Größte urbane Kolonie Die Fledermausbrücke von Austin

Mitten in Austin leben Hunderttausende Fledermäuse. Anfangs waren die Texaner nicht begeistert - inzwischen lieben sie die Saisongäste aus Mexiko. Denn sie erweisen ihnen einen nützlichen Dienst.

ddp images/ Fritz Poelking

Aus Austin berichtet


Wenn es dämmert in Austin, beginnt in Downtown das Leben. Die Bars, Restaurants und zahlreichen Liveklubs, für die die texanische Hauptstadt berühmt ist, füllen sich. Im Hochsommer wird es oft unerträglich heiß, da ist so mancher froh, wenn die Sonne am Abend ihren Job erledigt hat und sich verzieht.

Mit dem Sonnenuntergang erwacht aber nicht nur in Downtown das Leben. Auch in einer grauen Betonbrücke, die die Congress Avenue vom Texas Capitol über den Colorado in den Süden der Stadt führt, regt sich was. Erst sind es nur einige wenige Exemplare, die sich blicken lassen.

Bis auf einmal ein Inferno losbricht.

Hundertausende Fledermäuse fliegen allabendlich mit einem Mal aus der Brücke. Wenn die kleinen Säuger mit dem martialischen Aussehen loslegen, kommt es einem vor, als hätten sich die Pforten der Hölle geöffnet. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei und es herrscht wieder entspannte Abendruhe.

Eine Maus namens Bulldogg

Die Tiere kommen jedes Jahr im Frühling aus dem Nachbarland nach Texas. Es handelt sich dabei um Mexikanische Bulldoggfledermäuse (Tadarida brasiliensis), sie gelten als das am häufigsten vorkommende Säugetier in Nordamerika. Aber nirgendwo in den USA leben mehr Fledermäuse als in Texas. Austin wirbt damit, dass die etwa anderthalb bis zwei Millionen Tiere die größte urban lebende Kolonie der Welt bildeten. Dass die Tiere in so großen Gruppen leben, ist allerdings nicht ungewöhnlich. In einer Höhle in der Nähe von San Antonio sollen es etwa 20 Millionen sein.

Zwar ist bekannt, dass gerade Bulldoggfledermäuse gerne in von Menschen geschaffenen Gebäuden leben. Doch was finden die Tiere ausgerechnet an dieser Brücke so spannend, über die sich täglich der Verkehr in die Innenstadt wälzt? Schließlich gäbe es in Austin noch andere zur Auswahl.

The Bats of Congress Ave Bridge

Biologen haben eine Antwort gefunden, sie beginnt 1980 mit einem schönen Zufall: Damals wurde das graue, schmucklose Bauwerk saniert. Die Ingenieure planten an der Unterseite der Brücke lange Spalten, sogenannte Dehnungsfugen, nur ein paar Zentimeter breit und 40 tief.

Aber bei der Umsetzung der Maßnahmen wurde wohl hier und da geschlampt und das Dämmmaterial nicht gleichmäßig eingesetzt, es entstanden Lücken und Spalten. Unwissentlich schufen die Bauarbeiter so die perfekten Höhlen für die Fledermäuse, in denen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit ideal sind.

Über das Jahr verteilt schwankt die Anzahl der höchstens zwölf Gramm schweren Tiere stark. Im März sind es nur einige Tausend, ehe aus Mexiko vor allem Weibchen ankommen - bis zu 800.000.

Gegen Juli bringen sie in der Brücke ihren Nachwuchs zur Welt, pro Weibchen ein Jungtier. Deshalb erreicht der surrende Schwarm, der allabendlich aus der Brücke zur Insektenjagd aufbricht, im Spätsommer seine größte Stärke. Zudem stoßen noch weitere Fledermausgruppen dazu, bevor die Tiere mit dem Herbstbeginn dann wieder Richtung Süden in wärmere Gefilde ziehen.

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Touristenattraktion in Austin: Die Bat-Brücke

Zu Beginn waren die Einwohner von Austin nicht begeistert von ihren neuen Mitbewohnern. Von einer Fledermausplage war die Rede, man befürchtete sogar einen Anstieg von Tollwut - dabei sind die Tier keine gefährlicheren Überträger als andere Wildtiere auch.

Doch die Ängste sind längst verschwunden. Die Menschen haben mittlerweile erkannt, wie nützlich die Tiere sind. Die mexikanische Bulldoggfledermaus gehört nämlich - wie die meisten anderen Arten - nicht zu den sogenannten sanguinivoren, die sich von Blut ernähren. Dafür fressen Bulldoggfledermäuse Insekten, mit Vorliebe Stechmücken. Ein einziges Tier kann mehrere Tausend Mücken pro Nacht fressen - so vernichten die Austin Bats bis zu 13 Tonnen Insekten täglich. Das Mückenaufkommen in der Stadt hält sich zur Freude der Bewohner in Grenzen.

Bei der Jagd fliegen die Tiere mit bis zu hundert Kilometern pro Stunde. Und legen dabei bis zu 50 Kilometer zurück, sie orientieren sich per Echoortung.

