Nordatlantik: Lebende Fossilien bevölkern Tiefsee
Die Tiefsee birgt unzählige geheimnisvolle Tierarten - viele haben sich offenbar seit Millionen von Jahren kaum verändert. Forscher haben in Sedimenten vom Boden des Atlantiks verblüffende lebende Fossilien entdeckt.
Berlin - Erschreckend wenig ist es, was die Menschheit über die Tiefsee weiß. Weniger sogar, so heißt es jedenfalls gemeinhin, als über die Oberfläche des Mondes. Forscher aus Deutschland, Österreich, Schweden und Großbritannien haben nun immerhin zeigen können, dass die Ökosysteme in der ewigen Finsternis am Ozeangrund erstaunlich stabil sind.
Das heißt: Die Bewohner der Tiefsee haben sich in der Vergangenheit nur sehr langsam weiterentwickelt. Arten, die heute dort leben, unterscheiden sich nur wenig von ihren Millionen Jahre alten Vorfahren.
Die Wissenschaftler um Ben Thuy vom Geowissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen berichten im Fachmagazin "PLoS ONE" von Analysen an Material, das vom Meeresboden vor Florida stammt. Vor mehr als zehn Jahren hatte das Forschungsschiff "JOIDES Resolution" dort einen inzwischen beinahe legendären Sedimentkern erbohrt.
Das Expeditionsmaterial mit dem Archivnamen "IODP 1049" ist inzwischen ein akribisch studiertes Archiv der Erdgeschichte. In ihm findet sich beispielsweise eine zentimeterdicke Schicht, die von einem gigantischen Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren kündet. Der dabei aufgewirbelte Staub hat den gängigen Theorien zufolge das Ende der Saurier zumindest mit verursacht.
Paläoklimatologen können mit Hilfe solcher Sedimentkerne, die - etwa im Rahmen des Integrated Ocean Drilling Program - in den vergangenen Jahren rund um die Erde gesammelt wurden, das Klima der Vergangenheit rekonstruieren. Dafür suchen sie im Schlick der Sedimente beispielsweise nach den Kalkgehäusen winziger Einzeller. Interessant sind die sogenannten Foraminiferen, die sehr sensibel auf Änderungen in ihrem Lebensraum reagierten - und damit ein perfekter Indikator für Veränderungen sind.
Thuy und seine Kollegen fahndeten nun allerdings nach Skelettresten anderer Meeresbewohner - und zwar größerer. Für ihre Analysen suchten sie in den ältesten Bereichen des Sedimentkerns. Dort findet sich Material, das vor 114 Millionen Jahren, also in der frühen Kreidezeit, am Meeresgrund abgelagert wurde. "Ab und zu findet man Überbleibsel von größeren Tieren: Muschelreste oder Fragmente von Stachelhäutern zum Beispiel", erklärt Thuy. Zu den Stachelhäutern gehören Seeigel, Seesterne und Schlangensterne.
Die Ausbeute war beeindruckend: Insgesamt 7000 solcher Skelettteile fanden die Forscher. Sie schwärmen daher von einem "einmaligen und bisher völlig unbeachteten Fenster in die Geschichte der Tiefsee". Denn aus ihrer Sicht hat sich bisher niemand ernsthaft mit der Suche nach ähnlichen Bruchstücken befasst.
"Das hat die Tiefsee nicht besonders gestört"
Freilich, längst nicht alle der bestenfalls wenige Millimeter großen Bruchstücke ließen sich einer bestimmten Tierart zuordnen. Trotzdem lohnte sich die Suche offenbar: Allein für rund 980 der winzigen Puzzlestücke vermelden die Wissenschaftler Entsprechungen in der Tierklasse der Schlangensterne.
Und diese Meeresbewohner gibt es noch heute in der Tiefsee, sogar ausgesprochen häufig. Was die Forscher besonders verblüffte: Zwischen den Fossilien und den noch lebenden Arten waren kaum Unterschiede feststellbar. "In fast allen Fällen kann man sagen, dass sich fast nichts geändert hat", sagt Forscher Ben Thuy.
Die Funde bedeuten nach Ansicht der Forscher zum einen, dass es schon früher als bisher vermutet Ökosysteme in der Tiefsee gab - und zum anderen, dass sich die aktuellen Bewohner dort kaum von Fossilien unterscheiden. Das könnte darauf hindeuten, dass der Grund der Ozeane ein - sogar von globalen Katastrophen - weitestgehend ungestörter Rückzugsort des Lebens ist. Oder es zumindest war.
Das große Artensterben am Ende der Kreidezeit, als etwa die Hälfte aller Arten von der Erde verschwand? "Das hat die Tiefsee nicht besonders gestört", sagt Forscher Thuy. Während es an Land und in flacheren Meeresgebieten große Umwälzungen gab, ging fernab des Trubels alles seinen geregelten Gang. Zumindest im Nordatlantik, von wo die nun untersuchte Sedimentprobe stammt, war das wohl so.
Heute mögen die Dinge ohnehin anders liegen. "Was der Mensch gerade veranstaltet - selektives Wegfischen bestimmter Arten oder die Verschmutzung mit Öl zum Beispiel -, so etwas gab es noch nie", sagt Ben Thuy. Man könne wegen ihrer Geschichte zwar die Hoffnung haben, dass die Tiefsee robuster sei als bisher angenommen. Doch wissen könne man das nicht.
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