Hamburg - Für Helen Edwards wird es sich am komischsten anfühlen: Vor 25 Jahren gehörte die Physikerin zu den Gründungsmüttern und -vätern am Teilchenbeschleuniger Tevatron nahe Chicago. Am Freitag nun wird sie ihn für immer abschalten. Dann werden sich die 1000 mit flüssigem Helium gekühlten Magnete langsam erwärmen, binnen kürzester Zeit wird die Anlage dann unbenutzbar. Eine Ära der Teilchenphysik geht damit zu Ende - und auf absehbare Zeit auch die Dominanz der USA in diesem Bereich.
Einst der mächtigste Teilchenbeschleuniger der Welt, stand Tevatron zuletzt im Schatten der europäischen Verwandtschaft: Der Large Hadron Collider (LHC) am Kernforschungszentrum Cern in Genf ist siebenmal stärker als die US-Anlage. "Der LHC stellt mit großer Geschwindigkeit das in den Schatten, was wir mit Tevatron machen konnten", sagte William Brinkman vom US-Energieministerium der "Washington Post".
Weit zurück liegen die Zeiten, als Tevatron die Schlagzeilen der Teilchenpyhsik-Welt dominierte. Das war zum Beispiel im Jahr 1994 der Fall, als mit dem Nachweis des Top-Quarks das Standardmodell der Teilchenphysik vervollständigt werden konnte. Doch die Forschung am Fermilab wird auch nach dem Ende der Tevatron-Ära weitergehen. Nur gut 40 der 1800 Mitarbeiter werden das Institut nach offiziellen Angaben verlassen. Freiwillig, so heißt es.
Die verbleibenden Wissenschaftler werden in den kommenden Monaten die bereits mit dem Tevatron gesammelten Daten auswerten. Nachdem sie kurz vor dem Ende so viele Datenberge wie möglich zusammengerafft hatten, konnten sie sich um die Analyse kaum kümmern. Das wird jetzt nachgeholt - in der Hoffnung, dem viel gesuchten Higgs-Boson doch noch auf die Spur zu kommen.
Higgs-Fund müsste am LHC bestätigt werden
Allerdings müsste ein eventueller Fund ohnehin am LHC bestätigt werden. Dorthin weichen die Fermilab-Forscher beim Datensammeln längst aus. Rund 1700 der knapp 6400 am LHC arbeitenden Forscher stammen aus den USA, lässt das Cern wissen.
Im Blickpunkt der Öffentlichkeit wird nach dem Ende des Tevatron auch eine weitere Versuchsanordnung am Fermilab stehen. Die Forscher am Minos-Experiment wollen Meldungen ihrer Genfer Kollegen überprüfen, die überlichtschnelle Neutrinos gemessen haben wollen. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, wäre das eine physikalische Revolution, doch die Experten sind skeptisch.
Am allerliebsten würden die Forscher am Fermilab einen neuen Beschleuniger bauen. Das "Project X" würde unter anderem besonders starke Neutrinostrahlen produzieren. Doch ob das mindestens zwei Milliarden Euro teure Projekt jemals die nötigen finanziellen Mittel bekommt, darf als zweifelhaft gelten.
Mit hochfliegenden Träumen haben sie am Fermilab schließlich Erfahrung: Der ambitionierte Superconducting Super Collider wurde 1993 aufgegeben - obwohl schon zwei Milliarden Dollar investiert worden waren. Selbst ein Teil des Tunnels für den Beschleuniger war schon gegraben als das Aus kam.
Deswegen dürfte es für Helen Edwards umso bitterer sein, am Freitag den Schalter umzulegen.
chs
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