Fledermäuse locken Touristen an

Wie nützlich die Tiere sein können, hatte bereits der texanische Mediziner Charles Campbell um die Jahrhundertwende erkannt. Nachdem in der Region immer mehr Malariafälle auftraten, entschied er sich zu einem Experiment: Er hoffte, mit Fledermäusen die Anopheles-Mückenpopulationen zu dezimieren.

Um den Tieren attraktive Behausungen anzubieten, entwickelte er spezielle Fledermaustürme, in denen bald einige Kolonien lebten. Tatsächlich erkrankten nun weniger Menschen, und Campbell wurde sogar für den Nobelpreis nominiert - auch wenn keine Daten dazu vorliegen, ob der Erfolg tatsächlich mit seinen Fledermaustürmen zu tun hatte.

Doch nützlich sind Fledermäuse allemal, sie bestäuben zum Beispiel zahlreiche Pflanzen. Deshalb kümmert sich in Austin die Schutzorganisation Bat Conservation International um den Erhalt der Tiere. Vor allem mit Aufklärungskampagnen will sie das zweifelhafte Bild vom unreinen Blutsauger, der angeblich sogar Menschen anfällt, geraderücken.

Mit Erfolg. Längst hat die Stadt erkannt, was für ein Touristenmagnet die Fledermäuse inzwischen sind. Die Einnahmen gehen jährlich in die Millionen: T-Shirts, Schlüsselanhänger, Caps und anderer Nippes wird Millionen Besuchern als Andenken verkauft. Zudem kann man auf etlichen "Bat Tours" mit dem Ausflugsdampfer vom Wasser aus das Spektakel verfolgen.

Wer allerdings warten möchte, bis die Fledermäuse wieder von ihrem Jagdausflug zurückkommen und in der Brücke verschwinden, muss dafür bis zum Sonnenaufgang durchhalten. Es empfiehlt sich, die Zeit in den Liveclubs an der nahen 6th Street zu überbrücken. Dort könnte man dann den ein oder anderen Rum zu sich nehmen. Das Etikett einer weltbekannten Rum-Marke ziert übrigens Tadarida brasiliensis.



insgesamt 4 Beiträge
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permissiveactionlink 19.03.2018
1. Alte und neue Welt
In dem Beitrag heißt es an einer Stelle "Doch nützlich sind Fledermäuse allemal, sie bestäuben zum Beispiel zahlreiche Pflanzen." Das ist auf dem amerikanischen Kontinent tatsächlich der Fall, nicht aber in der alten Welt. Hier werden Pflanzen teilweise von Macrochiroptera (Flughunden) bestäubt, während es diese auf dem amerikanischen Kontinent nicht gibt. Hier haben Microchiroptera (Fledermäuse) die ökologische Nische besetzt. Eine von mir im Kübel gepflegte Glockenrebe (Cobaea scandens, einjährig draußen, mehrjährig bei Überwinterung, sehr schön und einfach zu säen und zu kultivieren) wird in Mexico ausschließlich von Fledermäusen bestäubt. Dennoch setzte die Pflanze in Deutschland Gurkengroße Früchte mit Samen an. Hierzulande kommen aber nur Vögel oder Insekten als Bestäuber in Frage. Fledermäuse sind (mit einer einzigen Ausnahme in Neuseeland) carnivor und fressen z.T. auch Fische, Amphibien, Reptilien und kleine Säugetiere. Auch nachts lassen sich hierzulande Fledermäuse beobachten : Man muss nur in ein gutes Ultraschallmikrophon (etwa 300 Euro) und eine geeignete App ("Bat Recorder", von Bill Kraus, ca.7 Euro) investieren. Dann kann es losgehen.
d´point 19.03.2018
2. Alternativ
Als gesellige Alternative zu den teuren Geräten kann man sich zur Dämmerung einfach mit einem kühlen Bier auf die Terasse setzen und warten. Sofern um das zu Hause einige Bäume stehen, ist es in ländlichen Gebieten garantiert, dass da ein paar Exemplare unterwegs sind. Es ist übrigens sehr Interessant, die Reaktion der Tiere zu beobachten, wenn man den Kronkorken des mittlerweile getrunkenen Bieres in die Luft schnippt: die Fledermäuse fliegen abrupt in die Richtung und brechen das Manöver schnell ab, weil sie direkt erkennen, dass es nichts leckeres sein kann. Anschließend den Korken bitte einsammeln und entsorgen..
frank-kk 19.03.2018
3. San Antonia ist San Antonio
Die nächste Fledermauskolonie ist in einem alten Eisenbahntunnel bei Fredericksburg bei San Antonio nicht Antonia zu finden.
DerAndereBarde 19.03.2018
4. Naturschauspiel
Man kann im Park am Flussufer unter der Brücke entlangspazieren. Ein beeindruckendes Schauspiel! Millionen Fledermäuse, die sich vor dem Ausfliegen ausgelassen und knapp jenseits der menschlichen Hörschwelle unterhalten, sorgen für garantierte Gänsehaut. Das Aroma sollte man sich dabei wegdenken.
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