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Tiersprache: Stare verstehen Schachtelsätze

Forscher haben einen weiteren Hinweis dafür gefunden, dass Vögel bei weitem intelligenter sind als bisher vermutet. Stare haben in Experimenten etwas gelernt,  das bisher nur dem Menschen zugetraut wurde: den Schachtelsatz.

Obwohl viele Tiere brüllen, singen oder grunzen können, glaubten Forscher, dass nur Menschen Sätze mit eingefügtem Nebensatz verstehen können. Doch das hat sich nun als Irrtum herausgestellt. Stare können einfache grammatische Muster lernen, die bisher als charakteristisch für die menschliche Sprache galten.

Stare auf Oberleitung: Verschachtelungen aus Rätsch- und Triller-Lauten 
DPA

Stare auf Oberleitung: Verschachtelungen aus Rätsch- und Triller-Lauten 

Timothy Gentner von der University of Southern California in San Diego und seine Kollegen entdeckten diese ungewöhnliche Sprachbegabung der Singvögel, indem sie aus Triller- und Rätschlauten künstliche Starengesänge aufbauten, die bestimmten grammatischen Regeln folgten. Nach mehreren Monaten und viel Futterbelohnung konnten neun von elf Vögeln grammatische Regeln voneinander unterscheiden, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Die Wissenschaftler untersuchten ein Merkmal, das in allen menschlichen Sprachen zu finden ist: die sogenannte Rekursion. Diese Struktur erlaubt es, Wörter oder Sätze ineinander einzubetten. So kann beispielsweise der Satz "Das Buch ist sehr spannend" in die komplexere Struktur "Das Buch, das auf dem Tisch liegt, ist sehr spannend" umgeformt werden.

Theoretisch lässt sich diese Verschachtelung unendlich oft weiterführen. Verschachtelungen zu bilden und zu verstehen, gestanden Linguisten bisher ausschließlich Menschen zu. Auch galt die Rekursion als vielleicht einziges Merkmal, das nur in der menschlichen Sprache zu finden ist und diese somit einzigartig macht.

Um die grammatischen Regeln für Stare verständlich zu machen, bauten die Wissenschaftler künstliche Starengesänge aus Tonaufnahmen verschiedener Träller- und Rätschlaute zusammen. Einige davon waren nach den Regeln der rekursiven Grammatik aufgebaut: In einen Rätsch-Triller-Grundlaut betteten die Forscher einen zweiten solchen Grundlaut ein, was dann ein Rätsch-Rätsch-Triller-Triller-Geräusch ergab. Andere künstliche Gesänge waren nach einfacheren Regeln aufgebaut, die das Anhängen von Geräuschen nur am Anfang und am Ende einer Folge erlaubten.

Die Tiere lernten erfolgreich, beim Abspielen der rekursiven Gesänge auf einen Knopf zu picken. Nachdem sie das Grundmuster erkannt hatten, konnten sie auch neue Gesänge problemlos einordnen. Diese Resultate lassen vermuten, dass einige Tiere die grundsätzliche Fähigkeit zur Erkennung solcher grammatischen Muster mit dem Menschen teilen, sagte Gentner.

Das Experiment zeige, dass Sprache und das Erkenntnisvermögen von Tieren weitaus komplizierter ist, als Forscher jemals angenommen haben, sagte Jeffrey Elman, Kognitionswissenschaftler aus San Diego. Es zeige auch, dass es kein "einzelnes Wundermittel" gibt, das den Menschen vom Tier unterscheidet.

stx/AP/ddp

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