde und nicht alte Burgen und Gebäude.
chucho 01.10.2014
3. Keine Erscheinung der Neuzeit
Tja, so ist das eben in Kriegen. Dabei ist die Zerstörung historischer Bauten keineswegs eine Erscheinung der Neuzeit. Bereits in der Antike und vor allem im Mittelaler wurden historische Bauten beschädigt oder zerstört. Man muss nur an Sparta denken, dass von den Römern dem Erdboden gleichgemacht wurde oder die Akropolis in Athen die 1687 durch die Venezianer zerstört wurde. Traurig, aber leider auch menschlich. Insoweit st der Verlust der vielen Menschenleben weitaus schlimmer.
tandorai55 01.10.2014
4. Ein Desaster - und wer hat's erfunden?
Fred Widmer hat es im ersten Post ja schon gesagt - ohne unsere unsäglich dämliche Außenpolitik und das närrische Hinterherlaufen hinter US-Interessen wäre dieses Desaster für Mensch und Architektur gar nicht entstanden. Aber wir mußten ja einen "Frühling" ausrufen, wo nur noch Winter herrscht, Mussten die bösen "Diktatoren" vertreiben und sehen uns jetzt dem Tsunami an Flüchtlingen ausgesetzt, dessen wir schon bald nicht mehr Herr werden können. Das war absehbar, das war logisch, das war jedem Interessierten Amateur-Geostrategen klar. Scholl-Latour hat die Konsequenzen deutlich beschrieben, aber ihn hat man ja eine närrische Kassandra gescholten. Jetzt sollten wir wenigstens einsehen, dass Assad das letzte Bollwerk gegen einen flächendeckenden IS ist. Ihn auch noch zu stürzen setzt der Narretei die Krone auf. Aber ehrlich - glaubt hier noch wer an die Vernunft des Westens?
capote 01.10.2014
5. Stichwort
Der Monte Cassino in Süditalien. Ob das Grab von Johannes dem Täufer in Damaskus wohl heil bleiben wird oder auch wie das von Jonas von der ISIS gesprengt werden wird?
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