Geologische Entdeckung 130-Meter-Tsunami auf Teneriffa

Geologen haben auf Teneriffa die Spuren von Tsunamis gefunden - 130 Meter über dem Meer. Wie groß ist das Risiko solcher Riesenwellen?

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Lokale Medien tun das Szenario gerne als Panikmache ab. Auch Politiker und Tourismusbetriebe auf den Kanarischen Inseln betonen stets, dass Berichte über Riesentsunamis übertrieben seien, das Risiko einer solchen Katastrophe sei viel zu gering, um sich damit zu befassen.

Stimmt, sagen Wissenschaftler, die Gefahr von größeren Tsunamis auf den Kanaren sei gering. Gänzlich abtun sollte man sie allerdings nicht, berichten Forscher um Raphael Paris von der Université Clermont Auvergne in Clermont-Ferrand in Frankreich im Wissenschaftsmagazin "Nature Communications".

In Teneriffa haben Geoforscher die Hinterlassenschaften von Tsunamis gefunden, aber nicht an der Küste, sondern auf einer Anhöhe im Norden der Insel: 20 Meter und 50 Meter über dem Meer entdeckten sie Ablagerungen unterschiedlicher Riesenwellen, bis in 132 Meter Höhe fanden die Forscher Hinterlassenschaften eines weiteren Tsunamis.

Katastrophe vor 170.000 Jahren

Die Ablagerungen enthalten neben den Schalen von Meerstieren und Schlamm vom Meeresgrund auch tonnenschwere Felsklumpen. Der Schutt lag an sechs Orten, jeweils auf 178.000 Jahre altem Lavagestein, aber unterhalb von 153.000 Jahre altem Lavagestein.

Datierungen radioaktiver Substanzen in den Ablagerungen, die in berechenbarer Rate im Laufe von Jahrmillionen zerfallen, ergaben, dass die Tsunamis vor rund 170.000 Jahren auf die Anhöhen gerollt sein müssen.

Was war geschehen?

Am Meeresboden vor der Küste der Tsunamiablagerungen meinen Raphael Paris und seine Kollegen auf die Ursache gestoßen zu sein. Dort entdeckten sie Hunderte Meter dicke, bis zu 46 Kilometer lange Zungen aus Geröll.

Gesteinsanalysen ergaben, dass die Lawinen in mehr als 2000 Meter Höhe, etwas unterhalb des Gipfels von Teneriffa an der Cañadas-Kaldera, ihren Ausgang nahmen. Das Geröll gehöre zur sogenannten Icod-Rutschung, deren Spuren Geologen in den vergangenen Jahren zusammengetragen haben und deren Alter ungefähr auf 170.000 Jahre geschätzt worden war.

Ins Meer geplumpst

Damals habe sich eine Apokalypse ereignet, schreiben die Geoforscher in "Nature Communications": An der Nordflanke Teneriffas hätten sich Lawinen gelöst, sie seien abgerutscht und ins Meer geplumpst.

Ursache der ersten Lawine sei vermutlich gewesen, dass der Hang zu steil geworden war, zu viel hatte sich abgelagert - er kollabierte wie eine Sandburg.

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Die Rutschung habe dann vermutlich Teneriffas Vulkan zum Ausbruch gebracht, schreiben die Forscher: Weil mit der abgerutschten Bergflanke nun quasi Teile des steinernen Deckels fehlten, der das Magma unter der Insel gehalten hatte, sei der Vulkan ausgebrochen.

Die Wissenschaftler entdeckten in den Ablagerungen einer zweiten Lawine Bimssteine - versteinerte Vulkanasche, die bei Vulkanexplosionen entstehen. Diese Sedimente fanden die Geologen an der Nordflanke Teneriffas bis in eine Höhe von 132 Metern über dem heutigen Meeresspiegel.

Tsunamis bis nach Europa?

Vor 170.000 Jahren lag der Meeresspiegel vermutlich tiefer als heute, die Tsunamis wären demnach noch höher gewesen als 132 Meter. Die Vulkanflanke mit den Tsunamiablagerungen habe sich hingegen seither nicht bewegt, die Erdschichten liegen eben, sie zeigen kaum Spuren von Verschiebung.

Was geschah, als die Lawinen ins Meer krachten, zeigen Computersimulationen der Forscher: Binnen Sekunden verdrängten die Geröllmassen dermaßen viel Wasser, dass sich extreme Wellen auftürmten und die Flanken Teneriffas hochrollten. Im Meer breiteten sich die Wellen kreisförmig aus, wie in einer Pfütze, in die ein Stein gefallen ist.

Computersimulation: Gerölllawine (braun) an der Nordküste Teneriffas, löst Riesenwellen aus (Höhen farblich markiert).
Nature

Computersimulation: Gerölllawine (braun) an der Nordküste Teneriffas, löst Riesenwellen aus (Höhen farblich markiert).

