Tiefsee-Bohrprogramm: USA verlassen legendäres Forschungsprojekt
Das internationale Tiefsee-Bohrprogamm IODP ermöglichte Revolutionen in der Geologie, etwa die Theorie der Plattentektonik. Jetzt steht das erfolgreiche Projekt vor einem radikalen Einschnitt: Die USA ziehen sich zurück. Mit welchem Schiff sollen europäische Forscher nun fahren?
Hamburg - Die USA ziehen sich aus dem Internationalen Tiefseebohrprogramm IODP zurück, einem der erfolgreichsten internationalen Wissenschaftsprojekte. Das gab die National Science Foundation (NSF), die staatliche Forschungsförderungsbehörde der USA, jetzt bekannt. Die 2013 auslaufenden Verträge sollen nicht verlängert werden. Damit scheint klar, dass das IODP (Integrated Ocean Drilling Program) in seiner bewährten Form nicht weiterlaufen kann; die USA waren mit Japan der mit Abstand wichtigste Beitragszahler.
Das Internationale Tiefseebohrprogramm startete 1961 unter dem Namen "Project Mohole". Seither wurden viele Tausend Löcher in die Ozeanböden gebohrt, um Stangen mit Schlamm oder Gestein herauszuschälen. Der Aufwand war immens: Schon um eine 200 Meter lange Stange an Deck zu bekommen, müssen 52 Bohrtechniker und Seeleute mitwirken. Pro Bohrloch werden normalerweise Dutzende dieser Kaliber geborgen, aus mehreren Kilometern Tiefe.
Die Stangen mit Tiefseeboden, im Durchmesser etwa 20 Zentimeter dick, haben die Erkenntnisse über die Erde revolutioniert. Bereits im November 1968 konnte auf einer Expedition des Forschungsschiffs "Glomar Challenger" die 1912 aufgestellte Theorie von den beweglichen Erdplatten, die Plattentektonik, bestätigt werden. Es zeigte sich, dass das Modell der Erdplattenverschiebung so unterschiedliche Dinge erklärt wie Erdbeben, Vulkanismus, die Entstehung und Verbreitung von Rohstoffen und die Entwicklung der Erdgeschichte. Die Geologie erlebte eine Revolution, wie sie die Biologie im 19. Jahrhundert durch Charles Darwin erfuhr. Auch die Klimageschichte wurde wesentlich mit Analysen von erbohrtem Tiefseeschlamm rekonstruiert.
Vor allem vom US-amerikanischen Schiff "Joides Resolution" aus wurde gebohrt. Doch ab Herbst 2013 werde die "Joides", wie sie in Forscherkreisen durchaus liebevoll genannt wird, dem IODP nicht mehr zur Verfügung stehen, erklärte die NSF. Die Betriebskosten seien dramatisch gestiegen - der Zuschuss aus dem Forschungsetat hingegen nicht. Künftig werde das Schiff nur unabhängig vom IODP im Auftrag US-amerikanischer Projekte Tiefseebohrungen vornehmen. Ausländische Wissenschaftler seien gleichwohl weiterhin willkommen, an Bord mitzuwirken - allerdings wohl in eingeschränktem Maße.
Das IODP hängt nun wesentlich vom japanischen Bohrschiff "Chikyu" ab, das 2007 in Dienst gestellt wurde. Mit dem Großschiff sind Bohrungen in Erdbebenzonen und in den Erdmantel möglich. Die Plätze für ausländische Forscher sind jedoch knapp. Die Europäer mieten zuweilen eigene Schiffe für IODP-Missionen. Die jahrelange Planung für ein eigenes Bohrschiff hingegen ist ins Stocken geraten.
boj
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