Temperaturgeschichte: Klimadaten erklären Niedergang von Hochkulturen

Von Axel Bojanowski

Im Wandel der Zeit: Historische Einsichten im Schlick Fotos
Corbis

Erstmals haben Wissenschaftler die Temperaturgeschichte der vergangenen 2000 Jahre für fast alle Kontinente rekonstruiert. Die einzigartigen Daten erlauben Einsichten in die Ursachen des Niedergangs von Hochkulturen wie der Römer, Maya oder Inka.

Hamburg - Für die Maya kam der Klimawandel zu spät. Jahrhundertelang hatte es sich abgekühlt in Mexiko, immer öfter blieb der Regen aus. Mitte des zehnten Jahrhunderts lebten dort nur noch ein Zehntel so viele Menschen wie zuvor. Hundert Jahre später wucherte wieder dichter Dschungel über ehemaligen Maya-Städten. Es wurde wärmer und feuchter, das Mittelalterliche Klimaoptimum setzte ein - doch es kam nicht rechtzeitig für die Maya, sie waren verschwunden.

Ihr Schicksal war kein Einzelfall. Eine neue Studie gibt Aufschluss, wie das Klima die Geschichte von Völkern verändert hat: Erstmals zeigen Daten die Temperaturentwicklung der vergangenen 2000 Jahre auf allen Kontinenten außer Afrika. 78 Forscher aus 24 Ländern veröffentlichen die Ergebnisse ihres siebenjährigen Forschungsprojekts Pages 2k im Fachmagazin "Nature Geoscience". Mit unerreichter Genauigkeit lasse sich nun die Klimaentwicklung über einen solch langen Zeitraum für alle Weltregionen unterscheiden, resümiert Mitautor Ulf Büntgen von der Forschungsanstalt WSL in der Schweiz.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  • Abgesehen von wenigen Erholungsphasen wurde das Klima weltweit immer kühler. Schuld waren vor allem schwächelnde Sonnenstrahlung und starke Vulkanausbrüche.
  • Erst seit dem 19. Jahrhundert haben sich alle Kontinente mit Ausnahme der Antarktis deutlich erwärmt, die Nordhemisphäre doppelt so stark wie der Süden.
  • Der Zeitraum 1971 bis 2000, mit dem die Studie endet, war in den meisten Regionen der wärmste. In Europa aber war es zur Römerzeit im ersten Jahrhundert noch milder.
  • Das Mittelalterliche Klimaoptimum setzte auf der Südhalbkugel später ein als im Norden: Dort dauerte die milde Episode von der Mitte des zwölften bis weit ins 14. Jahrhundert, hier von etwa 830 bis 1100.
  • Auch die Kleine Eiszeit, die im späten Mittelalter Hunger und Seuchen nach Europa brachte, kam im Süden später.

Die Forscher haben weltweit 511 Klimaarchive ausgewertet: Sie lasen in Jahresringen alter Baumstämme, in Korallen, Eisschichten und in Schlammsedimenten am Grund von Gewässern. Darin hat sich Jahr für Jahr Schicht um Schicht die Temperatur verewigt: Beispielsweise verrät die Breite von Baumringen oder der Gehalt von Sauerstoffteilchen, ob es wärmer oder kälter wurde. Die Daten zeigen entweder die Temperatur im Jahresdurchschnitt oder im Sommer.

Aufs Jahr genau kennen Forscher die Klimahistorie Europas. Blütezeiten des Römischen Reiches und des Deutschen Reiches fielen in regenreiche Warmzeiten; schlechte Zeiten wie Völkerwanderungen, Pest und Dreißigjähriger Krieg ereigneten sich in Phasen rauen Klimas.

Auch in Nordamerika ließ die mittelalterliche Warmphase, in der es ähnlich mild war wie derzeit, das Leben erblühen: Insbesondere in nördlichen Regionen wie Colorado und Iowa siedelten immer mehr Indianer, ihre Maisfelder gediehen prächtig. In Kanada breiteten sich Wälder aus; Elche und Hirsche wurden zur begehrten Beute. Im 13. Jahrhundert verschwanden ganze Kulturen wie die Anasazi aus Nordamerika - kein Zufall, wie die neuen Daten unterstreichen: Die Abkühlung brachte Dürre.

Zur gleichen Zeit wurde es im Süden wärmer. Im 13. Jahrhundert erstarkte in Südamerika das Inka-Reich; es dehnte sich bald über 4000 Kilometer. Doch nicht nur das Klima macht Geschichte: Nicht die Abkühlung, sondern kriegerische Spanier ruinierten die Inka. Besonders Niederschläge bestimmen über das Wohl der Menschen. In Südamerika sorgen vor allem El-Niño-Ereignisse für schwere Dürre - wie der Wetterumschwung mit der Temperatur zusammenhängt, ist allerdings unklar.

Auch in Asien bestimmte das Klima wesentlich das Schicksal. Dort ist es vor allem der Monsun, der Regen bringt. Indien erlebte mit dem Mittelalterlichen Optimum einen Aufschwung: Zur ersten Jahrtausendwende erreichte es einen bis zur Neuzeit nicht überbotenen Bevölkerungszuwachs. Während der Kleinen Eiszeit halbierte sich die Einwohnerzahl Indiens auf etwa 130 Millionen.

Doch die Gleichung "höhere Temperatur gleich besseres Klima" wäre voreilig, zumal Berechnungen zeigen, dass eine weitere Erwärmung bedrohliche Folgen haben könnte: Zwar erlebte auch China in der mittelalterlichen Warmzeit eine Blütezeit. Großen Einfluss hatten durchgreifende politische Reformen der Song-Dynastie. Doch die kalte Trockenheit im späten Mittelalter brachte China keinen Einbruch wie in Europa. Zumindest die Ming-Zeit gilt als wirtschaftlich starke Epoche.

