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Knochensplitter

Balzende Dinosaurier Tanze, T. Rex, tanze!

Theropoden beim Balztanz: Welche Spezies genau da balzte, lässt sich anhand von Fußspuren allein nicht sagen. Sicher ist nur, dass es sehr große waren Zur Großansicht
Xing Lida/ Yujiang Han

Theropoden beim Balztanz: Welche Spezies genau da balzte, lässt sich anhand von Fußspuren allein nicht sagen. Sicher ist nur, dass es sehr große waren

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Vögel sind Nachfahren von Raubsauriern - es gibt viele Ähnlichkeiten. Doch führten die Riesenechsen einst auch Balztänze auf? Die Antwort darauf wollen Forscher nun in kreidezeitlichen Spuren gefunden haben.

Das balzende Männchen wirft sich mächtig in die Brust, plustert sich auf und brummt, gurrt und stößt laute Töne aus. Dazu tanzt es in einer rituellen Abfolge von Schritten, stakst und scharrt, springt, biegt den Körper in einer Verbeugung vor dem Weibchen, um sich gleich wieder in all seiner Pracht aufzubauen.

So sieht das aus, wenn Vogelmännchen balzen. Manche Arten setzen eher auf Stimme, andere eher auf ihr Schau-Gefieder oder ihre Beine. Das aufwendig-rituelle Brautwerben ist typisch für Vögel.

Was aber wäre, wenn der liebestolle Hahn fünf Meter hoch und zwölf Meter lang wäre und fast sieben Tonnen wöge? Pack ein, Auerhahn, gib es auf, Mandschurenkranich: Dieses Spektakel kannst du nicht toppen! Wenn der T. Rex tanzt, bebt die Erde. Und solche Balztänze hat es einst wohl tatsächlich unter Sauriern gegeben, wie nun Forscher im Fachblatt "Scientific Reports" berichten.

Vögel sind Nachfahren der Theoropoden, der Raubsaurier. Viele Wissenschaftler sehen sie sogar als letzte Überlebende der Dinosaurier. Da liegt der Gedanke nahe, dass auch ihr Verhalten dem der Vögel ähnelte. Schließlich zeigen die meisten Tiere Formen von Balzverhalten, und auch Dinosaurier waren wohl bestens dafür gerüstet: Viele hatten möglicherweise farbige Federn, darunter auch große Theropoden.

Zahlreiche Arten trugen Kämme auf dem Kopf, hatten Kehlsäcke, bestens durchblutete Nackenschilde oder Knochenplatten auf dem Rücken. Welchem anderen Zweck hätte all das dienen sollen, wenn nicht der Kommunikation - und welche Botschaft hätte wichtiger sein können, als die der Balz? Solcher Körper-Zierrat sagt überall im Tierreich: Hier bin ich in all meiner Kraft! Nimm mich und nicht den anderen!

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Knochensplitter: Die Wunderwelt der Saurier
Wie aber weist man so etwas nach, wenn das betreffende Tier vor 66 Millionen Jahren ausgestorben ist? Knochen versteinern, Verhalten nicht - oder etwa doch?

Palichnologen: Die Trapper unter den Paläontologen

Auch das Verhalten von Dinosaurier hat fossile Spuren hinterlassen. Aus manchen davon kann man verblüffend viele Rückschlüsse auf das einst lebende Tier ziehen. Palichnologie nennt sich diese Spurenkunde.

Die Fossilien enthalten Informationen darüber, wie sich Tiere bewegten, wie sie schliefen, wie und was sie jagten und fraßen, wie und mit welchen Gegnern sie kämpften. Sie zeigen, ob und wie sie Fallen bauten, wie sie nisteten und ihre Brut pflegten - und ja, auch was und wie viel sie ausschieden. Diese Fährtensuche mit Millionen Jahren Abstand mag die am wenigsten glamouröse Nische der Paläontologie sein. Doch sie liefert mitunter die interessantesten Geschichten.

Ken Cart (links) und Martin Lockley vor kreidezeitlichen Dinosaurier-Spuren: Die fächerförmig gekratzten Mulden sind die ersten physischen Hinweise darauf, dass Raubsaurier wie Vögel balzten Zur Großansicht
M. Lockley

Ken Cart (links) und Martin Lockley vor kreidezeitlichen Dinosaurier-Spuren: Die fächerförmig gekratzten Mulden sind die ersten physischen Hinweise darauf, dass Raubsaurier wie Vögel balzten

So wie die, die nun ein internationales Team um Martin G. Lockley, einem der führenden Palichnologen der Welt, im "Nature"-Ableger "Scientific Reports" veröffentlicht hat. Das Team untersuchte vier verschiedene über den US-Bundesstaat Colorado verteilte Spurenfossil-Fundorte mit bisher unbemerkten, aber frappierenden Ähnlichkeiten.

An allen Fundstätten fanden sich zahlreiche Fußabdrücke von Raubsauriern, die sich innerhalb eines begrenzten, aber bis zu 750 Quadratmeter umfassenden Areals bewegt hatten. Besonders bemerkenswert waren die Mulden, die die Saurier in den weichen Boden kratzten: Bis zu 2,5 Meter durchmaßen diese mal fächerartigen, mal ovalen Spuren.

Am größten Fundort fanden die Forscher über 60 dieser seltsamen Strukturen. Die Größe der Fußabdrücke (über 40 Zentimeter) passt zu einem der wirklich großen Raubsaurier.

Theropoden-Balz: Eine Art kratzender Stepptanz

Für Lockley und seine Kollegen ist die Deutung der Spuren klar. Auch viele Vögel führen ihre Balz auf einer örtlich begrenzten "Bühne" auf. Sie zeigen dort Bewegungen, mit denen sie nicht nur ihre Kraft und Gesundheit demonstrieren, sondern mitunter auch bestimmte Fertigkeiten - Nestbau zum Beispiel. Typisch ist das für manche Boden-nistende Vögel: Der neuseeländische Kakapo beispielsweise scharrt sich ganz ähnliche Schein-Nester zurecht, in denen er dann sitzt und beharrlich balzt.

Gefiederter Räuber: Der 2012 entdeckte Yutyrannus war der erste Vertreter der Tyrannosauridae, bei dem der Nachweis gelang, dass auch erwachsene Tiere Federn trugen. Das, glauben immer mehr Paläontologen, galt für sehr viele Theropoden Zur Großansicht
Brian Choo

Gefiederter Räuber: Der 2012 entdeckte Yutyrannus war der erste Vertreter der Tyrannosauridae, bei dem der Nachweis gelang, dass auch erwachsene Tiere Federn trugen. Das, glauben immer mehr Paläontologen, galt für sehr viele Theropoden

Lockley glaubt, mit den Scharrspuren eine völlig neue Art Spurenfossil gefunden zu haben. "Tenichnus bilobatus" heißt das nun auf Wissenschafts-Latein - was man frei mit "zweifache Schau-Spur" übersetzen könnte.

Und so deuten die Forscher die seltsamen Doppelspuren: Wahrscheinlich in unmittelbarer Nähe eines Nistgebiets warben die Raubsaurier-"Hähne" um ihre Weibchen, indem sie einen Balztanz aufführten, der neben Schrittfolgen innerhalb eines begrenzten Gebietes auch demonstratives, aber symbolisches Nestbauen umfasste.

6 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Augustusrex 07.01.2016
cindy2009 07.01.2016
h.weidmann 07.01.2016
h.weidmann 07.01.2016
rbwntr 08.01.2016
Koda 11.01.2016

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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wachhält.
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