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Tierzucht: Forscher erschaffen den idealen Hund

Von Evan Ratliff

Das Rätsel der Vielfalt von Hunderassen ist gelöst: Wenige Unterschiede im Erbgut entscheiden darüber, ob es ein Dackel oder Dobermann wird. Runzelhaut, Wuschelfell oder Körperbau - mit kleinen Eingriffen erschaffen Forscher neue Rassen.

Sie nehmen an der exklusivsten Hundeschau der Welt teil, die alljährlich vom Westminster Kennel Club ausgerichtet wird. Der Club gilt in dieser Szene als so nobel wie der Veranstalter des Tennisturniers von Wimbledon. Morgen werden die schönsten Hunde des Landes, Vertreter von 173 Rassen, im Madison Square Garden darum konkurrieren, wer der allerschönste ist.

Heute geht es für die Vierbeiner noch locker zu. Während ihre Besitzer an der Rezeption Schlange stehen, riskiert ein Bassett einen schwermütigen Blick zu einem hektischen Terrier. Zwei muskelbepackte Rhodesian Ridgebacks begrüßen einen flauschigen Pyrenäenschäferhund. Vor dem Andenkenladen steht ein Tibetischer Mastiff mit Pfoten groß wie Menschenhände, Nase an Nase mit einem schnüffelnden Boxer.

Die Vielfalt von Größen, Ohrformen, Nasenlängen und Bellverhalten ist kaum zu fassen. Dabei gibt es die meisten der 350 bis 400 Hunderassen erst seit wenigen hundert Jahren. Menschen haben ihren besten Freund zur vielgestaltigsten Art der Welt gemacht - aus praktischen Gründen, aber auch aus Launen heraus. Die Züchter beschleunigen das normale Tempo der Evolution, indem sie ganz verschiedene Hunde gezielt kombinieren. Weitergezüchtet werden dann nur noch solche Tiere, bei denen die gewünschten Merkmale am stärksten ausgeprägt sind.

Im 18. und 19. Jahrhundert zum Beispiel wollten deutsche Züchter einen Hund für die Jagd auf Dachse. Sie paarten Hunde ganz bestimmter Rassen - vermutlich Bassetts und Terrier. So entstand über mehrere Generationen hinweg ein Tier mit kurzen Beinen und schlankem Körper, das seine Beute bis unter die Erde verfolgen kann - der Dackel. Seine locker sitzende Haut kann von spitzen Zähnen kaum durchdrungen werden. Hat der Dackel sich an einem Dachs festgebissen, kann ihn der Jäger an seinem langen Schwanz mitsamt der Beute im Maul aus dem Bau ziehen.

Dass sie bei der Kreation neuer Formen auch mit den Genen hantierten, die für die Anatomie maßgeblich sind, daran verschwendeten die Züchter natürlich keinen Gedanken.

Biologen dachten lange, dass ein Grund für die äußerliche Vielgestaltigkeit der Hunde eine große Vielfalt ihrer Gene sein müsse. Seit jüngstem aber weiß man: Entscheidend für das breite Spektrum von Körperbau, Farben und Größe der Hunde sind Veränderungen in nur wenigen Teilen des Erbguts. Den Größenunterschied zwischen einem Dackel und einem Rottweiler etwa regelt die Abfolge, die Sequenz der Bausteine in einem einzigen Gen. Veränderungen in einem anderen Gen programmieren den Unterschied zwischen krummen Teckel- und langen, schlanken Windhundbeinen.

Komplexes Wechselspiel vieler Gene und Genzustände

Ähnliches gilt für sämtliche Rassen und nahezu alle körperlichen Merkmale der Hunde. Wissenschaftler der Cornell-Universität in New York, der Universität von Kalifornien in Los Angeles und von der amerikanischen Gesundheitsbehörde National Institutes of Health haben DNA von mehr als 900 Hunden aus 80 Rassen gesammelt, außerdem von wilden Verwandten wie Grauwölfen und Kojoten.

Was sie herausfanden, ist verblüffend: Es scheinen nur rund 50 molekulare Schalter auf wenigen Genen zu sein, die Körpergröße, Felllänge, Felltyp, Nasenform, Stellung der Ohren, Fellfarbe und andere Merkmale eines Hundes bestimmen. Der Unterschied zwischen hängenden und aufrecht stehenden Ohren geht auf eine einzige genetische Region auf dem Hundechromosom 10 (CFA10) zurück.

