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Tierquälerei oder Segen: Experten streiten über Delfin-Therapie

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Die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation Society kritisiert Delfintherapien für Kinder als wissenschaftlich unseriös und fordert ein Verbot - auch im Interesse der Tiere. Ein Wissenschaftler wirft den Tierschützern wiederum vor, selbst unseriös zu argumentieren.

In den sechziger Jahren fing es mit der Fernsehserie "Flipper" an - und bis heute ist der Mythos vom freundlichen Delfin ungebrochen. Nun fliegen Familien zur Schwimmtherapie nach Florida, damit ihre Kinder endlich Sprechen lernen oder aus ihrer inneren Isolation ausbrechen. Auch der Hamburger Arnold Schnittger hat ein solches Angebot schon gebucht - für seinen Sohn Nico, der sowohl körperlich als auch geistig behindert ist.

"Das Glücksgefühl, mit einem Delfin zu schwimmen, ist unbeschreiblich", sagt der Vater im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nico habe am Beckenrand große Fortschritte gemacht. "Wenn Du ein A sagst, darfst du mit dem Delfin schwimmen", habe man ihm versprochen. "Das hat ihn bewegt, ein A zu sagen." Zwei Mal war sein Sohn bereits zur Therapie auf der Karibikinsel Curacao. Kostenpunkt: je 8000 Euro.

Karsten Brensing kennt Erfolgsgeschichten wie die von Nico genau. "Ich habe häufig mit offenem Mund dagestanden, war völlig begeistert", sagt der Biologe. Er hat das Verhalten von Delfinen in Gefangenschaft in seiner Doktorarbeit untersucht. Inzwischen arbeitet Brensing für die Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS) - und hält die Delfintherapie für Tierquälerei. "Es stimmt nicht, dass die Tiere die Nähe zum Menschen suchen." Die Nähe werde dadurch erreicht, dass die Tiere gefüttert würden und die Becken sehr klein seien.

Die Tierschützer von der WDCS beobachten derzeit einen regelrechten Boom von Schwimmtherapien mit Delfinen - mit Folgen: "Es werden immer mehr Tiere gefangen," sagt Brensing. Ohne ständigen Nachschub von Wildtieren würde den Anbietern die Tiere ausgehen, denn in Gefangenschaft vermehren sich Delfine nicht ausreichend. Die Delfinhaltung in Becken sei wieder salonfähig - für Brensing ein Rückfall in die achtziger Jahre, als in Europa noch Dutzende Delfinarien in Betrieb waren.

Vorwürfe nicht nachvollziehbar

Die WDCS fordert deshalb jetzt einen generellen Boykott von Delfintherapien. Der Nutzen sei wissenschaftlich nicht belegt. Zudem stelle die Therapie ein Gesundheitsrisiko dar - sowohl für Menschen als auch für die Tiere. Rippenbrüche, Kratz- und Bisswunden seien möglich und auch dokumentiert - beispielsweise auf Kuba, in Japan und auf den Bermudas. Und es gebe weder Standards noch verbindliche Regelungen für die Anbieter, beklagen die Tierschützer.

Nicos Vater kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen: "Wenn die Therapie so gemacht wird wie in Curacao, dann habe ich keine Bedenken". Dort schwämmen die Tiere in einer großen Lagune und seien relativ frei. Von Verletzungen bei Tieren oder Menschen habe er nichts gehört, sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Noch heftigeren Widerspruch bekommen die Delfinschützer bei Erwin Breitenbach. Der Rehabilitationspsychologe von der Humboldt-Universität Berlin hat erst kürzlich in einer Studie die Wirkung der Delfintherapie untersucht. "Ich halte von den Behauptungen der WCDS nichts, solange sie nicht schlüssige Belege dafür vorlegt", erklärt er. Nach seiner Aussage gehe es der WCDS nicht um sachlich-fachliche Diskussion, sondern um "politische Agitation" zur Durchsetzung der eigenen Ziele.

Die Behauptung, es komme zu Verletzungen bei Mensch und Tier, sei "undifferenziert". "Ein Kind kratzt beim Streichelversuch den Delfin, der Delfin zuckt kurz, bleibt aber ruhig beim Kind liegen. Ist das eine solche Verletzung?", fragt er. Mit der Behauptung, es gebe keine wissenschaftlichen Belege für den Erfolg der Delfintherapie, könne man fast alle therapeutischen Verfahren angreifen und deren Verbot fordern.

