Tiefsee: Forscher verschleppen aus Versehen Meerestiere

Reinigung vergessen: Wissenschaftler haben mit ihrem U-Boot Schnecken von einem Meeresgebiet in ein anderes transportiert. Nun warnen sie ihre Kollegen - damit nicht weitere empfindliche Ökosysteme ausgerechnet durch die Forschung verändert werden.

"Alvin": Das bekannte Forschungs-U-Boot trug Schnecken in fremde Gewässer Zur Großansicht
AP/ WHOI

"Alvin": Das bekannte Forschungs-U-Boot trug Schnecken in fremde Gewässer

Forscher haben mit einem U-Boot 38 Schneckenarten von einem exotischen Tiefseegebiet in ein anderes verschleppt. Das Team um Janet Voight vom Field Museum of Natural History in Chicago war darüber so erschrocken, dass es über ihre mangelnde Reinigung des U-Boots "Alvin" gleich eine ganze Studie verfasst hat, die jetzt im Fachblatt "Conservation Biology" erschienen ist. Sie soll Kollegen vor dem gleichen Fehler warnen - damit die empfindlichen Ökosysteme der Tiefsee nicht ausgerechnet durch die Wissenschaft verändert werden.

Durch den globalen Handel hat der Mensch seit Hunderten von Jahren ungezählte Tier- und Pflanzenarten über die ganze Welt verschleppt. Manche von ihnen vermehren sich am neuen Ort unkontrolliert und gefährden dann Ökosysteme. Fremde Muscheln verstopfen Abwasserrohre, Algen vermehren sich massenhaft, verschleppte Fische fressen anderen die Nahrung weg, und in Australien ist eine zur Insektenvernichtung ausgesetzte Kröte zur Landplage geworden.

"Alvin" ist eines der dienstältesten und erfolgreichsten Forschungs-U-Boote. Voight und ihre Kollegen haben es benutzt, um damit zur 2723 Meter tiefen Gorda Ridge herabzutauchen, einer Erhebung auf dem Meeresboden vor Kalifornien. Dort findet sich ein hydrothermales Feld: Vulkanisch erhitztes Wasser strömt aus dem Boden. Die gelösten Mineralien und chemischen Verbindungen sind die Grundlage eines exotischen Ökosystems, das nicht auf dem Sonnenlicht beruht, sondern in ewiger Dunkelheit und unter hohem Wasserdruck existiert. Hier sammelten die Forscher an Bord von "Alvin" Proben ein.

Unbequeme Sicherheit

Danach transportierte das Mutterschiff die "Alvin" in 30 Stunden 635 Kilometer weit nach Norden, zu einer anderen Probestelle, dem Endeavour Main Field in 2213 Metern Tiefe. Von dort brachte das U-Boot unter anderem 38 Tiefseeschnecken (Lepetodrilus gordensis) mit nach oben - von denen man bislang angenommen hatte, dass es sie nur an der Gorda Ridge gibt. Dann stellte sich heraus, was niemand für möglich gehalten hatte: "Wir entdeckten, dass die Tiere mit dem U-Boot von der Gorda Ridge dorthin transportiert worden sein mussten", erklärte Voight.

Um den Beweis zu führen, verglich das US-Team unter anderem Aussehen und genetische Daten der 38 Schnecken mit solchen, die sicher aus der Gorda Ridge stammten. Dies brachte die unbequeme Erkenntnis: Die Forscher selbst hatten die Tiere verschleppt. Das Team reinige die "Alvin" nach den Einsätzen zwar, sei aber bisher davon ausgegangen, dass der große Unterschied zwischen den Druckverhältnissen in der Tiefsee und an der Meeresoberfläche alle übriggebliebenen Tiere umbringen würde.

Diese Einschätzung mussten die Forscher nun revidieren. "Das hat Bedeutung für die künftige Erforschung dieser hydrothermalen Felder", so Voight, "weil es das menschengemachte Risiko einer Veränderung dieser Ökosysteme zeigt."

nik/dpa

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