Tier-Werkzeuge 4300 Jahre alte Schimpansen-Nussknacker gefunden

Affen in Westafrika benutzen etliche Werkzeuge, um sich zu kratzen, nach Insekten zu angeln oder Nüsse zu knacken. Doch Forscher fragten sich: Ist das vom Menschen abgekupfert? Jetzt fanden Archäologen prähistorische Nussknacker, die von Schimpansen stammen müssen.


Die Abwesenheit von Belegen ist kein Beleg für die Abwesenheit - diese Binsenweisheit unter Archäologen ist nicht auf die Spuren von Menschen beschränkt: Funde geben Forschern Einblicke in die Vergangenheit. Fehlen Funde, heißt das aber nicht, dass damals nichts passiert ist.

Schimpanse: Werkzeugeinsatz unabhängig vom Menschen entwickelt?
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Schimpanse: Werkzeugeinsatz unabhängig vom Menschen entwickelt?

Andererseits bastelt die Archäologie beständig an einem Mosaik aus kleinen Beleg-Stückchen. Nun fanden Wissenschaftler um den Leipziger Schimpansenforscher Christophe Boesch - im ganz wörtlichen Sinne - solche Steinchen aus der Vergangenheit naher Verwandter, der Schimpansen.

Im Regenwald der Republik Elfenbeinküste grub ein Team um Boesch und den kanadischen Regenwaldarchäologen Julio Mercader 4300 Jahre alte Steinwerkzeuge aus - die ihrer Ansicht nach von Schimpansen benutzt worden sein müssen. Im Lebensraum der Tiere im Dschungel des Taï-Nationalparks müssten die Schimpansen die dafür nötige Kulturtechnik über mehr 200 Generationen weitergegeben haben, schreiben die Forscher in einer Online-Vorabveröffentlichung der Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS).

Ohne menschliche Vorbilder Nüsse geknackt

Wissenschaftler hatten bereits im 19. Jahrhundert erstmals Schimpansen im Taï-Nationalpark beobachtet, die Steine als Nussknacker benutzten - eine primitive Form von Werkzeugeinsatz. Nun grub das Team britischer, deutscher, kanadischer und US-amerikanischer Forscher unregelmäßig geformte, hammerähnliche Steine im Regenwald aus. An diesen Steinen identifizierten sie mikroskopisch kleine Nuss-Reste. Dass es sich um Artefakte vom Menschen handeln könnte, schließen die Forscher aus drei Gründen aus:

  • Die gefundene Nuss-Art wird von Schimpansen gegessen, nicht aber vom Menschen.
  • Zudem sind die Steine nach Einschätzung der Wissenschaftler zu groß für den menschlichen Gebrauch.
  • Menschen haben die Taï-Region erst deutlich später besiedelt, als die Stärkereste der Nüsse laut Datierungen alt sind.

Diese Hinweise widersprechen der vorherrschenden These, dass Affen im Gebiet der heutigen Elfenbeinküste ihre ungewöhnliche Nussknacker-Fähigkeit - Nutzung von Steinhämmern zum Aufbrechen von Nussschalen - beim Menschen abgeschaut hatten.

Weitere Untersuchungen hätten zudem ergeben, dass die Steine ihre besondere Form nicht durch natürliche Erosion bekommen haben können. Die Studie werfe "interessante Fragen über unser gemeinsames Erbe mit den Schimpansen auf", erklärte die Anthropologin Alison Brooks von der George Washington University in Washington D.C.. Der Schimpansen-Lebensraum im Taï-Nationalpark gilt als der einzige, der sich zweifelsfrei in prähistorische Zeiten zurückverfolgen lässt.

"Die Material-Kultur der Schimpansen reicht bis weit in die Vorgeschichte zurück, die Erkundung ihrer Wurzeln fängt gerade erst an", schreiben die Autoren in "PNAS". Zwar könnte der Zeitraum von gut 4000 Jahren Laien erstaunlich kurz erscheinen, zumal bei Schimpansen in Westafrika heutzutage rund 30 verschiedene Arten des Werkzeugeinsatzes bekannt sind. Um aber wissenschaftlich zu belegen, dass sich solche entscheidenden Kulturfertigkeiten unabhängig von anderen Primaten - wie dem Menschen - entwickelt haben, sind Mosaiksteinchen wie jenes aus Taï nötig.

stx/AFP/ddp



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