Pferd als Partner für Jugendliche

Der Streit zwischen Gegnern und Befürwortern des Schwimmens mit Delfinen läuft schon länger - und geht auch quer durch die Reihen der Therapeuten. "Durch Delfine erreichte Effekte lassen sich meiner Meinung nach auch durch andere Tierarten erzielen", sagt Ingrid Stephan, die in Wedemark in Niedersachsen das Institut für soziales Lernen mit Tieren betreibt. Sie setzt einheimische Haustiere bei Therapien ein, beispielsweise Hunde oder Pferde.

"Es ist wichtig, die richtige Tierart und den passenden Tiercharakter auszuwählen", erklärt Stephan. Ein Kaninchen passe nicht zu einem Jugendlichen, der zu Gewalt neige, da sei beispielsweise ein Pferd viel besser. "Es muss eine Affinität da sein, das Kind sollte frei wählen können." Tiere könnten Kinder auf ganz andere Art ansprechen als andere Menschen: "Sie erfühlen Stimmungen und haben keine Erwartungshaltung. Sie übernehmen eine Art Eisbrecherfunktion."

Silke Schneider, Sonderpädagogin an der Universität Würzburg, arbeitet ebenfalls mit Hunden und Pferden - und nicht mit Delfinen. "Ich habe Probleme damit, wenn Tiere instrumentalisiert und funktionalisiert werden", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dies ist bei der Delfintherapie des Öfteren der Fall." Man müsse die artspezifischen, natürlichen Verhaltensweisen sowie die tierischen Bedürfnisse berücksichtigen.

Schneider räumt ein, dass es noch an wissenschaftlichem Hintergrund für die Therapien mit Tieren mangelt: "Das Gebiet ist noch relativ jung. Es wurde und wird derzeit jedoch viel geforscht, um das, was in der Praxis umgesetzt und erreicht wird, wissenschaftlich zu belegen."

Belastbare Zahlen fehlen

Breitenbachs Studie hat nach Aussage des Forschers gezeigt, dass die Eltern "stabile, positive Veränderungen" im Verhalten ihrer Kinder wahrnehmen, die auf die Delfintherapie zurückzuführen seien. Ganz so klar war das Ergebnis freilich nicht: "Die Eltern haben zwar Veränderung beobachtet, die Betreuer der Kinder jedoch nicht", erklärt die Pädagogin Stephan, die ebenfalls an der Studie mitgewirkt hat - mit einer Vergleichsgruppe für Therapien mit anderen Tieren als Delfinen.

Eine seriöse Beurteilung der Delfintherapie fällt auch deshalb schwer, weil wichtige Daten nicht verfügbar sind. So behaupten die Tierschützer der WDCS, dass Delfine in Gefangenschaft eine geringere Lebenserwartung haben. Harte Beweise haben sie dafür jedoch nicht, wie Karsten Brensing bestätigt: "Wir haben keine belastbaren Zahlen, aber viele Hinweise darauf, dass die Lebenserwartung in Gefangenschaft deutlich sinkt". Die Daten aus dem europäischen Zuchtbuch der Großen Tümmler, die Rückschlüsse auf die Lebenserwartung erlauben würden, seien geheim. "Wir fordern schon seit längerem ihre Herausgabe - bislang vergeblich."

Dass die Delfintherapie als so erfolgreich gilt, hängt womöglich auch mit einem bekannten psychologischen Effekt zusammen. "Wer Spendengelder sammelt und dann zur Delfintherapie in die USA fliegt, steht sicher auch unter einem gewissen Erfolgsdruck", sagt Ingrid Stephan. Wenn man dann zurückkomme, dann bleibe einem fast nichts anderes übrig, als von Erfolgen zu berichten.

Dies bestätigt auch Arnold Schnittger, Vater des behinderten Nico: "Man spart Monate dafür und neigt dann vielleicht eher dazu, Erfolge herauszulesen." An der positiven Wirkung des Delfinschwimmens auf seinen Sohn hat er jedoch keine Zweifel.

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