Folgen von "Harvey" Schadstoffe auf Feldern, Dünger im Meer

Häuser und Tankstellen stehen unter Wasser, Felder wurden überflutet, in einem Chemiewerk gab es eine Explosion. Der Biologe Dietrich Borchardt erklärt, welche Folgen der Sturm in Texas und Louisiana für die Umwelt haben könnte.

Houston am 30. August 2017
AFP

Houston am 30. August 2017

Ein Interview von


Etwa 1000 Liter Wasser pro Quadratmeter brachte Sturm "Harvey" innerhalb weniger Tage an manche Orte in Texas, mehrere Menschen starben. Besonders stark betroffen war die Stadt Houston. Zehntausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen, in einem Chemiewerk kam es zu einer Explosion, Autos gingen in den Fluten unter. Laut "CNBC" fürchtet der Autohändler Cox Automotive, dass nach dem Sturm 500.000 Fahrzeuge verschrottet werden müssen.

Allmählich klingt das Unwetter ab, das inzwischen den Bundesstaat Louisiana erreicht hat. Überstanden ist die Katastrophe damit jedoch nicht. Die großen Wassermassen sind auch ein Umweltrisiko. Sie können Schadstoffe an die Oberfläche befördern. Im Interview erklärt Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, warum die Folgen des Unwetters die Region noch über Jahre beschäftigen könnten.

Zur Person
  • André Künzelmann/ UFZ
    Der Biologe Dietrich Borchardt leitet den Forschungsbereich "Wasserressourcen und Umwelt" am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung-UFZ. Außerdem ist er Professor an der Technischen Universität Dresden. In seiner Forschung untersucht er, welche Folgen Schadstoffeinträge für die Umwelt haben.

SPIEGEL ONLINE: In Texas stehen haufenweise Autos, Häuser und ganze Industrieanlagen metertief im Wasser. Was bedeutet das für die Umwelt?

Dietrich Borchardt: Angesichts der sonstigen Probleme, die es im Zusammenhang mit den Überschwemmungen gibt, sind Autos und Tankstellen erst einmal zu vernachlässigen. Natürlich können auch daraus kleinere Mengen Öl oder Treibstoffe in die Umwelt gelangen. Solange die Fahrzeuge und unterirdischen Tanks an den Zapfsäulen aber nicht beschädigt werden, passiert auch nichts Schlimmes.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es andere Risiken?

Borchardt: Da sind natürlich erst einmal die schweren unmittelbaren Folgen - Menschen sind gestorben, Häuser und Infrastruktur zerstört. Ich denke aber auch an die Umwelt und da machen mir langfristig Schadstoffe und Dünger die größten Sorgen. Sie stammen von Feldern, aus den Abwassersystemen und aus den zahlreichen Kanälen, die etwa durch die stark betroffene Stadt Houston fließen, mutmaßlich aber auch aus Altlasten oder Abfalldeponien. Die Stoffeinträge aus diesen Quellen haben das Potential ganze Ökosysteme zu verändern, weil in relativ kurzer Zeit große Schadstoffmengen in Verbindung mit dem Wasserkreislauf kommen. Außerdem werden diese, wenn auch stark verdünnt, über große Flächen verteilt. Regional besteht dadurch die Gefahr, dass ganze Wirtschaftszweige lahmgelegt werden.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie genauer erklären.

Borchardt: Überschwemmungen haben im Wesentlichen zwei große Effekte auf die Umwelt: Zum einen trägt das Wasser Schadstoffe aus Fluss-Sedimenten auf Felder und Wiesen. Diese stammen oft aus Abwässern, Altlasten der Industrie oder dem Bergbau. Es sind giftige Stoffe, die Felder über Jahre unbrauchbar für Landwirte machen können. So war es etwa bei den großen Elbehochwässern der vergangenen Jahrzehnte. Als die Böden nach den Überflutungen auf Schadstoffe untersucht wurden, durfte an einigen Stellen das darauf wachsende Gras nicht mehr an Nutztiere verfüttert werden und ganze Gewässerabschnitte waren wegen der schadstoffhaltigen Sedimente als Tränken nicht mehr geeignet. In Houston gibt es einen Hafen und große Ölraffinerien - dass dort Altlasten mit dem Wasser aus Böden geschwemmt werden, ist ziemlich wahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist der zweite große Effekt?

