Teufelskreis Wassermangel bedroht globale Energieversorgung

Es ist eine teuflische Verkettung, über die wenig diskutiert wird: Der zunehmende Wassermangel auf der Erde wird zur ernsten Gefahr für die Energieversorgung von Entwicklungs- und Industrienationen. Forscher in den USA suchen nun nach Auswegen aus der doppelten Versorgungskrise.

Aus Boston berichtet


Boston - Peter Gleick ist überzeugt, dass die anderen etwas übersehen. Etwas Entscheidendes, das ebenso brisant sein könnte wie die globale Erwärmung. Das der Welt direkt vor Augen steht - und vielleicht gerade deshalb nicht erkannt wird.

Kühltürme eines Kohlekraftwerks: Wasserintensiver Energieträger
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Kühltürme eines Kohlekraftwerks: Wasserintensiver Energieträger

"Wasser und Energie sind untrennbar miteinander verbunden", ruft Gleick seinem Publikum bei der Jahrestagung des US-Forschungsverbands AAAS in Boston zu. "Und fast nie werden sie von der Politik gemeinsam behandelt. Das wird zwangsläufig zur Zerrüttung der Wasser- und der Energieversorgung führen."

Mit dieser Einschätzung ist Gleick nicht allein. Mit ihm auf dem AAAS-Podium sitzen Vince Tidwell von den regierungseigenen Sandia National Laboratories, Lisa Epifanie vom US- Energieministerium und Michael Webber vom Center for International Energy & Environmental Policy im texanischen Austin. Vier Fachleute, eine Meinung.

Wasser und Strom - wenn eine von beiden Ressourcen knapp wird, droht gleich eine doppelte Versorgungskrise. Auch in Ländern, die wenig Energie direkt durch Wasserkraft gewinnen, ist Wasser bei der Erzeugung elektrischer Energie nicht wegzudenken. In den USA etwa entfallen auf Trinken und Waschen nur drei Prozent des gesamten Verbrauchs - 39 Prozent dagegen auf die Kühlung von Kraftwerken, was laut aktuellen Zahlen etwa 760 Milliarden Litern Wasser entspricht.

Auch die Industrienationen tragen ein hohes Risiko

Nicht nur für die Energie aus der Steckdose werden Unmengen an Wasser benötigt. Das gleiche gilt für die Energie im Tank: Bei der Herstellung von Benzin und Diesel wird ebenfalls Wasser benötigt. Gleiches gilt für jene Energieträger, denen die automobile Zukunft gehören soll: Wasserstoff und Biosprit.

"Haben Sie schon einmal daran gedacht, wie viel Wasser Sie verbrauchen, wenn Sie Ihr Auto volltanken?", fragt Webber. Ein mit Wasserstoff betriebenes Auto wiederum verbrauche umgerechnet rund 60 Liter Wasser pro Kilometer. Bei einem Auto mit Ethanol-Motor seien es gar 90 bis 300 Liter, weil die Ethanol-Lieferanten Mais und Sojabohnen in Amerika großzügig bewässert werden müssten.

Bedenkliche Aussichten. Denn schon allein wegen des Klimawandels prognostizieren Wissenschaftler teils dramatische Engpässe in der Wasserversorgung. Die potentiell bedrohten Regionen liegen nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch in den Industriestaaten wie den USA. Erst in dieser Woche wurde eine Studie veröffentlicht, laut der Lake Mead - der größte Stausee der USA - mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit in den nächsten 13 Jahren komplett austrocknen wird. "Ohne Lake Mead und den benachbarten Lake Powell besitzt das Colorado-Flusssystem keinen Puffer mehr, um die Bevölkerung der Südwest-USA in einem trockenen Jahr zu versorgen", warnen die Forscher der American Geophysical Union und der Scripps Institution of Oceanography im Fachblatt "Water Resources Research". Im Falle einer längeren Dürre sähe es noch schlimmer aus.

Derzeit bekommen die USA einen Vorgeschmack auf eine solche Zukunft: Lake Mead und Lake Powell sind nach lang anhaltender Trockenheit nur noch etwa zur Hälfte gefüllt, die Wasserversorgung von Las Vegas ist bereits gefährdet. Sollte es im Frühling nicht zu ergiebigen Regenfällen kommen, droht im Sommer die Krise.

