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Tiefseemonster: Erstmals lebender Riesenkalmar fotografiert

Seit Jahrhunderten gehören sie zu den Mythen der Tiefsee. Jetzt gelang es Forschern zum ersten Mal, einen lebenden Riesenkalmar zu fotografieren. Das Tier tappte in 900 Meter Tiefe in eine Futterfalle.

In alten Seefahrergeschichten haben Riesenkalmare ihren festen Platz. Sie galten als Schiffe versenkende und Menschen verschlingende Ungeheuer - man nannte sie ehrfurchtsvoll Riesenkraken. Vor 150 Jahren wurden die Tiere erstmals wissenschaftlich beschrieben - lebendig gesehen hat die "Ungeheuer der Tiefsee" aber noch niemand. Alle bisher gefundenen Tiere waren bereits tot. Entsprechend wenig ist über Leben, Ernährung und Fortpflanzung der Kopffüßer bekannt.

Riesentintenfisch unter Wasser: Ging japanischen Forschern in die Falle
AP

Riesentintenfisch unter Wasser: Ging japanischen Forschern in die Falle

Japanische Wissenschaftler haben nun erstmals einen der sagenumwobenen Unterwasserriesen in freier Wildbahn aufgespürt und Hunderte Fotos des lebenden Tieres gemacht. Sie lockten den Kalmar mit einer kameraüberwachten Futterfalle in 900 Meter Tiefe an, die über ein Seil mit Bojen an der Meeresoberfläche verbunden war. Der Riesentintenfisch verhakte sich mit einem Tentakel an der Vorrichtung und die Forscher beobachteten vier Stunden lang seine Fluchtversuche - mehr als 550 Digitalfotos dokumentieren den bislang einzigartigen Vorgang.

Tsunemi Kubodera vom nationalen Wissenschaftsmuseum in Tokio und Kyoichi Mori stellen ihre Beobachtungen in der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift "Proceedings of the Royal Society: Biological Sciences" vor. Kubodera fahndet seit Jahren nach den Tieren. Im Januar 2002 berichtete er erstmals von einem lebendig gefundenen Riesenkalmar. Er trieb an der Wasseroberfläche vor der japanischen Küste und verendete offenbar kurze Zeit später.

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Abgelichtet: Lebender Riesenkalmar

Bisher hatten Wissenschaftler die Unterwasserriesen nur anhand von Überresten und Tentakelteilen studieren können. Insgesamt 200 wissenschaftliche Nachweise sind dokumentiert. Etwa 20 Exemplare fielen den Biologen in so gutem Zustand in die Hände, dass sie präpariert werden konnten. Darunter auch das im Stralsunder Meeresmuseum ausgestellte männliche Tier, das neuseeländischen Fischern August 2003 ins Netz gegangen war.

Der Tintenfisch-Experte Steve O'Shea von der Auckland University of Technology hatte das Tier gemeinsam mit seinem Kollegen Volker Miske von der Universität Greifswald untersucht. Miske präparierte das Weichtier schließlich für das Stralsunder Museum, wo es seit Mitte Januar gezeigt wird.

Bis zu zwölf Meter lang

Riesenkalmare haben acht Arme und zwei überlange Tentakel, die sie im Reißverschlussverfahren zu einem einzigen Greifarm kombinieren können. Sie werden im Schnitt sechs bis zwölf Meter lang.

Von der Tentakelspitze bis zur Schwanzflosse habe das fotografierte Exemplar acht Meter gemessen, schätzen die Wissenschaftler. Allein das Tentakel brachte es auf mindestens fünfeinhalb Meter Länge, ergaben Messungen des abgerissenen Armes, der an der Futterfalle hängen blieb. Die Saugnäpfe waren auch nach der Abtrennung vom Riesenkalmar noch lange aktiv und saugten vom Schiffsdeck bis zum Finger alles an, was man ihnen anbot, berichten die Forscher.

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Kolossale Kopffüßer: Zehnarmige Jäger der Meere

Die Forscher trafen den Riesenkalmar in japanischen Gewässern an. Der Meeresboden fällt in dem betreffenden Gebiet steil ab und ist von tiefen Schluchten durchzogen. Bei der Auswahl des Standortes für den Köder hatten sich die Wissenschaftler von Pottwalen leiten lassen, die dafür bekannt sind, dass sie erfolgreich Riesenkalmare jagen. Die Forscher gehen davon aus, dass der Tintenfisch auf Beutejagd war, als er in 900 Metern Tiefe auf die Futterfalle traf. Er jagt demnach in einer Tiefe, in die kein Sonnenlicht mehr vordringt.

Unbekanntes Sexleben im dunklen Ozean

Die Fotos liefern die ersten Aufnahmen vom Jagdverhalten der Riesenkalmare. Bisher hatten die Forscher angenommen, dass die Riesentintenfische lediglich ihre Tentakel als Köder aushängen und auf Beute warten. Der beobachtete Riesenkalmar zeigte sich jedoch als aktiver Jäger: Er attackierte den Köder von der Seite und umklammerte ihn fest mit seinen Tentakeln, ähnlich wie ein Python sich um seine Beute schlingt.

Über die Fortpflanzung der Tiere können Wissenschaftler bislang nur spekulieren. Der Greifswalder Biologe Miske stellte jüngst die These auf, dass sich männliche Riesenkalmare mit jedem anderen Kalmar paaren - gleich welchen Geschlechts.

Miske und O'Shea hatten bei der Untersuchung des Stralsunder Kalmars Überraschendes entdeckt: Das Männchen trug unter seiner Haut Spermienbehälter, die von einem anderen Exemplar stammen könnten - oder auch von ihm selbst. Miske schloss daraus, dass sich Kalmare möglicherweise bei jedem Treffen mit Artgenossen Spermien injizieren, ohne dabei auf das Geschlecht des Partners zu achten. Ein denkbarer Grund könne das seltene Vorkommen der Tiere sein.

Holger Dambeck

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