Tauwetter: Meereis der Arktis schmilzt auf Rekordminimum
Neue Hiobsbotschaft aus dem hohen Norden: Das Meereis der Arktis ist in diesem Sommer auf die kleinste Fläche zusammengeschmolzen, die jemals gemessen wurde. Forscher sehen darin einen Beweis für den Einfluss des Menschen auf das Weltklima.
Bremen - Wissenschaftler hatten es bereits erwartet - jetzt ist es offenbar wirklich eingetreten: Das arktische Meereis hat in diesem Sommer ein neues Minimum erreicht. Wie die Universität Bremen an diesem Freitag mitteilte, wurde die Negativmarke am Donnerstag mit einer Fläche von 4,24 Millionen Quadratkilometern erreicht. Damit sei die bisher geringste Eisausdehnung im Nordpolarmeer, die 2007 gemessen wurde, unterboten.
"Der Rückgang des sommerlichen Eises beträgt seit 1972 bereits 50 Prozent", sagte Georg Heygster vom Institut für Umweltphysik der Universität Bremen. "Für Kleinlebewesen, die an der Unterseite des Eises leben und Ausgangspunkt der Nahrungskette auch für uns Menschen sind, bleibt immer weniger Lebensraum." Die Ursache für den Rückgang des Eises sei vor allem der vom Menschen verursachte Klimawandel.
Die eisbedeckte Meeresfläche im hohen Norden schwankt mit den Jahreszeiten stark: Im März sind es etwa 15 Millionen Quadratkilometer, im September nur fünf Millionen. 2007 berechneten Forscher eine Fläche von 4,267 Millionen Quadratkilometern, was der niedrigste Wert seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1972 war - mindestens. Die Bremer Forscher vermuten, dass es sogar der geringste Wert seit dem letzten Klima-Optimum vor rund 8000 Jahren war.
Erst vor wenigen Tagen hatten US-Forscher eine Modellrechnung vorgestellt, laut der das Meereis-Volumen in der Arktis 2010 auf einen Tiefstand gefallen sein könnte. Im Vergleich zur Messung der Eisfläche ist die Abschätzung des Volumens schwieriger, da dafür auch die Dicke der Eisschicht bestimmt werden muss. Für die Erfassung beider Werte nutzen Wissenschaftler Satellitendaten.
Zwei legendäre polare Schifffahrtsrouten gleichzeitig offen
Wie die Bremer Forscher betonten auch die Wissenschaftler von der University of Washington in Seattle, dass nicht der Volumen-Minusrekord das eigentlich Besorgniserregende sei, sondern das seit Jahrzehnten zu beobachtende Tauwetter in der Arktis. Es hat inzwischen ein Wettrennen um die Ressourcen in der Arktis ausgelöst, in der große Vorräte an Erdöl und Erdgas vermutet werden. Erst Ende August stellte sich heraus, dass derzeit zwei legendäre polare Schifffahrtsrouten gleichzeitig offen sind: der Nördliche Seeweg vor Russlands Küste und die Nordwestpassage im kanadischen Inselarchipel. Zuletzt war das 2008 der Fall.
Nach Angaben der Bremer Wissenschaftler war bereits in diesem Sommer abzusehen, dass die Meereisbedeckung auf einen Minusrekord zusteuert, da sie bereits zu jenem Zeitpunkt gering war. Da die Sonne im Juli hoch am Himmel steht und die Tage lang sind, ist eine schwache Bedeckung des Wassers mit Meereis - das Sonnenstrahlung ins All reflektiert - besonders kritisch.
Die Forscher führen das Tauwetter eindeutig auf den vom Menschen verursachten Klimawandel zurück, da sich die aktuelle Abnahme des Eises nicht mehr mit natürlichen Schwankungen erklären lasse. In der Arktis wirkt sich der Klimawandel besonders drastisch aus, da der Rückgang des Eises zu einer stärkeren Erhitzung des Wassers führt und sich damit praktisch selbst verstärkt.

Animation: Vergleich der Polschmelze von 1980-2007
mbe/dpa
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