Gefährliche Rückkopplung

Noch fataler: Es wird nicht nur Wasser für die Energiegewinnung, sondern auch Energie für die Wassergewinnung benötigt. Wird das Wasser knapp, steht weniger für die Energieproduktion zur Verfügung. Zugleich muss immer mehr Energie in die Wasserversorgung gesteckt werden - etwa für den Wassertransport in austrocknende Gebiete. "Wasser von Nord- nach Südkalifornien zu bringen frisst kaum weniger Energie als die extrem energieintensive Entsalzung von Meerwasser", sagt Gleick. Die Folge könnten weit verbreitete Engpässe in der Energie- und Wasserversorgung sein.

Als Gegenmaßnahme schlagen die Experten in erster Linie einen sparsameren Umgang mit den Ressourcen und deren effizientere Nutzung vor. Wind- und Sonnenkraft sind laut Gleick, der am Pacific Institute for Studies in Development, Environment, and Security im kalifornischen Oakland forscht, die wassersparendsten Energieträger. Der Atomstrom sei, je nach Effizienz des Kraftwerks, der wasserintensivste Energieträger, dicht gefolgt von fossilen Brennstoffen.

Allerdings gibt es auch bei diesen Kraftwerken Ansätze, den Wasserverbrauch zumindest zu drosseln. Das Atomkraftwerk von Palo Verde im US-Bundesstaat Arizona speist nicht - wie früher üblich - Flusswasser in den Kühlkreislauf ein, um es dann direkt in den Fluss zurückzuleiten. Das größte AKW der USA ist das einzige der Welt, das nicht einmal an einem Gewässer liegt. Als Kühlmittel dient, was zuvor aus den Toiletten benachbarter Städte floss: Abwasser, für den Einsatz in den Kühltürmen geklärt.

Gleick hält das für mustergültig. "Wir müssen das Abwasser schon aus Umweltschutzgründen reinigen - diese Energie bringen wir also ohnehin auf", so der Forscher. Es sei unsinnig, geklärtes Wasser einfach in den nächsten Fluss zu kippen, anstatt Sinnvolles damit anzustellen.

