Massengrab aus der Jurazeit: Schlammlawine riss Hunderte Schildkröten mit sich

Von Thomas Wagner-Nagy

In China haben Forscher einen gigantischen Schildkröten-Friedhof entdeckt. Etwa 1800 versteinerte Tiere liegen dicht an dicht. Wahrscheinlich starben sie, als heftige Regenfälle nach der Trockenzeit eine Schlammlawine auslösten. Für die Wissenschaftler ist das Massengrab ein Glücksfall.

Paläontologie: Riesiger Schildkrötenfriedhof in China Fotos
Oliver Wings

Tausende von Schildkröten haben sich um eine der wenigen verbliebenen Wasserstellen versammelt, um die Dürreperiode zu überleben. Viele Tiere verenden, während ihre Artgenossen auf die Rückkehr des Regens warten. Schließlich kommt das Wasser so heftig zurück, dass es einen Schlammstrom verursacht, der die Schildkröten mitreißt und unter sich begräbt. So hat sich wohl die Katastrophe vor 160 Millionen Jahren im heutigen China abgespielt. Davon zeugt ein gigantischer Friedhof mit Schildkrötenfossilien.

Die Paläontologen um Oliver Wings vom Berliner Naturkundemuseum staunten nicht schlecht, als sie an der vor wenigen Jahren entdeckten Fundstelle Mesa Chelonia in der Provinz Xinjiang das urzeitliche Massengrab fanden. Schon seit 2007 hatten die Wissenschaftler in der Wüstenregion gegraben und Fossilien von Haien, Krokodilen, Säugetieren und Dinosauriern entdeckt.

Der Schildkrötenfriedhof sticht aus der Reihe hevor. "Normalerweise reißen Schlammlawinen viele verschiedene Tierarten mit", erklärt Wings. "An der Fundstelle sind jedoch nur Schildkröten, das ist weltweit einzigartig." Etwa hundert Fossilien haben die Wissenschaftler seither freigelegt. Die Präparationsarbeiten sind noch in Gang.

Wings und seine Kollegen schätzen, dass sich in dem Massengrab etwa 1800 Schildkröten der Gattung Annemys türmen. Warum dort keine Überreste von anderen Tieren zu finden sind, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Wings hält es für wahrscheinlich, dass andere Bewohner der urzeitlichen Region mobiler waren und bei anhaltender Trockenheit weitergezogen sind. "Man kennt das heute von Krokodilen, die sich dann auf die Suche nach der nächsten Wasserstelle machen," sagt Wings. Die Schildkröten hätten sich hingegen zu Tausenden an ein Wasserloch zurückgezogen und auf den erlösenden Regen gewartet - ein Verhalten, wie man es auch von heutigen Schildkröten beispielsweise in Australien kennt.

Urzeit-Oase mit Tücken

Heute eine der trockensten Regionen der Erde, war die Fundstelle in der Jurazeit eine von Flüssen und Seen durchzogene Landschaft. Die Funde der Paläontologen deuten allerdings darauf hin, dass auch diese lebensfreundliche Umgebung klimatischen Schwankungen wie Dürreperioden unterlag, wie die Paläontologen im Fachmagazin "Naturwissenschaften" berichten. Eine solche Trockenzeit ließ wohl auch die weltweit bisher einmalige Ansammlung von Schildkrötenresten entstehen.

Die Panzer der Reptilien haben eine Länge zwischen 15 und 30 Zentimetern und unterscheiden sich von heute lebenden Arten hauptsächlich durch die Anordnung der Panzerplatten. "Doch auch die Fossilien selbst sehen zum Teil sehr unterschiedlich aus", berichtet Wings, "Wir sind gerade dabei zu klären, ob es sich tatsächlich um ein und dieselbe Art handelt."

Die Vielzahl an Tieren sowie deren zeitgleicher Tod ermöglichen den Experten mehr über die asiatischen Schildkröten aus dem Erdmittelalter herauszufinden, etwa zu ihrem Wachstum und Unterschieden innerhalb einer Art.

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