Tiefsee-Mysterium Steinplatte von der Größe des Mittelmeers entdeckt

Eine dicke Schlammschicht bedeckt überall auf der Welt den Meeresboden - glaubten Kartografen bisher. Jetzt aber ist ein Forschungsschiff mitten im Pazifik auf eine blanke Platte von der Größe des Mittelmeers gestoßen. Sie beweist: Die Karten der Tiefsee müssen in weiten Teilen neu gezeichnet werden.

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Es schien eine ganz normale Expedition zu werden. Das US-Forschungsschiff "Melville" kreuzte Anfang des Jahres 4000 Kilometer östlich von Neuseeland im Pazifik. Die Wissenschaftler wollten Bohrungen in den schlammigen Meeresboden stoßen, um Daten über das Klima der Vergangenheit zu gewinnen. Doch zum Erstaunen der Forscher scheiterte die Routine-Arbeit, denn am Grund lag kein Schlick. Eine einmalige Entdeckung. Statt des gewohnten Sandbodens tritt im Südpazifik das nackte Gestein der Erdplatte hervor - in einem Gebiet von der Fläche des Mittelmeers. Die Sensation offenbart, dass viele Karten der Tiefsee weitgehend erraten und fehlerhaft sind.

Tiefsee-Gebiet ohne Sedimentbedeckung ("Bare Zone") im südwestlichen Pazifikbecken: Nackte Platte von der Fläche des Mittelmeers
David K. Rea / University of Michigan

Tiefsee-Gebiet ohne Sedimentbedeckung ("Bare Zone") im südwestlichen Pazifikbecken: Nackte Platte von der Fläche des Mittelmeers

Nach gängiger Lehre sollte im irdischen Kreislauf alles mit allem zusammenhängen: Winde und Meeresströmungen - so schien es - versorgen auch den entlegensten Winkel des Planeten mit Staub. Tatsächlich bedeckt normalerweise eine Hunderte Meter dicke Schlammschicht das Gestein des Meeresbodens. Auch in der betreffenden Pazifikgegend verzeichnen Seekarten einen entsprechenden Untergrund. Doch sie und sämtliche ozeanografischen Lehrbücher sind falsch, erkannten die Wissenschaftler um David Rea von der University of Michigan und Mitchell Lyle von der Boise State University in den USA bei ihren Arbeiten an Bord der "Melville".

Das Unwissen über die Tiefsee kann gefährlich sein, wie die Besatzung eines U-Bootes erst vor zwei Jahren erfahren musste. Das Gefährt der US-Marine rammte im Westpazifik einen Unterseeberg, der auf keiner Karte verzeichnet war. Nun sorgt die Entdeckung der sedimentfreien Region für noch größere Aufregung unter Experten. Während Landkarten keine weißen Flecken mehr zeigen, ist der Tiefseeboden, der die Hälfte der Erde bedeckt, noch weitgehend unbekannt. Jederzeit sind weitere Überraschungen möglich.

Vielerorts Hunderte Meter dicke Schlickschicht

Dabei repräsentiert jenes nun erstmals vermessene Areal im Südpazifik den häufigsten Landschaftstyp der Erde: Die lichtlosen Weiten in 4000 und 5000 Metern Tiefe bilden einen Großteil der Erdoberfläche. Normalerweise sammelt sich in diesen Tiefen roter Schlick an - sogenannter Tiefseeton. Dabei handelt es sich um feine Staubpartikel, die sauerstoffreiches Tiefenwasser rot gefärbt hat. Zwar dauert es Jahrtausende, bis die von Flüssen und Wind ins Meer verfrachteten Partikel auf den Grund gesunken sind: Die Schicht am Boden wächst in 500 Jahren nur um einen Millimeter. Doch während der Jahrmillionen haben sich vielerorts Hunderte Meter dicke Schlickschichten in der Tiefsee angesammelt.

Auch andere Ablagerungen finden sich am Meeresboden. In manchen Gebieten dominieren helle Kalk- und Kieselsäure-Sedimente, Abermillionen winziger Schalen toter Kleinstlebewesen. Zuweilen sammeln sich auch grobe Steinfelder an - die Kiesel sind aus schmelzenden Eisbergen ins Wasser geplumpst. In der Nähe untermeerischer Vulkane wiederum lagern sich schwarze Metalle ab, darunter große Mengen an Gold und Silber. Und in der Nähe der Kontinente türmen sich gewaltige Sandberge, die Flüsse ins Meer gespült haben. Doch mitten im Südpazifik herrscht Leere am Meeresboden - die Forscher an Bord der "Melville" waren perplex.

Hoffnung auf Meteoritenstaub

Warum ist jene große Region vollkommen abgeschnitten vom irdischen Sediment-Kreislauf, fragten sich David Rea und Kollegen. Im Fachblatt "Geology" versuchen die Forscher nun, eine Antwort zu geben. Strömungen sind demnach nicht verantwortlich, sondern andere Ursachen: Ein Grund für die Kargheit am Pazifikboden sei, dass das Wasser an der Oberfläche kaum Nährstoffe enthalte, schreiben die Geologen. Daher lebten dort wenige Mikroorganismen, und es fielen kaum Schalen zu Boden.

Zudem liege der Grund in der Region in einer Tiefe, in der sich Kalkgehäuse ohnehin auflösten: Der Wasserdruck ist dort so hoch, dass sich vermehrt Kohlendioxid löst, was das Wasser sauer macht - Kalk hat darin keinen Bestand. Drittens befinde sich die Region weit ab von Kontinenten und damit außerhalb der Reichweite der meisten Stürme, die Staub ins Meer wehen. Auch gebe es in der Gegend keine vulkanische Aktivität, berichten Rea und Kollegen.

"Faszinierend ist, dass sich in der Region seit 80 Millionen Jahren nichts verändert hat", erklärte Rea im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Damals, im Dinosaurierzeitalter, entstand jener Abschnitt der Pazifischen Erdplatte - und seither liege er blank. Allein die mineralogische Zusammensetzung der Erdplatte könnte sich unter dem Einfluss des Meerwassers gewandelt haben, meint Rea. Möglicherweise gebe es in dieser außergewöhnlichen Umwelt einzigartige Lebensformen, etwa Bakterien, die sonst nirgends vorkämen. Ende des Monats startet eine Expedition in die Region, bei der der Meeresboden genauer erkundet werden soll.

Möglicherweise finden die Forscher dabei doch ein wenig Sediment: Meteoritenstaub. Die kosmische Fracht aus Sternschnuppen, die sich gleichmäßig über die Erde verteilt, lässt sich im Schlick am Meeresgrund normalerweise kaum ausfindig machen. Auf der nackten Platte im Pazifik jedoch könnten sich jene winzigen Partikel angesammelt haben, so dass man sie nur noch zusammenfegen bräuchte.



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