Webber könnte sich sogar noch mehr vorstellen. "Die Nasa recycelt das Abwasser in der Internationalen Raumstation, weil der Transport von Wasser ins All zu teuer ist", meint Webber. "Die Astronauten trinken es, und es geht ihnen gut."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Pinarello, 18.02.2008
1. Wasser haben wir mehr als genug, genau so gehen wir damit um!
Zitat von sysopEs ist eine teuflische Verkettung, über die wenig diskutiert wird: Der zunehmende Wassermangel auf der Erde wird zur ernsten Gefahr für die Energieversorgung von Entwicklungs- und Industrienationen. Forscher in den USA suchen nun nach Auswegen aus der doppelten Versorgungskrise. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,535889,00.html
Bei einem Planeten, dessen Oberfläche zu über 70% mit Wasser bedeckt ist, kann es keinen Wassermangel geben, eher die Unfähigkeit mit Wasser richtig umzugehen. Alleine die Verseuchung und Verschmutzung dieses lebensnotwendigen Produktes jeden Tag - siehe China - rund um den Erdball ist eine Katstrophe für sich, da brauchen wir über die massenhafte Verschwendung gar nicht erst zu reden. Also ganz einfach, einen Mangel an Wasser gibt es nicht, eher einen sich abzeichnenden Mangel an für Menchen geeignetem Trinkwasser.
megacure, 18.02.2008
2. Wo bleibt das Wasser eigentlich?
Der Artikel enthält interessante Infos, beispielsweise die, das Atomkraft viel Wasser verbraucht oder ein mit Wasserstoff betriebenes Auto umgerechnet 60 Liter Wasser pro Kilometer verbraucht. Bei letzterem dachte ich bisher, dass eine Wasserstoff-Brennstoffzelle im Auto eher Wasser produziert, naja. Gänzlich unbeantwortet bleibt allerdings die (meine) Frage, wo das ganze Wasser hingeht? Ist es wirklich verbraucht wie beispielsweise Erdöl oder ist es einfach nur lokal woanders (z.B. in der Luft als Wasserdampf).
congbang 18.02.2008
3. Wasser
Wasser wird nicht "verbraucht" sonder "gebraucht". Deswegen wird die Bilanz des Wassers insgesamt neutral sein. Das Wasser zur Kühlung wird nach dem Kühlen doch nicht weniger sein! Wichtiger ist der Umgang mit Wasser, denn verseuchtes Wasser bringt mehr Probleme!
Triakel 18.02.2008
4. Wasser - der wichtigste Rohstoff
Zitat von PinarelloBei einem Planeten, dessen Oberfläche zu über 70% mit Wasser bedeckt ist, kann es keinen Wassermangel geben, eher die Unfähigkeit mit Wasser richtig umzugehen. Alleine die Verseuchung und Verschmutzung dieses lebensnotwendigen Produktes jeden Tag - siehe China - rund um den Erdball ist eine Katstrophe für sich, da brauchen wir über die massenhafte Verschwendung gar nicht erst zu reden. Also ganz einfach, einen Mangel an Wasser gibt es nicht, eher einen sich abzeichnenden Mangel an für Menchen geeignetem Trinkwasser.
Lieber Pinarello, ich empfehle das Buch "Wenn die Flüsse versiegen" zur Lektüre. Dann erkennen Sie, wie irrelevant es ist, dass 70% der Oberfläche der Erde mit Wasser bedeckt sind. Auch auf dem Meer, umgeben von Millionen Kubikilometern Wasser, kann man verdursten. Der Mangel an Öl und Gas in den nächsten Jahrzehnten wird die menschliche Zivilisation bereits erschüttern. Der zunehmende Mangel an Wasser in großen, meist dichtbesiedelten Regionen birgt jedoch noch weit mehr Risiken. Auf den Südwesten der USA, die Mittelmeeranrainer, auf Indien, Nordchina, Pakistan, Iran und viele ander Länder kommen harte Zeiten zu.
linus69 18.02.2008
5. Verzeicht statt Umdenken
@Pinarello, du musst folgende Grundannahmen beherzigen: 1. Der Anteil von Süßwasser am Wasservorkommen der Erde beträgt 2,6 - 3 %. (laut Wikipedia) 2. Nur mit Süßwasser können die Menschen arbeiten und leben. Es gibt keinerlei Nutzung des salzhaltigen Meerwassers durch Menschen. Und jetzt zeigt der Artikel auf, dass a) Süßwasser knapp wird. b) aus welchem Grund nämlich, weil immer mehr Menschen daran partizipieren. c) eine der gravierensten Folgen daraus ein möglicher Energieabfall sein wird, der wiederum unendliche Folgen nach sich ziehen wird (Peak-Oil vergleichbar). Gleichzeitig zeigt der Artikel aber auch, dass bei der Energiegewinnung das meißte Wasser vebraucht wird, im Gegensatz zum alltgäglichen menschlichen Verbrauch. Was im Artikel leider nicht steht, ist das Szenario, dass allen Menschen über kurz oder lang bevor steht, nämlich das allen Menschen massive Probleme drohen, wenn weiterhin mehr Menschen mehr Energie benötigen. Schon beim Peak-Oil zeichnet es sich ab, dass weniger gefördert werden kann, wie nachgefragt wird. Genauso wird das beim Wasser sein, nur in viel größerem Maßstab. In einer viel größeren Komplexitätsstufe. Hat der hohe Ölpreis derzeit beobachtbare Auswirkungen auf Verbraucherpreise und globale Finanzkrisen und vielleicht sogar auf die Motivation für einen Krieg, so wird der Wassermangel in bestimmten, am ehesten und stärksten betroffenen Regionen, eine viel größere Dimension erreichen. Denn am Wasser hängt nicht nur der Transport der Lebensmittel (wie beim Öl), sondern deren Produzierung. Die Regulierung auf weniger Öl ging über den Preis, die Regulierung auf weniger Wasser geht nur über die Anzahl der Nahrungsmittel. Aber lassen wir uns überraschen wie schnell Politiker auf die nächste, viel gravierendere Krise reagieren. Sensibilisiert dürften sie ja darauf sein, nach Ozon-, Klima- und Öl-katastrophe ist es nur ein weiteres Puzzle das ein noch stärkeres Umdenken fordert. Nur irgendwann wird man mit "Umdenken" nicht mehr weiter kommen, sondern muss tatsächlich "Verzicht" lernen.
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