"The Day After Tomorrow" Klimaforscher streiten über Emmerichs Eismaschine

Der Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow" sorgt auch außerhalb der Kinosäle für eisiges Klima. Forscher streiten heftig über die Plausibilität des Streifens, den der deutsche Regisseur Roland Emmerich bewusst als Kritik an der US-Regierung inszeniert hat.

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Szene aus "The Day After Tomorrow": New York erst unter Wasser und dann tiefgekühlt
AP/ 20th Century Fox

Szene aus "The Day After Tomorrow": New York erst unter Wasser und dann tiefgekühlt

Was Wissenschaftler, Politiker und Öko-Aktivisten in Jahrzehnten nicht geschafft haben, soll nun Hollywood gelingen: den Menschen Umweltbewusstsein einhämmern, und zwar nachhaltig. Der Deutsche Roland Emmerich, der sich bisher mit Filmen wie "Independence Day" amerikanischer als mancher US-Patriot gerierte, versteht sein neuestes 125 Millionen Dollar teures Werk "The Day After Tomorrow" als Kritik an der US-Regierung und ihrer Umweltpolitik.

"Das mächtigste Land sind die Vereinigten Staaten, und da sitzt mit George W. Bush ein Präsident, der sich um nichts anderes schert als ums Öl", sagte Emmerich kürzlich im Interview mit dem KulturSPIEGEL. "Wie anders würde die Welt dastehen, wenn der demokratische Umweltpolitiker Al Gore an die Macht gekommen wäre? Das alles ist für mich als Deutscher schwer erträglich. Ich will niemals Amerikaner werden." Wohl nicht umsonst hat der betonköpfige US-Vizepräsident im Film eine frappante Ähnlichkeit mit seinem realen Widerpart Dick Cheney.

Regisseur Emmerich: "Ich will niemals Amerikaner werden"
DPA

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Das Weiße Haus revanchierte sich auf seine Art: Einem Bericht der "New York Times" zufolge untersagte die Regierung ihren Forschungsinstituten jeglichen Kommentar zum Emmerich-Streifen. Das aber konnte nicht verhindern, dass die Debatte unter Wissenschaftlern und Umweltschützern wie eine Sturmfront heraufzog. Klimaforscher streiten mittlerweile mit Verve um die Plausibilität des Streifens und ärgern sich nebenbei darüber, dass Umweltaktivisten Emmerichs Endzeitvision für ihre Zwecke einspannen.

Der Mechanismus, der in "The Day After Tomorrow" das Wetter vermiest, wurde von Wissenschaftlern bereits in mehreren Modellrechnungen vorhergesagt: Durch die globale Erwärmung schmilzt das arktische Eis, verdünnt den Atlantik und lässt den so genannten Tiefenwasserstrom im Nordatlantik urplötzlich versiegen. Da dieser "Ocean Conveyor" auch den Golfstrom antreibt, der warmes Wasser aus der Äquatorgegend weit nach Norden transportiert, sind allerlei Wetterkapriolen und eine dramatische Abkühlung der Nordhalbkugel die Folgen.

Funktionsweise des Golfstroms: Zentralheizung für die Nordhalbkugel
DER SPIEGEL

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Zwar herrscht unter Klimaforschern weitgehende Einigkeit darüber, dass die in "The Day After Tomorrow" gezeigten Klima-Kataklysmen prinzipiell stattfinden könnten. Allerdings hegen sie starke Zweifel daran, dass ein plötzliches Versiegen des Golfstroms und eine blitzschnell hereinbrechende Eiszeit möglich sind. "Die bisherigen Daten legen nahe, dass das höchst unwahrscheinlich ist", sagte David Viner, Klimatologe an der britischen University of East Anglia, dem Online-Wissenschaftsdienst "Nature Science Update". "Man müsste die Erde um viele, viele Grade erwärmen, um genügend Süßwasser in den Atlantik zu bekommen."

Jahrzehnte zu Wochen komprimiert

Der Einfluss des Menschen werde eher zu einer langsamen globalen Erwärmung als zu einer plötzlichen Abkühlung führen. Für eine Blitz-Eiszeit wie im Emmerich-Film sei schon ein Vulkanausbruch oder ein Asteroidentreffer nötig, der die Atmosphäre mit Staub verhüllen und die Sonneneinstrahlung drastisch verringern würde. Julian Hunt vom Londoner University College äußerte sich ähnlich: Im Sommer könne die Eisschmelze in der Arktis den Golfstrom lediglich schwächen, und niemand glaube, dass die Arktis im Winter ihr Eis verlieren könnte.

Drohende Eiszeit: Europa wäre vom Versiegen des Golfstroms am stärksten betroffen
DER SPIEGEL

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Emmerichs Team hat offen eingeräumt, die Klima-Effekte aus dramaturgischen Gründen zeitlich komprimiert zu haben - was manche Wissenschaftler unter dem Motto "Besser so als gar nicht" verbuchen und sich über die Publicity für ihre Sache freuen. "Der Film presst ein Szenario, das, falls es denn einträte, Jahrzehnte oder ein Jahrhundert brauchen würde", sagte Sir David King, höchster wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung, gegenüber der BBC. "Aber der Film bringt die grundlegende Botschaft in wenigen Sätzen rüber."

XXL-Kühlschrank und 400-PS-BMW

Andere Forscher nörgeln dagegen über die Trivialisierung des Themas. "Diese Handlung hat nichts mit unseren Annahmen über den Klimawandel zu tun", sagte Mike Hume vom britischen Tyndall Centre for Climate Change Research. "Gute Wissenschaft, ein guter Film und gute Politik kommen eben selten zusammen."

Katastrophenszenario: Wirbelstürme über Hollywood
AP/ 20th Century Fox

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Regisseur Emmerich hat derweil sein Öko-Gewissen erleichtert. In einem Interview mit dem Männermagazin "FHM" erklärte er, für "The Day After Tomorrow" freiwillig eine Umweltabgabe gezahlt zu haben. Auf gewisse, sehr amerikanische Annehmlichkeiten will natürlich auch er nicht verzichten: Er besitze einen ziemlich großen Kühlschrank mit Eismaschine und einen 400 PS starken BMW Z8 - weil ihn dessen Form fasziniert habe.

Allerdings ließ sich Emmerich auf einen Handel ein: "Es gibt eine Firma, die heißt Future Forest, da kann man sein Leben CO2-neutral machen." Das Unternehmen rechnete aus, wie viel man als Privatperson an Schadstoffen produziere. Man könne dann einen bestimmten Betrag für Windkraftwerke, Wiederaufforstung und Ähnliches zahlen. "Dafür bist du CO2-neutral", sagte Emmerich. Das sei auch mit "The Day After Tomorrow", der am 27. Mai in die deutschen Kinos kommt, geschehen - für 150.000 Dollar aus des Regisseurs Privatschatulle.



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