Vor den Folgen solch eines Szenarios hatten Geoforscher mehrfach gewarnt - und damit Medien weltweit erschreckende Schlagzeilen geliefert: Abstürzende Vulkanflanken auf den Kanarischen Inseln könnten Riesenwellen an die Atlantikküsten schicken, nach Europa, Amerika und Afrika, so lautet das berühmte Katastrophenszenario.

In Etappen gerutscht

Doch es gibt erhebliche Zweifel: Genaue Analysen von Gerölllawinen vor den Kanaren haben gezeigt, dass sie oft nicht auf einmal, sondern in Etappen ins Meer rutschen - ihre jeweiligen Energien wären mithin geringer. Lokal könnte das Wasser gleichwohl mehr als hundert Meter hoch schwappen, es würden aber keine großen Tsunamis das Meer überqueren.

Der höchste registrierte Tsunami ereignete sich am 9. Juli 1958 in Alaska: Damals rutschten nach einem Erdbeben 90 Millionen Tonnen Gestein in die schmale Lituya Bay. Der folgende Mega-Tsunami rauschte die Hänge hoch - noch in 520 Metern Höhe knickte er Bäume um.

Auch der Erdrutsch-Forscher Dave Petley von der University of Sheffield in Großbritannien glaubt nicht an ozeanweite Katastrophen: Riesenwellen hinterlassen große Mengen Schlamm und Geröll an den Küsten, die Sedimentschichten sind für Geologen unübersehbar. Doch an den Gestaden des Atlantiks fehlten die Hinterlassenschaften von Riesentsunamis, schreibt Petley. Das Megatsunami-Szenario, ausgelöst von Erdrutschen auf den Kanaren, sei tot.

Auf den Kanarischen Inseln selbst aber - das zeigen die jüngsten Entdeckungen - hat es gelegentlich apokalyptische Wellen gegeben. Raphael Paris und seine Kollege fordern, die Vulkanflanken der Kanaren besser zu überwachen.

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insgesamt 16 Beiträge
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smartphone 22.05.2017
1. Die Natur kennt keine wirtschaftliche Interessen
Solche Tsunamis "kleinzureden" kann man sehen wie man will. Speziell auf Teneriffa gibts hochlatente Abrutschgebiete - die locker 80m Wellen generieren können . Deren Bewegungsmuster sind heute schon bedenklich.Ein Blick übrigens in die Karibik zeigt sehr schön gekeilte Landschaftsprofile, die woher rühren .... . Es ist natürlich klar, daß (nicht nur ) die Wallstreet komplett absäuft- defacto weite Teile unserer Zivilisation beseitigt würden.
iStone 22.05.2017
2. Ähnliche Tsunami Sedimente liegen glaub auch hier
Bin derzeit auf El Hierro und habe ähnliche Sedimente in der Steilwand aufgeschlossen gesehen. Evt. schau ich nochmal dort vorbei morgen.
auf_dem_Holzweg? 22.05.2017
3. was glaubt ihr eigentlich
warum zum Teufel die Arche Noah gebaut wurde? Ist aber scho ein bischen her das Ganze, aber die nächste Welle kommt bestimmt innerhalb der nächsten paar Milionen Jahre. Zeit dafür dass wir uns deswegen beunruhgen - denn bei einer solchen Welle macht man gar nix - seidenn man hat auf seinem Haus einen Hubschrauber und ist schnell genug gestartet...
Tevje 22.05.2017
4. Wenn man
statt der Tonnen abgehenden Gesteins das Volumen angäbe, wäre das hilfreicher (es wären wohl in etwa 32 Mm³, 1/3 Km³). Diese verdrängte Volumen an Wasser müsste nach Abgang des Lahars wieder zufließen, woraus man dann u.U. die Höhe modellieren könnte, die so eine Welle hätte. Beim Tsunami 2004 vor Sumatra ist deutlich mehr Schlamm abgegangen, und die Wellen haben bereichsweise 27m erreicht. Allerdings ist Sumatra kein Vulkan, der ansatzlos in 4000m Tiefe auf einer Platte aufwächst, die über einen Hotspot driftet. Dazu müssten die Geologen klären, ob auch unterseeisch von den Hängen des Vulkans Schlammlawinen abgingen, die natürlich älter wären. Vor der Wiederholung des Ereignisses zu eigenen Lebzeiten Angst zu haben, wäre indes wie die Hoffnung auf einen Lottogewinn mit der richtigen Losnummer - ziemlich vergebens, wenn auch nicht auszuschließen.
bambata 22.05.2017
5.
Müsste ein Tsunami durch Abgang auf der nord-nordwestlichen Flanke Teneriffas nicht La Palma noch sehr viel massiver getroffen haben? Die kreisförmig austreibenden Wellen haben nach Nordwest doch überhaupt kein Hindernis und müssten die Insel La Palma dementsprechend katastrophal getroffen haben.
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