Borchardt: Wenn der Regen Felder überflutet, löst das Wasser Düngerrückstände aus dem Boden. Über Flüsse oder künstliche Wasserläufe, wie es sie in Houston zuhauf gibt, gelangt das sehr nährstoffreiche Wasser dann ins Meer. Dort kann es heftige Algenblüten verursachen. Wenn diese absterben, dann entziehen sie dem Wasser so viel Sauerstoff, dass Fische und andere Wassertiere abwandern oder sterben. So wäre etwa vorstellbar, dass durch den Sturm in Texas die Fischer im Golf von Mexiko in der nächsten Saison kaum mehr Krabben fangen. Hochwasser können so indirekt über lange Zeit die regionale Wirtschaft beeinflussen - und Arbeitsplätze kosten.

SPIEGEL ONLINE: In Texas gab es Explosionen in einer Chemiefabrik. Das Unternehmen stellt organische Peroxide her. Was passiert mit ihnen bei Hochwasser?

Borchardt: Das hängt stark davon ab, welche Stoffe die Firma genau produziert. Es gibt organische Peroxide, die mit Wasser reagieren. Dabei kann Hitze entstehen bis hin zu Explosionen, auch die Bildung giftiger Gase und Flüssigkeiten ist möglich. In der Regel sind solche Anlagen gegen Umweltgefahren geschützt. In dem Fall hatte beim Bau der Anlage offenbar niemand mit solchen Wassermassen gerechnet. Die Kühlung fiel aus, seit der Nacht auf Donnerstag befürchteten die Betreiber eine Detonation oder Feuer, deshalb wurden auch die Anwohner evakuiert. Inwiefern der Vorfall ein größeres Umweltproblem werden könnte, lässt sich aus der Ferne nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Die größten Ölraffinerien der USA liegen in der Umgebung von Houston. Sind sie bei Fluten eine besondere Gefahr?

SPIEGEL ONLINE: Da gilt das gleiche wie für Autos, Tankstellen und Chemiefabriken: Solang das Wasser nicht in Fahrzeuge, Tanks und Anlagen vordringt, passiert relativ wenig. Wenn aber natürlich eine Ölraffinerie leckschlägt, hätte man ein massives Umweltproblem. Das einzig Positive an dieser Art von Katastrophe wäre, dass man das Öl selbst in kleinen Mengen relativ gut sieht, weil es zunächst oben auf dem Wasser schwimmt, und es mit schwimmenden Barrieren einigermaßen gut abgefangen werden kann. Die Raffinerien haben den Betrieb ja auch vorsorglich eingestellt. Bislang sieht es auch nicht so aus, als trügen sie in diesem Fall zu größeren Umweltproblemen bei. Alle anderen Schadstoffe sind aber quasi unsichtbar und müssen mit teilweise sehr aufwändigen Analysemethoden bestimmt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es nach dem Sturm weiter?

Borchardt: Die Behörden werden sicher Wasser- und Bodenproben nehmen und sich anschauen, welche Schadstoffe in welchen Mengen auf landwirtschaftliche Flächen und in die Umwelt gelangt sind. Wie groß das Problem im Golf von Mexiko durch den Dünger sein wird, lässt sich erst in einigen Wochen, Monaten oder sogar erst in ein paar Jahren sagen. Die damit verbundenen Umweltschäden zeigen sich erst verzögert und eher langfristig, werden dann aber nicht mehr mit solchen Extremereignissen wie "Harvey" in Verbindung gebracht. Die Angst vor den Sturmschäden ist erst einmal viel größer als die vor den langfristigen Folgen. Das heißt nicht, dass man leichtsinnig die Sturmwarnungen relativieren sollte, aber die mit dem Wasser verbundenen Risiken sind ebenso ernst zu nehmen. Auch deshalb haben wir gerade angefangen, die Langzeitfolgen von extremen Unwettern in einem großen Forschungsprogramm genauer zu untersuchen.

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
rjb26 01.09.2017
1. ich habe
zumindest eine Meldung gesehen, dass die Behoerden in Texas die Messung von Luft- und Wasser Schadstoffen eingestellt haben. Demnach kann ja nichts passieren
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.