Tierische Zwangsarbeit Ameisen knechten Blattläuse mit Chemie

Ameisen machen sich ihre Haustiere mit der chemischen Keule gefügig: Sie sondern eine Substanz ab, die Blattläuse zu langsameren Bewegungen zwingt und ihnen die Flucht unmöglich macht. Praktisch für die Ameisen, denn sie sind auf die Läuse angewiesen.


Freiwillig für andere arbeiten ist nicht Jedermanns Sache. Arbeitgeber nutzen mehr oder weniger subtile Mittel, um ihre Angestellten bei der Stange zu halten. Lohn oder Gehalt ist das eine, sanfter Druck bis hin zur Entlassungsdrohung das andere.

Ameise bei der Arbeit: Chemischer Trick hindert Läuse an der Flucht
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Ameise bei der Arbeit: Chemischer Trick hindert Läuse an der Flucht

Auch manche Tiere beschäftigen andere Lebewesen für ihre Zwecke. Mangels Geld müssen sie jedoch zu besonderen Tricks greifen, damit ihre Sklaven auch das tun, was sie sollen. Ameisen greifen zu einem chemischen Trick, um Läuse in der Nähe ihres Nests zu halten, berichten jetzt britische Wissenschaftler.

Thomas Oliver und seine Kollegen vom Imperial College London in Ascot hatten in Laborexperimenten untersucht, wie es Schwarzen Gartenameisen (Lasius niger) gelingt, stets Blattläuse - in diesem Fall Schwarze Bohnenläuse (Aphis fabae) - um sich zu haben. Denn die scheiden Honigtau aus, den die Ameisen benötigen.

Bereits seit 1960 ist bekannt, dass Blattläuse in der Gegenwart von Ameisen seltsam unbeweglich sind - ein Phänomen, das jedoch seitdem unverstanden blieb. Um die Ursache genauer zu untersuchen, nahmen Oliver und seine Kollegen nun Schwarze Bohnenläuse unter verschiedenen Bedingungen mit einer Videokamera auf.

Läuse im Zeitlupentempo

Die Läuse wurden jeweils auf ein Stückchen Filterpapier gesetzt. Das war entweder unbehandelt, oder es waren zuvor Ameisen darüber gelaufen und hatten dabei einen chemischen Stoff abgesondert. In einem dritten Ansatz wurden Blattläuse und Ameisen gemeinsam auf das Filterpapier gesetzt.

Außerdem setzten die Forscher die Blattläuse auf ein abgestorbenes Blatt. Solche Unterlagen verlassen die Tiere normalerweise möglichst schnell, da sie sich nicht als Futterquelle eignen. Mit diesem Versuch wollten die Forscher testen, ob sich die Geschwindigkeit, mit der die Blattläuse zum Blattrand laufen, in der Anwesenheit von Ameisen verändert.

Die Auswertungen ergaben, dass sich die Blattläuse unter dem Einfluss der von den Ameisen abgesonderten Chemikalie deutlich langsamer bewegten - unabhängig davon, ob sich tatsächlich Ameisen in der Nähe befanden oder nicht. Auch von dem Blatt entfernten sich die Blattläuse langsamer, wenn Ameisen in der Nähe waren, berichten die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" (Online-Vorabveröffentlichung). Mithilfe der Chemikalie scheinen die Ameisen die Blattlauskolonien besser kontrollieren zu können, vermuten Oliver und seine Kollegen.

Aus früheren Versuchen ist bekannt, dass Ameisen etwa den Läusen die Flügel abbeißen oder das Flügelwachstum durch bestimmte Stoffe hemmen, um die Kolonien in der Nähe ihres Nestes zu halten. Die Blattläuse profitieren allerdings auch von der Zwangsarbeit: Die Ameisen schützen sie vor Fressfeinden wie Marienkäfern oder Schwebefliegenlarven.

hda/ddp



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