In Australien verlief das Klima deutlich gleichmäßiger. Erst in den vergangenen Jahrzehnten gab es durchgreifenden Wandel: Der Kontinent hat sich deutlich erwärmt. Besonders markant zeigt sich Erwärmung der letzten Jahrzehnte in der Arktis, wo es warm ist wie nie in den vergangenen zwei Jahrtausenden.

Die Antarktis aber scheint vom Rest der Welt weitgehend abgekoppelt. Die abgeschiedene Eiswelt hat sich in den vergangenen 2000 Jahren kontinuierlich abgekühlt. Nur ihr nordwestlicher Zipfel erwärmt sich derzeit. Aus Afrika gebe es zu wenige Daten, sagt Studienautor Darrell Kaufman von der Northern Arizona University in Flagstaff, USA.

Was sagen die Daten über das künftige Klima und den Einfluss des Menschen? Wenig, betonen die Forscher. Ihre Studie zeige den genauen Verlauf der Temperatur auf den Kontinenten, über Ursachen aber mache sie keine Aussage. Anstatt der aufgeregten Klimadebatte Futter zu liefern, hoffen die 78 Experten auf Anerkennung ihrer aufwendigen Arbeit, die die Kulturhistorie mit der Klimageschichte verbindet.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 207 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Unverständlich
günter1934 21.04.2013
Ich verstehe die Welt nicht mehr! Da hat sich auf der ganzen Welt in den letzten 2.000 Jahren ständig das Klima gewandelt, ohne dass fossiles CO2 in die Atmosphäre gelangt ist! Da können wir doch heute froh und glücklich sein, dass es wärmer wird, - hoffentlich. Kleine Eiszeit braucht kein Mensch.
2.
snafu-d 21.04.2013
Zitat von sysopErstmals haben Wissenschaftler die Temperaturgeschichte der vergangenen 2000 Jahre für fast alle Kontinente rekonstruiert. Die einzigartigen Daten erlauben Einsichten in die Ursachen des Niedergangs von Hochkulturen wie der Römer, Maya oder Inka. Temperatur-Daten: Klima der vergangenen 2000 Jahre für alle Kontinente - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/temperatur-daten-klima-der-vergangenen-2000-jahre-fuer-alle-kontinente-a-895356.html)
Wat nu, Ihr Klimatolügen? Wie wollt Ihre das denn wieder unter den Teppich kehren? Kilmawandel ohne CO2? Gibts doch gar nicht. Oder vielleicht doch? Man könnte ja sogar daraus schließen, dass Klimawandel gar nichts mit CO2-Mengen zu tun hat! So ein Mist aber auch.
3. Verständlich
mursilli 21.04.2013
Denn die heutigen Klimapropheten gründen ihre Dogmatik auf eine einzige Hypothese: der vermehrte Ausstoß von CO2 ist für die Erwärmung des letzten halben Jahrhunderts verantwortlich. Daß davon die letzten zehn Jahre nicht mehr die Rede sein kann, lassen sie außen vor. Daß die Sonne ein eigenes Spiel spielt, interessiert sie nicht. Daß Klima ein hochkomplexes Geschehen ist, für die es kein suffizientes Computermodell bislang gibt, halten sie lieber unter der Decke. Die Schwäche einer Hypothese besteht darin, daß ein einziger Widerspruch sie ins Wanken bringt. Aber das man eine ganze Politik darauf gründet, wie die sog. Energiewende, ist schon einmalig.
4.
z_beeblebrox 21.04.2013
Zitat von günter1934Ich verstehe die Welt nicht mehr! Da hat sich auf der ganzen Welt in den letzten 2.000 Jahren ständig das Klima gewandelt, ohne dass fossiles CO2 in die Atmosphäre gelangt ist! Da können wir doch heute froh und glücklich sein, dass es wärmer wird, - hoffentlich. Kleine Eiszeit braucht kein Mensch.
Sie können sich darauf einstellen, dass es in den nächsten Jahren immer kälter wird. Das sagten viele Experten bereits, bevor sich die Klimahysteriker lautstark zu Wort meldeten. Nach dem Temperatur-/Klimaverlauf letzten Jahre (ca. 15) ist die Tendenz schon absehbar. Es wird kälter. Schade, dass das IPCC nicht Recht hat - ein bissl wärmer wäre mir sehr recht ;)
5. Die Scharlatane sind unter uns!
KlausErmecke 21.04.2013
Offenbar eine interessante Studie, über die der SPIEGEL da berichtet. Und noch interessanter ist die Kommentierung des Hamburger Magazins. Faßt man die Ergebnisse der Studie (nach dem Bericht hier) in einem Satz zusammen, so zeigen sie, daß daß Paradigmengerüst der CO2-Klimalehre falsch ist. Nichts stimmt. Warmzeiten sind Zeiten des Wohlstands, Kaltzeiten Epochen des Niedergangs, in denen sich die Bevölkerung halbiert und Kulturen untergehen. Aber dann relativiert der SPIEGEL-Autor diese Erkenntnisse, indem er auf ein anderes Dokument verweist: den IPCC-Bericht. Ausgerechnet den! Aber darum geht es doch gerade: Es ist die politisch gesteuerte IPCC-Dogmatik, die in der Kritik steht, und die durch die neue Studie zum x-ten Mal ad absurdum geführt wird. Da wirkt es intellektuell unterentwickelt, als Gegenbeweis gegen die neue Studie Behauptungen des IPCC ins Feld zu führen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Klimawandel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 207 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp