Neuentdeckung Dendrogramma Rätselwesen aus der Tiefsee

Jahrelang schlummerten zwei Miniwesen in Alkohol, nachdem Forscher sie aus der Tiefsee holten. Jetzt steht fest: Es sind zwei bisher nicht bekannte Arten, die möglicherweise sogar zu einem neuen Stamm des Tierreichs gehören.

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Joergen Olesen/ plosone.org

Sie sehen ein bisschen aus wie Pilze, mit ihrem Stiel und dem lamellenbesetzten Schirmchen darüber. Aber es sind Tiere - zumindest das steht fest. Aber was für welche? Forscher fanden die seltsam anmutenden Organismen in Proben aus der Tiefsee vor Australien und rätselten um ihre Zugehörigkeit zu den bekannten Tierarten. Nun steht für Jean Just und seine Kollegen von der University of Copenhagen fest: Die nur wenige Millimeter großen Tiere sind zwei bisher nicht bekannte Arten, die möglicherweise sogar einem neuen Stamm des Tierreichs angehören. Dendrogramma tauften die Forscher die Tiere und beschreiben sie im Fachjournal "Plos One".

Dendrogramma enigmatica und Dendrogramma discoides sind Tiefseebewohner - Forscher klaubten sie 1986 mit einem Epibenthosschlitten aus einer Tiefe von 400 und tausend Metern Tiefe vor Australien. Diese Drahtkäfige werden von einem Schiff an einem langen Seil über den Meeresboden gezogen und mähen zusammen mit der obersten Schicht des Bodens alles ab, was darauf lebt, kriecht und krabbelt. Nach und nach sortieren und bestimmen die Wissenschaftler, was sich in den Proben befindet. Eine Fleißarbeit. Die Forscher untersuchen die gefunden Organismen und ordnen sie bekannten Tierstämmen, -familien und -gattungen zu. Zumindest, wenn die Tiere die dafür nötigen Merkmale besitzen.

Wenn nicht, wird es spannend. Unbekannte Lebewesen zu entdecken, gehört zum Traum jedes Biologen. "Die neuen Tiere sind in der Tat außergewöhnlich", sagt Dorte Janussen vom Senckenberg Forschungsinstitut. Sie findet die Einordnung der Funde in eine neue Tiergattung und -familie nachvollziehbar, bei der Einordnung in einen neuen Stamm wäre sie jedoch - wie auch die Autoren - vorsichtig.

Zu viel Alkohol

Denn ganz frisch sind die Tiere leider nicht mehr. Sie schwammen 28 Jahre in Alkohol, so wurden sie konserviert. Eine lange Zeit für die Lebewesen - wenn auch nicht für Taxonomen, jene Forscher, die die Organismen bestimmen. Im Schnitt vergehen 21 Jahre vom Fund eines Tieres bis zur wissenschaftlichen Bestimmung seiner Art.

Die Konservierung macht jedoch die Bestimmung zur Herausforderung. "Aufgrund seiner Formolfixierung eignet sich Dendrogramma leider nicht für molekularbiologische Untersuchungen, die seine Abstammung besser klären könnte", erklärt Janussen.

Dendrogramma teile eine Reihe von Merkmalen ihres Körperbaus mit den Stämmen der Rippenquallen (Ctenophora) und Korallentiere (Cnidaria), schreiben die Autoren. "Trotzdem lassen sie sich bisher nicht eindeutig einem der beiden Tierstämme zuordnen." Der Grund: Die Forscher fanden bei den Tieren weder Nesselzellen noch Tentakeln - dann könnte man sie den Cnidariern zuordnen. Auch das typische Sinnesorgan der Ctenophora, das Apikalorgan, konnten sie nicht ausmachen.

Im Gegensatz zu Just und seinen Kollegen könnte sich Meeresbiologin Janussen eine Zuordnung zum Stamm der Cnidaria aber durchaus vorstellen: "Dendrogramma besitzt fast alle wichtigsten Charakteristika der Cnidaria - außer eben den Nesselzellen", sagt sie. Diese könnten jedoch auch in der Entwicklung nachträglich zurückgebildet sein. "Zuallererst müsste mehr und besser fixiertes Material her", sagt sie.

Lebende Nachkommen ausgestorbener Rätselwesen

Auch eine Verbindung zu den rätselhaften Ediacara-Fossilien halten Just und seine Kollegen für möglich. Die Ediacara-Lebewesen lebten vor etwa 600 Millionen Jahren und gelten als erste größere Lebewesen der Erde überhaupt. Auch ihre Gestalt war eigenartig: Manche sahen aus wie Federn, andere wie Palmwedel oder Knöpfe. Forscher diskutieren, was diese Ediacara-Fossilien gewesen sein könnten, die nach ihrem Fundort, einer australischen Hügelkette, benannt sind. Sicher scheint eigentlich nur, dass es sich um Meereslebewesen handelt.

Janussen ist vorsichtig: "Die Ähnlichkeit mit Ediacara-Fossilien ist zwar vorhanden, aber nicht aussagekräftig", sagt die Meeresbiologin. "Schon die Zuordnung dieser Fossilien ist umstritten." Ob es sich also bei Dendrogramma um noch lebende Vertreter dieser rätselhaften Wesen oder auch um einen neuen Tierstamm handelt, wird vorerst vor allem eins bleiben: ein Rätsel.

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insgesamt 6 Beiträge
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inverts 04.09.2014
1. Juvenil? Teil?
Ich sehe keine Geschlechtszellen, also ist das Ding eventuell eine Juvenil- oder Lavalform. Erinnert auch etwas an micro-Renilla. Aber auch an polyclade Turbellaria, welche oft ausstrackbaren Proboscis besitzen. Des weiteren könnte es auch nur ein Teil eines Tieres sein, z.B. Cerata von Opisthobranchiern, die bekannertermassen autotomisiert werden können und oft verzweigte Äste der Mitteldarmdrüse enthalten. Interessant/Cool alle Mal.
Crossi71 04.09.2014
2. Nur keine Hektik
"Im Schnitt vergehen 21 Jahre vom Fund eines Tieres bis zur wissenschaftlichen Bestimmung seiner Art. " Vermutlich sind die Tiere bis dahin ausgestorben.
Sique 04.09.2014
3. Solange man nichts weiß, kann man schön darauf losraten.
Ein bisschen erinnern mich diese Lebewesen an die Gabonionta. Nur sind diese höchstwahrscheinlich schon vor 2,1 Mrd Jahren ausgestorben. Es wäre höchst unwahrscheinlich, dass es noch rezente Nachkommen gibt.
der_rookie 04.09.2014
4. Hm
Und ich dachte die Taxonomie wäre über das Stadium hinweg die Natur nach Äußerlichkeiten einzusortieren. Genetisch lassen sich Verwendschaftsbeziehungen doch viel sauberer feststellen. Ob dann das Vorhandensein von Nesselzellen wirklich relevant ist?
spon-facebook-10000189011 04.09.2014
5.
Frau Janussen wird damit zitiert, dass molekularbiologische Vergleiche wegen der "Formolfixierung" [jedenfalls bisher nicht adäquat] möglich seien. Die Autorin des SPON-Artikels schreibt jedoch etwas vom Schwimmen im Alkohol seit 28 Jahren. Das ist der entscheidende Unterschied. Den Originalartikel in Plos One habe ich nicht gelesen, es lässt sich jedoch folgern, dass diese Tierchen mit Formaldehyd fixiert wurden und das verändert u.a. Proteine und auch Kernsäuren (DNA und RNA) chemisch. Daher ist das Probenmaterial für DNA-Sequenzvergleiche ungeeignet. Die Autorin schreibt des SPON-Artikels schreibt nur von einem ALKOHOL, Frau Janussen betont jedoch die Problematik des ALDEHYDS.
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