Tierseuchen Viren-Duo bedroht Seehunde

Zweimal schon hat das Staupe-Virus die Seehundbestände in Europa dezimiert. Nun glauben Forscher, dass ein neuer Erreger aufgetaucht ist. Sie befürchten, dass beide Viren zusammen ein Massensterben auslösen könnten.

Von Inga Richter


Viren können töten - und zwar nicht nur Menschen. 18.000 Seehunde starben bei der ersten dokumentierten Staupe-Seuche 1988. Rund 22.000 Opfer forderte die Krankheit im Jahr 2002 - fast die Hälfte der europäischen Bestände. Wie viele Kadaver auf dem Meeresboden liegen, kann nur vermutet werden. Sicher scheint allerdings, dass damals Sattel- und Kegelrobben die Sandbänke der Seehunde besiedelten und das Staupe-Virus (Phocine distemper virus, PDV) mit sich brachten, einen Krankheitserreger, der das Immunsystem der einheimischen Meeressäuger völlig unvorbereitet traf.

Robbe am Strand von Norderney: Gefahr durch Viren
DPA

Robbe am Strand von Norderney: Gefahr durch Viren

Im Juni 2007 sorgte die Nachricht von toten Tieren an den Küsten des Kattegats erneut für Aufruhr unter Forschern und Naturschützern. In nur einem Monat waren 48 verendete Seehunde angespült worden. Normalerweise werden etwa 30 Leichen in einem Jahr gefunden. Henrik Lykke Soerensen, Sprecher der dänischen Umweltbehörde, gab den Spekulationen Nahrung: "Wir können bestätigen, dass es sich um einen Ausbruch der sogenannten Seehundplage handelt." Sein Zusatz, dass man noch nicht wisse, welcher Typ Virus der Auslöser sei, blieb weithin ungehört.

In der Tat war diesmal einiges anders: Bis zum Ende der Ansteckungszeit, zwischen April und September, wenn sich die Seehunde samt Jungen auf den Sandbänken tummeln, wurden nur etwa hundert tote Tiere geborgen. Und die Fundorte blieben auf die Küsten von Dänemark und Schweden beschränkt. In einem Report an das Wattenmeersekretariat sprachen dänische Forscher die Hoffnung aus, dies wäre auf eine erworbene Immunität der Tiere zurückzuführen.

Sicher eine berechtigte Hoffnung, die aber hier nicht zutraf, wie sich nun herausgestellt hat. "Auch wenn einige dänische Veterinäre zuerst vermuteten, es handele sich um PDV, fielen alle Tests negativ aus", sagte Tero Härkönen vom Swedish Museum of Natural History im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Staupe war demnach nicht ursächlich für die Todesfälle. Welcher Erreger dahinter steckte, sei bis heute unklar. "Die Mortalität war sehr viel höher, als wir an den Stränden sehen konnten.", glaubt Härkönen. Er vermutet, dass die Mehrheit der Opfer in den Tiefen des Kattegats versank.

Selektionsvorteil schützt Teile der Population

Die wildlebende Tierwelt kennt keine Impfstoffe. Sie muss sich auf zwei Dinge verlassen: auf ihr Immunsystem und auf einen zufallsbedingten Selektionsvorteil. "Es gibt Viren mit unterschiedlich aggressivem Potential", sagt Andreas Dotzauer, Virologe an der Universität Bremen, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Schwächere Erreger bereiteten den Tieren auch weniger Probleme als aggressivere Varianten.

Auch der Gesundheitszustand der Lebewesen spiele eine wichtige Rolle bei der Immunreaktion. Wasserverschmutzung, Umweltbelastung und Stress schwächen die körpereigene Abwehr. Eine Aussage, in der sich die Zahl der Todfunde von 1988 widerspiegelt: In der schadstoffbelasteten Nordsee starben weitaus mehr Seehunde als in der weniger verschmutzten Ostsee.

Ein Aussterben von betroffenen Populationen ist laut Dotzauer ohnehin nur sehr selten zu beobachten. Dies liege auch an einer veränderten Stoffwechseltätigkeit bei einigen Individuen, die sie von ihren Artgenossen unterscheide und sie gegen einen speziellen Erreger resistent mache - ein Selektionsvorteil.

Auch benötigt jede Virenart bestimmte Moleküle auf den Wirtszellen, Rezeptoren genannt, die zu ihnen passen wie ein Schlüssel zum Schloss. Besitze ein Organismus diese Rezeptoren nicht, habe der Übeltäter keine Chance, erklärt Dotzauer. Folge: Die Krankheit bricht nicht aus. Zumindest, sofern das Tier nur von einer Erregersorte attackiert wird.

Schnelle Regeneration

Zudem profitiert die Seehundpopulation auch von der Selbsterhaltung der Viren. "Es ist wichtig für das Virus, dass die Wirtspopulation nicht zu sehr leidet", erläutert der Virologe. Schließlich würde es durch das Ausrotten der Wirte seinen eigenen Nährboden vernichten. "Es gibt immer welche, die überleben", sagt er.

Überlebende gab es auch nach den verheerenden Epidemien der vergangenen Jahre. Mehr noch: Die Seehundbestände regenerierten sich nach 1988 und 2002 erstaunlich rasch. Im Wattenmeer wurden vergangenes Jahr mehr Tiere gezählt, als zu erwarten gewesen wäre, gab das Internationale Wattenmeersekretariat in Wilhelmshaven kürzlich bekannt.

Indes arbeiten Härkönen und sein Team fieberhaft daran, das neue Virus zu identifizieren. "Das Problem ist, dass wir nun zwei verschiedene Krankheiten haben, die zusammen ein Massensterben verursachen können", sagt der Forscher. Auch wenn 2007 weniger dramatische Auswirkungen zu verzeichnen waren, könnten sich beide Erreger gegenseitig sehr stark beeinflussen. "Durch die Isolation des neuen Virus, können wir bessere Vorraussagen über diese Dynamik machen."



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