Tarnen und Täuschen Junge Fische entwickeln auf Kommando falsche Augen

Fische haben zahlreiche Tricks, um Angreifer in die Irre zu führen. Was aber die Ambon-Demoiselle vermag, verblüfft selbst Experten: Der kleine Fisch kann sich in kurzer Zeit falsche Augen zulegen, um nicht gefressen zu werden.

Ambon-Demoiselle: Falsches Auge führt Räuber in die Irre
Oona Lönnstedt

Ambon-Demoiselle: Falsches Auge führt Räuber in die Irre


Man muss sich das Erstaunen des Raubfisches vorstellen: Da sieht man diesen leckeren gelben Fisch, will gerade zuschnappen, und plötzlich schießt die Beute davon wie die Kugel aus dem Rohr - und zwar im Rückwärtsgang.

Sollten die Beutegreifer der Meere so etwas wie Verblüffung fühlen, wäre der Trick der Ambon-Demoiselle vermutlich ein ziemlich sicherer Auslöser. Der kleine Riffbewohner kann sich falsche Augen auf der Rückenflosse zulegen, um Räuber zu täuschen. Das an sich wäre noch nicht weiter überraschend: Diverse Fischarten tragen zu diesem Zweck dunkle Flecken mit hellen Ringen auf ihrem Körper. Neu ist allerdings, dass junge Ambon-Demoiselle-Fische das verwirrende zweite Augenpaar wie auf Kommando entwickeln können - je nachdem, ob es gerade eine Bedrohung gibt oder nicht.

Oona Lönnstedt und Mark McCormick von der australischen James Cook University und Douglas Chivers von der kanadischen University of Saskatchewan haben mehrere Ambon-Demoiselle-Jungtiere in Aquarien platziert. Dann folgten die Räuber: Die Forscher ließen Braune Zwergbarsche, allerdings in Plastiktüten, zu einer Gruppe von Demoiselle-Fischen ins Aquarium oder sie gaben deren Geruch ins Wasser. Zwei Kontrollgruppen bekamen dagegen keine anderen Fische oder aber harmlose Grundeln zu sehen, die den Barschen lediglich ähneln.

Sechs Wochen lang ging das so - doch der Effekt war trotz der kurzen Zeit beeindruckend, wie die Forscher im Fachblatt "Scientific Reports" schreiben. Die jungen Demoiselle-Fische, die es mit echten Barschen zu tun bekommen hatten, besaßen anschließend große falsche Augen auf den Rückenflossen. Ihre echten Sehorgane waren dagegen außerordentlich klein. Auch ihr Verhalten änderte sich: Die Demoiselle-Fische, die einer echten Bedrohung ausgesetzt waren, agierten später vorsichtiger als die Mitglieder der beiden Kontrollgruppen.

Das zahlte sich aus, als die Forscher die kleinen Fische in die Natur entließen: Die großen falschen Augen täuschten Raubfische offensichtlich wirksam darüber, wo vorne und wo hinten ist - und damit auch, in welche Richtung der vermeintliche Leckerbissen flüchten könnte. Die an Gefahr gewöhnten Demoiselle-Fische überlebten überdurchschnittlich oft. Ihren Artgenossen, die im Aquarium keinen Räuber zum Nachbarn hatten, erging es dagegen weniger gut: Ihre Sterberate war nach Angaben der Wissenschaftler fünfmal höher.

mbe

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