Die Runzelhaut eines chinesischen Shar Pei wird durch eine Veränderung in der Region HAS2 bewirkt. Der hochstehende Fellstreifen eines Rhodesian Ridgeback entsteht durch eine Mutation im Bereich CFA18. Nur wenige umgelegte Schalter bewirken die Unterschiede zwischen Dackel und Dobermann.

Dieser simple Schaltplan ist in der Natur außergewöhnlich. Zwar vermitteln Berichte über Gene für rote Haare, Alkoholismus oder Brustkrebs oft den falschen Eindruck, die meisten körperlichen Eigenschaften seien jeweils durch ein spezielles Gen festgelegt. In den allermeisten Fällen reguliert aber ein komplexes Wechselspiel vieler Gene und Genzustände, wie ein Organismus aussieht oder wie anfällig für Krankheiten er ist. Beim Menschen zum Beispiel ergibt sich die Körpergröße durch das Zusammenspiel von rund 200 Genabschnitten.

Warum ist das bei Hunden anders? Weil ihre Evolution anders verlief, sagen Fachleute.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. auf den ersten Blick widersprüchlich...
john_adams 05.02.2012
dass vergleichsweise wenige genetische Veränderungen zu solche einer Vielfalt führen können. Auf den zweiten Blick muss es aber logisch erscheinen, denn bei hochkomplexen Genwechselwirkungen wäre eine einfache Zucht von Rassen wie beim Hund nie möglich gewesen. Natürliche Evolution hingegen scheint die Unterschiede innerhalb einer Gattung weitestgehend zu nivellieren, siehe fast alle Säugetiere, wie auch den Menschen. Der Forschungsansatz ist sehr interessant, da er die Möglichkeit bietet, Mechanismen in einfachen und überschauberen Systemen zu studieren, und dann erst zu komplexeren Systemen zu gehen. Dies ist ja generell das Erfolgsgeheimnis von Physik und Chemie.
2.
matthias schwalbe 05.02.2012
Ein sehr guter Bericht! Mit einer Einschränkung- Überschrift sollte heißen: "Menschen schaffen nie den idealen Hund" Meistens schaffen Menschen damit eigentlich mehr Probleme, was wiederum Menschen zum Schutz von Hunderassen veranlasst. Stichwort Qualzuchten (Mops,Pekinesen) oder gar das "beliebte" Schlagwort- der Kampfpresse mit Null- Ahnung: Kampfhund. Hundezucht sollte daher nur erfahrenen und anerkannten Personen gestattet werden. Hundehalter sollten m.M. nach alle einen "Hunde-Führerschein" und Sachkundenachweis ablegen. Interssanter Link hierzu Bully´s Place Hundetraining (http://www.bullys-place.de.vu/)
3.
Asirdahan 05.02.2012
Wozu soll diese Spielerei mit den Rassen gut sein? Hier werden Lebewesen designt wie ein Gegenstand. Nicht alles, was machbar ist, sollte man auch tun. Bei Menschen ist der Aufschrei zu Recht groß, wenn man "Designer-Babies" haben möchte. Hunde sind zwar keine Menschen, aber woher nehmen wir uns das Recht, diese Tiere um der bloßen Vielfalt willen, also um des Vergnügens willen, in alle möglichen Gestalten zu zwingen? Es gibt Rassen, wo das in Tierquälerei ausartet. Aber auch wenn den Hunden nichts passiert, es ist einfach unwürdig, so mit Leben umzugehen. Zumal wir bereits unzählige Hunderassen haben.
4. Re: Forscher erschaffen den idealen Hund
Tom Joad 05.02.2012
Die Überschrift sollte eher lauten: "Forscher verzüchten den idealen Hund". Den idealen (gesündesten, widerstands- und überlebensfähigsten) Hund gibt es nämlich schon sehr lange, er nennt sich Canis lupus = Wolf.
5. halbgar
Hirschmann12 05.02.2012
Leider ist neben dem eingeschränkten Genpool mit dem die meisten jungen Züchtungen leben müssen auch zu wenig (bis) falsch dargestellt, daß viele sehr typische Ferhaltensdefekte bestimmte Hunderassen kennzeichnen. Das wird gern von den Züchtern verschwiegen. Das geht bis zur Selektion von Richtern die jene Hunderassen "tollerieren" oder gar prämieren. Fehlferhalten wird nach wie vor nicht gebührend negativ bewertet. Leider fehlt die Problembehandlung in dem Beitrag.
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Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Februar 2012, www.national-geographic.de.

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Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die fr die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.

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