Tiefsee Fischboom in 4000 Metern Tiefe

Veränderungen an der Oberfläche, wie die Klimaphänomene El Niño und La Niña, beeinflussen auch das Leben in der Tiefsee. Trotz Überfischung an der Oberfläche boomt das Leben dort unten.


In Tiefen von über 1000 Metern und mehr herrschen Finsternis, hoher Druck und Eiseskälte. Wegen der erheblich erschwerten Forschungsbedingungen ist bisher nur sehr wenig bekannt über den mit Abstand größten Lebensraum des Planeten. "Mit unseren Methoden hätten wir an Land nicht mal die Elefanten entdeckt", beschreibt Tiefseeforschungspionier J. Frederick Grassle die Probleme.

Ein amerikanisches Forscherteam um David Bailey von der University of Aberdeen hat jetzt mit einer neuen Studie die Zusammenhänge in der Welt des ewigen Dunkels etwas mehr erhellt.

Die Wissenschaftler untersuchten die Entwicklung von Fisch- und Meerestierpopulationen in der Tiefsee des Nordostpazifiks. Dabei zeigte sich ein überraschendes Ergebnis: Die Fischpopulationen in fast 4000 Metern Tiefe haben sich innerhalb von 15 Jahren teilweise verdreifacht. Zurückzuführen sei dieser ungewöhnlich starke Zuwachs auf das ebenfalls angestiegene Angebot an Futtertieren wie zum Beispiel Krebsen und Seegurken, schreiben Bailey und Kollegen im Fachmagazin "Ecology".

Die Studie sei ein einzigartiger Einblick in die vom Menschen ungestörte Entwicklung von Fischpopulationen. "Bisher untersuchte Populationen wurden in ihrer Schwarmgröße, den Körperabmessungen und der Altersstruktur durch die Fischerei stark beeinflusst – unsere Studie zeigt wahrscheinlich zum ersten Mal wie Fischgemeinschaften funktionieren, wenn sie nicht vom Menschen beeinflusst werden", sagt Bailey.

Die neuen Ergebnisse bestätigen vorangegangene Forschungsarbeiten seiner Kollegen Henry Ruhl und Ken Smith vom Scripps Institut of Oceanography in San Diego. Die beiden vermuteten, dass signifikante Veränderungen in der Tiefsee durch die Klimaphänomene El Niño und La Niña ausgelöst werden. Erhöhte Wassertemperaturen der Meere veränderten Strömungen und brächten deutlich mehr Nährstoffe in oberflächennahe Gewässer. Meerestiere, die diese Zone bewohnen, könnten dann zwar schnell von dem Überangebot an Nahrung profitieren - am Meeresboden wirke sich die zusätzliche Verpflegung aber erst Monate bis Jahre später aus, erklären Ruhl und Smith.

Population wird über die Speisekarte reguliert

Besonders der Grenadier, ein Tiefseefisch der mit dem Dorsch verwandt ist, hat die Auswirkungen der Naturerscheinungen offenbar genossen. Der wegen seines Aal-artigen Aussehens auch "Rat-tail" genannte Tiefseebewohner kommt in dem untersuchten Gebiet dreimal so häufig vor wie 1989, zu Beginn der Studie. Auch andere Populationen hätten sich deutlich vermehrt, sagen die Forscher.

Grenadiere ernähren sich hauptsächlich von Fischkadavern, Krustentieren und Würmern. Auch die in großen Teppichen am Grund des Nordostpazifiks beobachteten Seegurken, Seeigel und Schlangenseesterne scheinen auf der Speisekarte des Dorsch-Verwandten zu stehen: Große Zuwächse bei diesen Meeresbewohnern hatten eine leicht zeitverzögerte Zunahme der Grenadiere zur Folge.

Das ergaben die regelmäßigen Expeditionen mit Forschungsschiffen von Südkalifornien aus. Die Methode der Meeresbiologen mutet dabei recht grobschlächtig an: Ein metallener Schlitten wird an langem Seil über den Tiefseeboden gezogen. Was er löst oder aufwirbelt, verfängt sich in einem Netz - und wird zur Analyse an Bord gehievt.

Würde man eine solche Vorrichtung durch die afrikanische Savanne ziehen, man finge ganz sicher kein Großwild auf diese Art ein. Folglich konnte die Fische in den Abyssalen auch nur mit Hilfe eines Kamera-tragenden Tauchroboters aufgespürt werden.

Am Grund des Meeres wird die Größe von Fischpopulationen offenbar ganz anders reguliert als nahe der Oberfläche. Dort gilt die Regel, dass die Menge der Beutefische durch die Anzahl der Räuber bestimmt wird. Die beiden Größen hängen voneinander ab, es spielt sich ein Gleichgewicht ein. "Top-Down-Control" nennen die Fachleute das. 

Im Dunkel der Tiefe jedoch hängt das tierische Leben unmittelbar von den Nährstoffen ab, die aus lichteren Schichten herabsinken. Je mehr Nahrung verfügbar wird, desto größer werden alle Fischgemeinschaften. Meeresbiologe Bailey sagt: "Wir haben in unserer Studie gezeigt, dass es in der Tiefsee genau umgekehrt ist. Fische reagieren auf die Veränderungen ihrer Umgebung" - eben nicht wie nahe der Oberfläche.

Die Forscher folgern: Vergleiche man die Ergebnisse ihrer Arbeit mit der Entwicklung von Fischbeständen im Flachwasser, sei anzunehmen, dass sich Fischgemeinschaften der Tiefsee anders verhielten als ihre Verwandten aus dem offenen Meer.

Der Effekt des Unterschiedes auf die Dynamik von Fischpopulationen sei bisher noch unbekannt. Man wolle diese Frage nun mit Hilfe von mathematischen Modellen beantworten, erklärt Bailey.

Denis Dilba



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